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Brandenburg/Havel Wölfe haben die Mittelmark erobert
Lokales Brandenburg/Havel Wölfe haben die Mittelmark erobert
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00:27 21.03.2015
Diese schaurig-schöne Aufnahme einer Fotofalle zeigt Tiere des Lehniner Rudels mit den Elterntieren und Teilen ihrer sechs Jährlinge. In den nächsten Wochen bringt die Fähe neuen Nachwuchs zur Welt.
Diese schaurig-schöne Aufnahme einer Fotofalle zeigt Tiere des Lehniner Rudels mit den Elterntieren und Teilen ihrer sechs Jährlinge. In den nächsten Wochen bringt die Fähe neuen Nachwuchs zur Welt. Quelle: LUGV/BIMA
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Mittelmark

Dazu kommen durchziehende Jungwölfe aus anderen Gegenden, die auf Reviersuche sind. Verstärkt wird die Population durch die Welpen des neuen Jahres, die im April/Mai auf die Welt kommen. Dabei kann es eine Fähe auf zwei bis sechs Jungtiere bringen.

Torsten Fritz, der vom Landesumweltamt eingesetzte ehrenamtliche Wolfsbeauftragte für Potsdam-Mittelmark, stimmt Landnutzer, Jäger und Förster auf die Realitäten ein: „Ab sofort können wir immer und überall mit dem Auftauchen eines Wolfes rechnen.“ Spuren, Losungsfunde und Sichtmeldungen sind mittlerweile über den gesamten Landkreis verteilt, wenngleich sich die Schwerpunkte rund um die Truppenübungsplätze befinden, wo sich ein Teil der aktiven Rudel hauptsächlich aufhält.

Wölfe ernähren sich vor allem von Wild

Die Untersuchung zahlreicher Losungsfunde hat ergeben, wovon sich mittelmärkische Wölfe hauptsächlich ernähren: Reh- und Damwild. Allein die Hälfte der Nahrungsaufnahme realisieren die Raubtiere durch die Jagd auf Rehwild. Damwild macht 35 Prozent des Beuteumsatzes aus, gefolgt vom Schwarzwild mit 15 Prozent.

Dass die Wildbestände seit der Rückkehr der Wölfe generell abgenommen hätten, sei jedoch eine pauschale Aussage, die nicht zu halten sei, sagte Fritz bei einer Informationsveranstaltung in Oberjünne. Immerhin vertilgt ein Wolfsrudel im Jahr rund 510 Stück Schalenwild, wie Berechnungen ergeben haben. Das kann nicht ohne Folgen für die Jagd bleiben. Die Jäger der Hegegemeinschaft Zauche bekommen die vierbeinige Konkurrenz auf dem Truppenübungsplatz Lehnin deutlich zu spüren. So hat dort die Damwildstrecke auf geradezu dramatische Weise abgenommen. Wurden 2009 noch 600 Stück Damwild erlegt, waren es im vergangenen Jahr nur 120.

Auch die Weidleute der Hegegemeinschaft Wiesenburg, die mit dem Rudel Göritz/Klepzig aber auch mit Altengrabower Wölfen Bekanntschaft machen, haben seit 2012 immer weniger Jagdglück bei Damwild. Der Wolfsbeauftragte für Potsdam-Mittelmark sieht in der Abwärtsentwicklung allerdings kein Drama. „Die fetten Jahre sind vorbei. Ohnehin waren die Damwildbestände überhöht. Außerdem hat das Wild sein Verhalten umgestellt. Es weicht dem Wolf aus, und macht es damit den Jägern schwerer zum Schuss zu kommen.“ Es gehört zu den neuen Erfahrungen der Weidleute, dass das Schalenwild heimlicher wird, nachts auf den Äckern steht und so genannte Angstrudel bildet.

Fast täglich Angriffe auf Nutztiere

Als Hauptbeute der Wölfe muss das Rehwild am meisten auf der Hut vor den Rückkehrern sein. Fritz rät den Hegegemeinschaften die Abschusspläne den aktuellen Bestandszahlen anzupassen. Dennoch machen sich viele Jäger Sorgen, ob die Hirschbrunft noch möglich ist. Wenn immer mehr weibliche Tiere fehlen, drohen die Brunftplätze zu verwaisen.

