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Brandenburg/Havel Wie depressive Mütter zu ihren Babys finden
Lokales Brandenburg/Havel Wie depressive Mütter zu ihren Babys finden
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13:23 13.09.2019
Andrea Tschirch, leitende Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Asklepios Fachklinikum Brandenburg, spricht mit Lysann Barthel (22), die vor etwa 13 Wochen Mutter der kleinen Leya geworden ist. Quelle: Rüdiger Böhme
Brandenburg/H

Unentwegt schreien sie, essen und schlafen nicht, wollen nicht spielen, sind wahnsinnig ängstlich und bringen ihre Eltern mit all dem zur Verzweiflung.

„Wir möchten diesen Eltern und ihren Kindern weiterhelfen, die durch die oft lang anhaltende, auf allen Ebenen fordernde Situation an ihre Grenzen kommen“, sagt Andrea Tschirch, leitende Oberärztin der Brandenburger Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Gemeinsam mit Chefarzt Stefan Willma hat die Fachärztin im Asklepios-Fachklinikum Brandenburg/Havel eine neue Station aufgebaut für überforderte Mütter und deren Kinder im Alter zwischen null und sechs Jahren.

Station gleich zu Beginn voll belegt

Der Bedarf ist offenbar hoch. Die Station mit ihren 24 Betten ist schon gut zwei Monate nach dem Start voll belegt mit Kindern und Müttern, die den umfassenden Anforderungen zu Hause einfach nicht gewachsen sind.

Das Neue: Die allerkleinsten Babys werden mit in die Behandlung aufgenommen, auch in besonders schwierigen und hartnäckigen Fällen. Das Behandlungskonzept sieht die gleichzeitige Behandlung der Eltern bei ausgeprägten psychischen Belastungen vor.

15 bis 20 Prozent aller jungen Mütter entwickeln nach der Geburt eine Depression, die stationär behandlungsbedürftig ist, erklärt Andrea Tschirch. Die Therapie verspricht vor allem bei frühzeitiger Hilfe Heilung. Denn das Gehirn, das sich im frühen Kindesalter entwickelt, kann die angebotene therapeutische Unterstützung tiefer aufnehmen.

Die Tagung zum Thema

Im Rahmen des neuen Behandlungsangebotes findet am Samstag, 28. September, von 8.30 bis 15.30 Uhr ein Symposium zum Thema „Psychotherapeutische Behandlung im Alter von 0 bis 6 Jahren“ im Asklepios-Fachklinikum Brandenburg statt.

Das Symposium wendet sich zwar hauptsächlich an ein Fachpublikum, doch interessierte Eltern sind willkommen. Allerdings ist die Teilnahme kostenpflichtig.

Als Referentin spricht Christiane Ludwig-Körner, Professorin an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin (IPU). Sie ist Initiatorin der großangelegten Studie „Evaluation der Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie mittels Prävalenz- und Interventionsstudien“, welche die Bundesregierung mit 30 Millionen Euro jährlich fördert.

Referent Wolfgang Briegel, Chefarzt der Kinder-und Jugendpsychiatrie des Leopoldina Krankenhauses in Schweinfurt, ist der Ausbildungsleiter im deutschsprachigen Raum für die Parent-Child-Interactiontherapie nach Sheila Eyberg (Florida), in dem die Eltern von Kindern mit schweren Störungen im Vorschulbereich durch Live-Coaching begleitet werden.

Andrea Tschirch ist integrative Eltern-Säuglings und Kleinkindtherapeutin. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist zweifache Mutter.

Mit dem Brandenburger Heimathistoriker Otto Tschirch ist sie nicht verwandt. Die Frage nach einer möglichen Verwandtschaft wird ihr aber gelegentlich gestellt.

„Bei der Wochenbettdepression können durch das Zusammenbleiben von Mutter und Kind beide heilen“, erklärt die leitende Oberärztin, die als Eltern-Säuglings- und Kleinkindtherapeutin über viele Jahre in Schweinfurt und Berlin Erfahrung gesammelt hat, die sie nun in Brandenburg/Havel einbringt.

Die Ausgangslage ist schwierig, weil die Gesundheit von Mutter und Kind hochgradig gefährdet ist. Frauen, die eine mittelschwere oder schwere Wochenbettdepression entwickelt haben, zweifeln an sich, halten sich für schlechte Mütter.

Strampeln als Ablehnung missdeutet

Sie sind überzeugt davon, dass ihr Kind sie nicht mag. Signale der Kleinen deuten sie als Ablehnung, etwa wenn das Baby auf ihrem Arm schreit und strampelt. Ohne Hilfe von außen haben die jungen Mütter wenig Chancen, aus ihren negativen Gedankenkreisläufen herauszufinden.

Nach Auskunft der Fachärztin ist das Risiko hoch, dass die Kinder depressiver Mütter psychische Störungen entwickeln.

Bindungssicherheit

Für die Kinder- und Jugendpsychiater des Asklepios-Fachklinikums bildet die Bindungssicherheit den Schwerpunkt der Mutter-Kind-Intensivbehandlung, die sich über mehrere Monate erstrecken kann.

Zum Angebot gehören wöchentliche Einzelgespräche und Gruppengespräche mit Müttern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Und dazu gehört die Videodiagnostik.

Hilfe mit Videotechnik

Wenn Mutter und Kind zusammen in einem Raum sind, filmen die Therapeuten diese Szenen bon außen und stehen dabei zugleich mit der Mutter in Kontakt. Sie kommentieren das Geschehen, loben die Leistungen der Frauen, sprechen ihnen zu, verstärken das Positive und korrigieren, wenn die Mutter die Reaktionen ihres Babys fehlinterpretiert.

Dr. Andrea Tschirch ist leitende Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Asklepios Fachklinikum Brandenburg. Quelle: Rüdiger Böhme

Andrea Tschirch möchte über eine angeleitete Interaktion der beiden erreichen, dass sich ein gesunde Kommunikation zwischen Mutter und Kind entwickelt, die langfristig Bestand hat.

Die neue Station KJ 2 ist zweigeteilt. Einige der Zimmer sind vorgesehen für die Intensivbehandlung von Mutter und Kind, wenn die Mutter an psychiatrischen Störungen leidet. Die übrigen Stationszimmer sind der „Komplexbehandlung“ für Familien mit Kleinst- und Vorschulkindern vorbehalten, die verhaltensauffällig sind.

Gutes Team auf der Station

Die neue leitende Oberärztin schwärmt von ihrem Therapeuten- und Pflegeteam, das viele Ideen in den neuen Behandlungsansatz einbringe. Vielleicht hilft es Andrea Tschirch, dass sie einst selbst den Beruf der Krankenschwester erlernt hat.

Mütter und Kinder der Klinik sind bisher über das Mutter-Kind-Heim in Rathenow zu den Fachärzten des Asklepios-Fachklinikums vermittelt worden. Für andere führte der Weg über die sogenannte Clearingstelle „Krümel-Clearing“ zum Görden.

Von Jürgen Lauterbach

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