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Brandenburg/Havel Weit draußen, aber nicht hinterm Mond
Lokales Brandenburg/Havel Weit draußen, aber nicht hinterm Mond
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17:55 16.11.2017
Lindenhof-Bewohner vor dem neuen Außenlift am Paul-Braune-Wohnhaus. Der Fahrstuhl wurde in diesem Jahr angebaut.
Lindenhof-Bewohner vor dem neuen Außenlift am Paul-Braune-Wohnhaus. Der Fahrstuhl wurde in diesem Jahr angebaut. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Grabow

Feierabend. Mit Bussen kommen Männer und Frauen von der Arbeit aus der Stadt. Wer noch keine Werkstatt besuchen kann, hat einen Tag im Förder- und Beschäftigungsbereich hinter sich, wo praktische Fähigkeiten trainiert werden. Sie lachen und scherzen beim Aussteigen. Betreuer werden begrüßt. Erwachsene mit Handicap freuen sich auf ihre Freizeit in den Wohngruppen. Sie leben auf dem Lindenhof.

Am Anfang nur Männer

Auf dem Lindenhof bei Grabow befand sich bis in die 1920er-Jahre eine der Ziegeleien des Domkapitels. Von der Tongewinnung zeugen die mit Wasser gefüllten Grabower Löcher. In den Nachkriegsjahren wurde das Paul-Braune-Haus eingerichtet, in dem männliche Bewohner mit Behinderungen aufgenommen wurden.

Unter der Flagge des Domkapitels arbeiteten die Bewohner auf dem Lindenhof oder auf den Äckern und in den Ställen des benachbarten Domstiftsgutes Grabow. 1980 wurde das Objekt eine Außenstelle der Wohn- und Werkstätten „Theodor Fliedner“. Es begann die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten.

Auf dem Lindenhof leben heute 44 Frauen und Männer. Die jüngste Bewohnerin ist Mitte 20, der älteste Mann 85 Jahre alt. Es gibt drei Wohnhäuser mit Einzelzimmer. Die Mitarbeiter leben christliche Werte, für Bewohner ist die konfessionelle Ausrichtung unerheblich.

Sieben Kilometer vor der Stadt Brandenburg betreibt der Landesausschuss für Innere Mission (LAFIM) über seine Fliedners-Tochter eine von sechs Wohnstätten für Menschen mit geistigen oder mehrfachen Behinderungen sowie seelischen Erkrankungen. Keine Einrichtung ist so weit vom städtischen Umfeld entfernt wie der Lindenhof bei Grabow. Trotz der logistischen Herausforderung muss der ländliche Standort kein Nachteil sein. „Im Gegenteil. Wir sind sehr froh, dass wir Wohnplätze in der Stadt, am Stadtrand und auf dem Lande anbieten können. Die Nachfrage bestärkt uns am Festhalten des Lindenhofs“, bekräftigt Fliedners-Pressesprecher Olaf Eggert.

Wer in eine der fünf Wohngruppen aufgenommen werden will, muss mitunter Geduld haben. Alle 44 Plätze sind belegt. „Keines der Einzelzimmer bleibt lange leer. Es gibt sogar eine Warteliste. Weit über 60 schriftliche Aufnahmeanträge für alle sechs Fliedners-Wohnstätten können derzeit nicht berücksichtigt werden. Interessenten, die sich für den Lindenhof entscheiden, schätzen die Nähe zur Natur und die direkte Lage am Beetzsee. So, wie sie es aus ihren Heimatorten in der Umgebung kennen“, berichtet Wohnstättenleiterein Katja Hennig. Ländlich abgelegen, aber nicht hinterm Mond, werden die Bewohner von 35 Mitarbeitern betreut. Heilerziehungspfleger und Heilpädagogen kümmern sich um die fachspezifischen Belange ihrer Schützlinge, die das weiträumige Außengelände zu schätzen wissen. Welche Wohnstätte hat schon eine Seeterrasse mit Badestelle?

Wohnstättenleiterin Katja Hennig. Quelle: JACQUELINE STEINER

Seit der Lindenhof 1980 zu einer Außenstelle der Wohn- und Werkstätten „Theodor Fliedner“ wurde, erinnert heute nichts mehr an die Geschichte des Geländes als Ziegelei und Wohnplatz für Landarbeiter. Es wurde gebaut, modernisiert und umgestaltet. Jüngste Errungenschaft ist ein Außenlift, der in diesem Jahr in Kooperation mit dem Sozialamt von Potsdam-Mittelmark an den Giebel des Paul-Braune-Hauses (Haus 2) angebaut wurde. Der Weg ins Obergeschoss führt normalerweise über eine ziemlich steile Treppe. Für Menschen mit Rollatoren und Rollstühlen unerreichbar. „Auch unsere Bewohner werden älter. Wir haben eine eigene Seniorengruppe. Trotz eingeschränkter Mobilität können Freundschaften weiter gepflegt werden“, freut sich Hausleiterin Hennig über den Aufzug.

Weitestgehende Barrierefreiheit gehört zu den Herausforderungen, denen sich der Träger stellt. Langsam aber sicher zieht auch die Digitalisierung in den Lindenhof ein. Zunächst mussten die internen Kommunikationskanäle ertüchtigt werden. Bewohnerdokumentationen werden jetzt auf elektronischem Wege erstellt. Jede Wohngruppe ist inzwischen an das hauseigene Intranet angebunden. Jetzt hofft die diakonische Einrichtung von der Aufrüstung des schnellen Internets im Landkreis profitieren zu können. Nach und nach zieht eine jüngere Generation Behinderter in den Lindenhof ein, für die elektronische Geräte durchaus zum Alltag gehören. „Das geht über das Surfen im Internet hinaus. Nicht sprechende Bewohner zum Beispiel sind auf mit Piktogrammen arbeitende Talker angewiesen. Für deren Updates sind WLAN-Anschlüsse unabdingbar. Die Digitalisierung kommt“, steht für Susann Plew fest. Sie leitet bei Fliedners den Fachdienst Soziales.

Seit diesem Jahr steht den Lindenhof-Bewohnern ein zweiter Kleinbus zur Verfügung. Quelle: JACQUELINE STEINER

Trotz der Entfernungen zur Arbeit, zum Einkaufen und diversen Freizeitaktivitäten ist der Lindenhof mobil aufgestellt. Ein zweiter Kleinbus hat in diesem Jahr einen Pkw ersetzt. Insbesondere für die Tagesbetreuung der Senioren sind Fahrten ins Umland damit noch besser möglich. Weit draußen muss niemand auf die Stadt verzichten.

Von Frank Bürstenbinder