Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel Statt Gefängnis: Spritzen gegen den Trieb
Lokales Brandenburg/Havel Statt Gefängnis: Spritzen gegen den Trieb
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:25 24.05.2018
Das Archivbild zeigt einen Mann, der im Begriff ist, Gewalt gegen eine Frau anzuwenden. In dem Brandenburger Fall stand ein 25-Jähriger wegen versuchter Vergewaltigung vor Gericht.
Das Archivbild zeigt einen Mann, der im Begriff ist, Gewalt gegen eine Frau anzuwenden. In dem Brandenburger Fall stand ein 25-Jähriger wegen versuchter Vergewaltigung vor Gericht. Quelle: Maurizio Gambarini
Anzeige
Brandenburg/H

Der junge Angeklagte erspart sich mit einer folgenreichen Entscheidung das Leben im Gefängnis. Der pädophil veranlagte Mann ist bereit, sich regelmäßig eine Spritze geben zu lassen, sie seinen Trieb dämpft. Dafür wird seine Haftstrafe wegen versuchter Vergewaltigung zur Bewährung ausgesprochen.

Der Fall vor dem Schöffengericht Brandenburg nimmt in dieser Woche eine überraschende Wende. Der 25 Jahre alte Tobias J. ist angeklagt, weil er versucht hat, seine gleichaltrige Partnerin zu vergewaltigen, die ihm gerade den Laufpass gegeben hat. Doch das ist nicht alles, wie sich herausstellt.

Die versuchte Vergewaltigung am 23. Juli 2017 in einer Wohnung in Brandenburg/Havel ist in einigen Details, aber nicht grundsätzlich umstritten.

Partnerin trennt sich, da rastet der Angeklagte aus

Die Partnerin von Tobias J., mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, macht an dem besagten Tag Schluss mit ihm, verkündet ihm also klar und deutlich die Trennung. Damit kommt der junge Mann nicht zurecht. Er wird wütend, rastet aus, will wenigstens noch einmal Sex haben mit der Mutter seines Kindes.

Er stößt sie zu Boden, wirft sich auf sie, hält ihre Hände und Arme fest und versucht, ihr die Hose und den Slip auszuziehen, während er seine Oberschenkel fest gegen ihre Beine presst.

Die Ex-Partnerin spürt seine Erektion, wehrt sich entschieden und nach eigener Darstellung letztlich erfolgreich. Mit einem Tritt in seine Weichteile habe sie ihn seiner Lust beraubt. Tobias J. lässt ab von ihr und legt sich zwischen Couch und Fenster auf den Boden. Dort liegend findet ihn die alarmierte Polizei.

Der Mann, der an den unpassendsten Stellen lächelt

Für die Gewalttat hätte der große, etwas schlaksige Mann, der den Förderschulabschluss geschafft hat, mit einer Gefängnisstrafe rechnen müssen. Doch es kommt etwas anders für den Angeklagten, der sehr oft lächelt in Momenten, in denen das gar nicht passt. Zum Beispiel im Gerichtssaal.

Ein vom Gericht bestellter Fachgutachter hat den Angeklagten vor dem Prozess gesprochen und untersucht. Nach seinen Angaben ist er unterdurchschnittlich intelligent und hat eine leichte Borderline-Störung, ist aber im übrigen schuldfähig.

Tobias J. vertraut dem Gutachter an, dass er pädophile und andere verbotene sexuelle Neigungen habe. Auf Internetplattformen habe er nach Minderjährigen Ausschau gehalten und auch ältere Mädchen kontaktiert, um womöglich an deren jüngere Geschwister heranzukommen.

Partnerin sollte sich wie ein Schulmädchen kleiden

Im Alter von 17 Jahren habe er sich an der vierjährigen Tochter einer Freundin vergangen, die er beaufsichtigen sollte. Seine Ex-Partnerin, die ja erwachsen ist, habe sich als Schulmädchen kleiden sollen, um ihn sexuell zu erregen.

Ärztliche Untersuchungen haben seine pädophile Neigung bestätigt. Der Gutachter schätzt das Rückfallrisiko bei diesem Angeklagten als hoch ein, der sich derzeit in psychiatrischer Behandlung befindet.

Eine „tickende Zeitbombe“

Richterin Susanne Götsche beschreibt den Angeklagten als „tickende Zeitbombe. Ihre zentrale Frage lautet daher: Was wird J. womöglich einer Frau oder einem Mädchen antun, wenn er seine nicht allzu lange Haftstrafe verbüßt hat und dann ohne Kontrolle wieder in Freiheit kommt?

Der Angeklagte hat Angst vor dem Gefängnis, will vieles auf sich nehmen, um dort nicht hin zu müssen. Er bekommt aktuell Medikamente, die seine sexuellen Fantasien und sein Verhalten laut Gutachter kontrollieren und seinen Trieb unterdrücken.

Wirksamer als die Tabletten sind in dieser Hinsicht allerdings Spritzen, die in größeren Zeitabständen verabreicht werden, aber deutliche Nebenwirkungen haben. Ein Gericht darf eine solche Behandlung nicht anordnen. Deshalb fragt die Richterin den Brandenburger, wozu er sich selbst verpflichten würde.

Wegen der Spritze nur eine Bewährungsstrafe

Der Angeklagte erklärt sich bereit, den massiven Eingriff in seinen Körper und seine Gesundheit zu erdulden. Nur deshalb verhängt das Schöffengericht die 15-monatige Haftstrafe zur Bewährung, mehr als doppelt so viel wie Staatsanwalt und Verteidigerin Bettina Holstein beantragen.

Tobias J. bekommt die Weisung, dem Gericht drei Jahre lang regelmäßig nachzuweisen, dass er sich gegen seinen unberechenbaren Trieb spritzen lässt. Nur unter dieser Bedingung bleibt er in Freiheit.

Von Jürgen Lauterbach