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Brandenburg/Havel Unbändiger Wunsch nach Freiheit: Dissidenten erinnern sich an Zeit vorm Mauerfall
Lokales Brandenburg/Havel Unbändiger Wunsch nach Freiheit: Dissidenten erinnern sich an Zeit vorm Mauerfall
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15:23 01.11.2019
Schriftsteller und Publizist Marko Martin, Moderator Martin Fischer, die Leiterin des Kollegs für Polnische Sprache und Kultur Anna Zinserling und der Ehrenvorsitzende der FDP Brandenburg Jürgen Türk (v.l.n.r.) diskutieren über dissidentisches Denken.  Quelle: Heike Schulze
Brandenburg/H

Was macht einen Dissidenten aus? Wie weit reicht der Faschismus in der Zeit nach dem Krieg und sogar bis heute? Wie sieht es mit der Erinnerungskultur aus? Und sollte dissidentisches Denken und vor allen Dingen Handeln nicht mehr gewürdigt werden?

Diese Fragen sind aktueller denn je, gerade im Jubiläumsjahr des Mauerfalls. Einige Dissidenten von einst gingen jetzt in einer öffentlichen Diskussionsrunde auf die Suche nach Antworten.

Es war ein denkwürdiger Abend im Saal des Interkulturellen Zentrums „Gertrud von Saldern“ in Brandenburg an der Havel. Schriftsteller und Publizist Marko Martin, Moderator Martin Fischer, die Leiterin des Kollegs für Polnische Sprache und Kultur Anna Zinserling und der Ehrenvorsitzende der FDP Brandenburg Jürgen Türk (v.l.n.r.), von 1990 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, erinnerten sich am Dienstag gemeinsam an die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Marko Martin stellt sein Buch vor

Die Friedrich Naumann Stiftung hatte in Zusammenarbeit mit ihren Kooperationspartnern, der Karl-Hamann-Stiftung für liberale Politik im Land Brandenburg, der Europa-Union-Brandenburg und der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft Brandenburg, zu einer Lesung mit dem Autoren Marko Martin eingeladen.

Er las etwa eine halbe Stunde aus seinem im August erschienenen Buch „Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“ und regte weitere Erlebnisberichte an. „Ich habe in der DDR nichts Schlimmes erlebt“, erzählte er selbst, obwohl er als Kriegsdienstverweigerer in der DDR seine Lehrstelle los war. Er war „sozialisiert vom Rias Berlin“, er wollte dahin, „wo es laut und bunt war“ und stellte folgerichtig seinen Ausreiseantrag, dem auch entsprochen wurde.

Beim Fluchtversuch nach West-Berlin erschossen

Er hat erst später bei den vielen Recherchearbeiten für seine Bücher und auch bei Lesungen von wahren Tragödien und Schicksalen erfahren, die ihn sehr beschäftigten. Einmal kam nach einer solchen Veranstaltung eine gebrochene Frau zu ihm, Kathrin Gueffroy. Ihr Sohn Chris hätte doch nur reisen wollen, erzählte sie.

Er suchte sich seine Ziele nicht mit dem Finger auf der Landkarte, sondern gleich auf dem Globus. Bei seinem Fluchtversuch nach Westberlin schossen Soldaten der NVA trotz aufgehobenen Schießbefehls auf ihn, er wurde zum vorletzten Todesopfer an der Berliner Mauer.

Auch Jürgen Türk erinnert sich. „Schweigen ist mein Ding nicht“ – an diesem Buch arbeitet er gerade, es soll im 30. Jahr der Wiedervereinigung erscheinen. So gern wie er schreibt erzählt er auch, anschaulich und lebhaft. Zu DDR-Zeiten arbeitete er als verantwortlicher Ingenieur an der „Druschba-Trasse“, der gewaltigen Erdölleitung, die den Ostblock mit dem kostbaren Rohstoff versorgen sollte.

Funktionäre werfen dem Ingenieur Sabotage vor

Er wusste um den Lößboden, der die Ukraine zu weiten Teilen bedeckt und sich bei Regen einfach nur in Schlamm verwandelt. Er legte die Bauarbeiten an einem Regentag still, und wie der Teufel es manchmal will, kam genau an diesem Tag eine Delegation aus Parteifunktionären, die ihm sofort Sabotage unterstellten und die Begründung für seine Entscheidung nicht akzeptierten. Zu dem angedrohten Strafverfahren kam es dann doch nicht. Dem Vernehmen nach blieb besagte Delegation bei ihrer Tour selbst im Modder stecken.

Die Dissidentin verschlingt Untergrundliteratur

Anna Zinserling ist Polin. Auch sie holt Erinnerungen an früher heraus, zum Beispiel an ihr Soziologiestudium, in dem sie neben der Pflichtlektüre an „Untergrundliteratur“ alles, was zu bekommen war, viel lieber verschlang. Damals las sie Bücher „in Schichten“, selbst von sechs Uhr abends bis früh um zwei, dann die Mutter.

Tagsüber bekam das Buch eine Freundin, die gerade frei hatte. Heute schätzt man, dass mehr als 100.000 Polen ständig Kontakt zu dissidentischen Informationen hatten, 250.000 immerhin gelegentlich. Die Grundeinstellung war: „Das ist nicht unser Staat.“

In Kanada bekommen Dissidenten Rentenpunkte

Der Brandenburger Pfarrer Philipp Mosch warf ein, dass es in Kanada dafür sogar Rentenpunkte gebe.

Es gab eine Reihe von Fragen aus dem Publikum, die erst in größerem, dann aber auch in kleinem Kreise bei frischen Brezeln und einem Gläschen diskutiert wurden.

Moderator Martin Fischer freut sich bereits auf den nächsten Abend dieser Art in einem Jahr. „Vielleicht sind die Menschen schon etwas überfrachtet von den Veranstaltungen zu „30 Jahre Mauerfall und friedliche Revolution.“ Da tue es dann der auf ganz Europa ausgerichtete Ansatz des gestrigen Abends auch nicht mehr.

Von Heike Schulze

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