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Brandenburg/Havel Verführer oder Sexist? Blaubart im Theater
Lokales Brandenburg/Havel Verführer oder Sexist? Blaubart im Theater
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00:19 17.01.2018
Um Erotik und sexuelle Avancen im Verwirrspiel geht es in erster Linie beim „Blaubart“. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Brandenburg/H

Dazu studierten die Brandenburger Symphoniker in Windeseile den Orchesterpart ein und brachten unter der umsichtigen Leitung des Kapellmeisters Alexander Merzyn Solisten und Chor zu schönstem Einklang.

„Wo ich bin, ist keine Provinz“ heißt augenzwinkernd und doch selbstbewusst ein Buch des ehemaligen Intendanten des Theater Cottbus, Christoph Schroth. Sein Nachfolger Martin Schüler (Operndirektor seit 1991) nahm Anspruch und Ausrichtung vor 15 Jahren auf. Insbesondere Orchester-und Chorniveau konnten auf Staatstheater-Erwartungen gehoben werden; die Solistenriege bietet, ergänzt um hochkarätige Gäste, gehobenes Stadttheater-Niveau. Sympathisch und heute nur noch selten anzutreffen, ist der seit Jahrzehnten gepflegte Ensemble-Gedanke. So singen und spielen Gesine Vorberger, Jens Klaus Wilde, Andreas Jäpel , Hardy Brachmann oder Matthias Bleidorn seit Jahren unentwegt in Cottbus oder auf Bühnen der Verbundstädte Potsdam und Brandenburg an der Havel. Auf die Heimatbühne stemmen die Cottbuser in dieser Spielzeit große („Don Carlos“, „Macbeth“) und allergrößte („Turandot“) Opernproduktionen.

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Musiktheater lebt von der sehnsüchtigen, abgewiesenen, verbotenen oder erfüllten Liebe; gern kommt sie als Familienaufstellung vor tragischem oder heiterem Hintergrund daher. Ist das noch knisternde Erotik oder schon sexuelle Nötigung? Liegt für weitergehende Avancen beidseitiges Einverständnis vor? „Heut könnt einer sein Glück bei mir machen, Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n, Gern hab ich die Frau´n geküsst“- die Operette ist eine Liebes-Anbahnungs-Lehranstalt mit schwer vergänglichen Melodien. Aber auch in der großen Schwester Oper gehen die Wüstlinge, Sunny-Boys, Maul-und Pantoffelhelden, Herzensbrecher, Verführer und Frauenversteher ein und aus.

Jakob Eberst, 1819 in Köln geboren, studierte in seiner Wahlheimat Frankreich Cello und Komposition und nannte sich schon bald Jacques Offenbach. Der überzeugte Pazifist erhält 1860 die französische Staatsbürgerschaft und wird Ritter der Ehrenlegion. Sein Hang zur politischen Satire und der Parodie großer Opern, verbunden mit durchsichtigem Orchesterklang und eingängigen Melodien, bescheren ihm 20 Jahre lang sensationelle Operettenerfolge. Orpheus in der Unterwelt, Die schöne Helena, Pariser Leben oder die Großherzogin von Gerolstein findet man heute noch regelmäßig auf den Spielplänen. Die nachgelassene phantastische Oper „Hoffmanns Erzählungen“ blieb ein Welthit, zu dem sich zunehmend „Fantasio“ gesellt.

Auch „Ritter Blaubart“ ist in seiner genialen Mischung aus Musiktheater und Kabarett, Erotik und Zeitkritik ein typischer Offenbach. Die Cottbuser Aufführung wurde diesseits und jenseits des Orchestergrabens ein halber Erfolg. Durch die konzeptionelle Anlehnung an die legendäre Berliner Felsenstein-Inszenierung setzt Regisseur Steffen Piontek sich und Ensemble dem direkten Vergleich mit dem Original aus und kann so nicht gewinnen. Der Spielleiter ist nicht Felsenstein, Jens Klaus Wilde nicht Hanns Nocker und der wunderbare Matthias Bleidorn schon gar nicht Werner Enders. Wenn etwas unfassbar Vollkommenes - man denke an Loriot, Harald Juhnkes Bühnen- oder Heinz Rühmanns Filmklassiker- ist Nachspielen, eben weil das Original unübertroffen bleiben muss, sehr riskant.

So bleibt alles Abgründige, Dämonische, Gefährliche bloße Behauptung. Also ist alles Spaß auf Erden?

Den können Solisten und Chor zur Freude des Publikums durchaus vermitteln. Mit Abstand die bemerkenswertesten Leistungen erbrachten dabei die stimmlich und darstellerisch liebreizende Liudmila Lokaichuk (Fleurette) und, mit wohlklingendem Bariton, Andreas Jäpel (Popolani).

Carola Fischer (Boulotte) und Jens Klaus Wilde (Blaubart) agieren am Limit. Der Tenor singt wie immer in seiner eigenen Liga und bleibt als Frauenverschleißer ein stolzer halber Hahn im Korb. So liefert er nicht ganz freiwillig eine Parodie zur Opernparodie, kann sich aber, wie das ganze Ensemble, am Ende doch an dem sehr herzlichen Beifall erfreuen.

Von Michael Treffehn

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