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Brandenburg/Havel Unschuldig auf 15-Jährige eingeprügelt
Lokales Brandenburg/Havel Unschuldig auf 15-Jährige eingeprügelt
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17:10 09.01.2015
Der beschuldigte Mann mit Verteidiger Schmedes (li.) im Gerichtssaal. Quelle: MAZ
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Brandenburg an der Havel

Zunächst hatten die beiden Schülerinnen gelassen reagiert, als der fremde, heute 60 Jahre alte Wolfgang D. in die Straßenbahn zustieg und Lisa M. als „Hure“ und „Ausländerpack“ beschimpfte, das endlich mal arbeiten gehen soll. Der Fremde schien sich danach zu beruhigen, setzte sich weiter vorn hin.

Doch etwa in Höhe des Nicolaiplatzes stand er wieder auf, ging auf die arglose Lisa M. zu und boxte sie ohne Vorwarnung ein paar mal mit voller Wucht ins Gesicht, so dass ihr Jochbein brach, sie Prellungen und eine Einblutung hinterm Ohr davon trug. Die Mädchen schrien um Hilfe. Lisa M. sagte als Zeugin aus, dass niemand ihr zur Hilfe gekommen sei.

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Der Straßenbahnfahrer hatte jedoch reagiert, die Bahn hielt an, die Polizei war schnell da. Inzwischen ist das damalige Opfer 18 Jahre alt, die 2. Strafkammer des Potsdamer Landgerichts hörte sie und ihre Freundin in dieser Woche als Zeugin.

Wolfgang D. stand zwar wegen dieses Übergriffs und weiterer Straftaten vor Gericht, doch Verurteilung und Strafe drohten ihm von vornherein nicht. Denn der 60-Jährige ist wegen seiner psychischen Krankheit schuldunfähig. Gutachter Ulrich Wendt bescheinigt ihm eine paranoide halluzinatorische Schizophrenie. Das bedeutet, der Mann fühlt sich permanent von allen Seiten verfolgt, er hat Trugwahrnehmungen.

In seiner Welt wird Wolfgang D. mit Gift aus Lüftungsschächten und Steckdosen traktiert, ist er umgeben von Terrorbanden, bringt seine Einkaufshilfe ihm vergammeltes Brot und vergiftetes Fleisch, wird Schindluder getrieben von Anwälten, Ärzten und der Polizei. „Und auch von Ihnen“, deutete er auf Richter Tiemann.

Dass der Beschuldigte auf die 15-Jährige Schülerin eingeprügelt hat und fremde Frauen als Huren und Schlampen beleidigt und bedroht hat, ist sonnenklar. Doch in Wolfgang D.’s Welt kommt die eigene Straftat nicht vor, streitet er sie ab. Er selbst empfindet sich nämlich nicht als krank. Daher lehnt er auch die Behandlung im psychiatrischen Krankenhaus ab.

In dem so genannten Sicherungsverfahren ging es darum zu klären, ob Wolfgang D. eine große Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und er daher zeitlich unbegrenzt in die Psychiatrie gesperrt werden muss. Um gerichtlich derart massiv in das Grundrecht eines Menschen einzugreifen, verlangt das Gesetz jedoch die hohe Wahrscheinlichkeit, dass er wieder schwere Straftaten begeht.

Staatsanwältin Sarah Kress, Verteidiger Simon Daniel Schmedes und Richter Jörg Tiemann sehen diese außerordentliche Gefahr übereinstimmend nicht. Denn Wolfgang D. hat vor seinen vier, fünf Ausfällen zwischen April und Juni 2011 nichts Schlimmes mehr angestellt. Außerdem geht er nach Hüftoperationen an Krücken und ist daher körperlich daher stärker eingeschränkt als früher. Einfach ausgedrückt: Psychisch ist eine Gefahr bei ihm zwar immer gegeben, aber körperlich ist es zu schwach.

Die körperlichen Wunden von Lisa M. sind verheilt, die seelischen nicht. Die junge Frau traute sich jahrelang aus Angst nicht mehr in öffentliche Verkehrsmittel hinein. Ihre Eltern mussten sie über Jahre überall hinfahren. Inzwischen fährt sie selbst Auto.

Von Jürgen Lauterbach

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