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Brandenburg/Havel Unter Volldampf in die Politik
Lokales Brandenburg/Havel Unter Volldampf in die Politik
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00:16 12.12.2017
Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (parteilos/Fraktion Die Linke) beim Wahlkreistag im DRK-Kinderdorf.
Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (parteilos/Fraktion Die Linke) beim Wahlkreistag im DRK-Kinderdorf. Quelle: Foto: privat
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Brandenburg/H

„In der nächsten Woche darf ich wahrscheinlich meine erste Rede vor dem Plenum halten.“ Aufgeregt? „Natürlich bin ich aufgeregt. Das ist der Bundestag“, sagt Anke Domscheit-Berg und lacht. Die parteilose Abgeordnete, die für die Linken im Bundestag sitzt und für den Wahlkreis 60 zwischen Brandenburg, Jüterbog und Rathenow verantwortlich ist, war jetzt in Brandenburg, um in ihrem Wahlkreis nach dem Rechten zu sehen.

Seit fast zwei Monaten gehört Anke Domscheit-Berg, die in Premnitz geboren ist, nun dem Bundestag an. Auch wenn keine Regierung gebildet worden ist: Gearbeitet wird im Bundestag. In den beiden Sitzungswochen tage der Bundestag fast ununterbrochen. Um zu erfahren, wie das Parlament funktioniere, wie die Abläufe sind – aber auch um zu sehen, wie Politik funktioniert – habe sie sich wann immer es ging in den Plenarsaal gesetzt. Manchmal zwölf Stunden lang um zu hören, wie über fünf Auslandseinsätze der Bundeswehr jeweils eine Stunde lang verhandelt und abgestimmt werde. Die Wortbeiträge und die Wirkungsmechanismen seien häufig gleich gewesen.

Und doch sei es anstrengend, der Debatte zu folgen. „Dass das so anstrengend ist, habe ich unterschätzt“, sagt die junge Frau, die inzwischen mit sechs Mitarbeitern Büros in Berlin, Brandenburg, Rathenow und Oranienburg managet.

Da noch keine neuen Ausschüsse gewählt wurden, sei für sie Ausschussarbeit noch gar nicht los gegangen, erzählt sie. Sicher sei aber, dass die Linke sie in den Ausschuss schicke, in dem es um Digitalisierung, Breitbandausbau und Internet – also ihre Spezialgebiete gehe.

Mit ihrem Fachgebiet Digitalisierung ist die Politikerin ein viel gefragter Ansprechpartner für überregionale Termine. „Dazu kommen in der Woche zwei bis drei Medientermine.“ In mehreren großen Talkshows, unter anderem bei Maybrit Illner, war die 49-Jährige seit ihrer Wahl bereits zu Gast. Das sei aufwendig und zeitfressend. „Aber natürlich mache ich das, wenn uns diese wichtige Möglichkeit auf dem Silbertablett präsentiert wird.“ Denn dort könne man für seine politischen Interessen und auch für den eigenen Wahlkreis werben.

Gespannt ist Anke Domscheit- Berg auf das erste Zusammentreffen mit Dietlind Tiemann (CDU). Bisher habe sie Tiemann, die im September den Wahlkreis direkt gewann, im Bundestag „erstaunlicher Weise noch nicht einmal gesehen“: „Aber da sind ja manchmal auch über 700 Abgeordnete.“ Was sie sich vorgenommen habe für vier Jahre? Sie überlegt kurz: „Es wäre gut, wenn ich dafür sorgen könnte, dass sich jeder Politiker die Frage stellt: Wie verändert die Digitalisierung unsere Welt?“ Antworten darauf hätten die wenigsten. Viele Politiker – quer durch alle Parteien – würden sich nicht einmal die Frage stellen. „Dabei wissen wir genau, dass die Digitalisierung viele, viele Millionen Arbeitsplätze weltweit kosten wird und unsere Welt völlig umkrempelt.“

Darüber hinaus wolle sie für ihren Wahlkreis und den Betreuungswahlkreis Politik machen. Deshalb werde sie nun jeden Monat im Wahlkreis vor Ort sein. Zwei Tage tourte die Frau mit dem roten Hut jetzt durch die Havelstadt und besuchte Kinder- und Jugendeinrichtungen. So war sie im Kinderdorf des DRK, wo sie 200 Schokoweihnachtsmänner verteilte und sich mit Vertreterinnen der Kitas über die finanzielle und personelle Ausstattung und Integration austauschte.

„Ich habe Kinder erlebt, bei denen blieb der Stiefel am 6. Dezember leer. Das bricht mir als Mutter das Herz.“ Manche würden nicht dran denken – aber bei vielen fehle einfach das Geld. Im Gespräch mit der MAZ warb die Politikerin für ein „Kinderweihnachtsgeld“ in der Höhe eines halben Kindergeldes. In Deutschland sei jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Zum Jahresende sei der Finanzbedarf einfach höher. Das wisse jeder, nur im Hartz-4-Warenkorb finde sich das nicht.

Bei der Eröffnung ihres Wahlkreisbüros in der Kirchhofstraße sprach Domscheit-Berg mit dem Beigeordneten Wolfgang Erlebach (Linke) über Möglichkeiten digitaler Bildung an Grundschulen und über die Lebensverhältnisse in der Stadt und Kinderarmut. Das Problem sei in Brandenburg „sehr groß, denn Brandenburg an der Havel gehört zu den drei Städten im Bundesland mit dem höchsten Anteil armer und von Armut bedrohter Kinder“, beklagt die Politikerin.

Von Benno Rougk

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