Für Schlagzeilen sorgt die Ausbreitung der Wölfe nicht nur beim Thema Wild. Von Angriffen auf Nutztiere ist inzwischen fast täglich zu hören. Das ist in Potsdam-Mittelmark nicht anders. Seit 2010 hat es im Landkreis zehn nachgewiesene Wolfsattacken auf Nutztiere oder Gatterwild gegeben. Dabei sind bislang 62 Schafe, zwei Damkälber und vier Rindskälber gerissen worden. Die Dunkelziffer dürfte allerdings wegen nicht gemeldeter Vorfälle höher liegen.

Geteilte Meinung

Wolfsbeauftragter Torsten Fritz referierte auf Einladung des Naturschutzbundes Brandenburg (Nabu) in Oberjünne vor Landnutzern über den Einfluss der Wölfe auf andere Tiere.
Die erste Bekanntschaft machte unsere Region mit einem Wolf bereits 2009 auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow, der sich über Sachsen-Anhalt und Brandenburg erstreckt. Dort sind bisher über 30 Wölfe geboren worden.
Wölfe sind in Deutschland streng geschützt. Sie dürfen nicht bejagt werden. Allerdings dürfen so genannte Problemwölfe der Population entnommen werden. Die öffentliche Meinung über die Rückkehr der Räuber ist geteilt.
Ein Wolfsrudel besteht im Regelfall aus den Elterntieren und ihren Nachkommen. Sie bilden eine Familie. Die Jungen werden mit zwei Jahren geschlechtsreif.

Der Tisch ist für die Wölfe nicht nur in Wald und Flur reich gedeckt. Im Landkreis gibt es 500 gemeldete Schaf-, Ziegen- und Damwildhalter. Dazu kommen 170 Nutztierhalter. Für Hobbyhalter gibt es zur Zeit noch keine Fördermöglichkeiten, um wolfssichere Einfriedungen aufzustellen. Zäune und Tore sind jedoch die Schwachpunkte bei den Tierhaltungen. Entweder untergraben Wölfe die Zäune oder die Zäune sind zu niedrig. Auch gab es Fälle, wo an Weiden grenzende Gewässer nicht eingezäunt waren. Wölfe können schwimmen.

Sieben Tiere kamen im Straßenverkehr um

Wegen des erhöhten Konfliktpotenzials hat das Land Brandenburg gerade ein Förderprojekt im Landkreis aufgelegt, um Mutterkuhhalter mit Geld für Zaunmaterial zu helfen. Ein Schwerpunkt sind die Belziger Landschaftswiesen.

Wie weit sich die Wölfe ungehindert ausbreiten, vermag auch der Wolfsbeauftragte nicht mit Sicherheit zu sagen. Je mehr Tiere es gibt, je mehr Exemplare werden vor dem Altwerden zu Tode kommen. Seit 2011 kamen sieben Räuber im Straßenverkehr ums Leben. Zum Beispiel auf der L 85 zwischen Damelang und Freienthal, wo sich ein Hauptwechsel für die Lehniner Wölfe befindet. Andere Wölfe sterben durch tödliche Bissverletzungen, die sie sich bei Revierkämpfen einfangen.

Wieder andere Tiere erliegen der Räude, wie zwei Jungwölfe, die bei Reppinichen und Neue Hütten gefunden wurden. Weitere Krankheitsfälle traten auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow auf. Auch Schussverletzungen spielen eine Rolle. Wie der angeschossene Wolf, der im Oktober 2014 bei Cammer von einem Maishäcksler erfasst und danach eingeschläfert werden musste.

Erst ein weiteres Monitoring wird Aufschluss über das künftige Verhalten und die Verbreitung der Wölfe geben. Der Gretchenfrage seiner Zuhörer weicht Wolfsbeauftragter Fritz nicht aus. Ja, der Wolf könne in bestimmten Situationen für Menschen gefährlich werden, denn er sei ein Raubtier. Wissenschafter haben errechnet, dass 1000 Wölfe für eine überlebensfähige Population in der westpolnischen und deutschen Tieflandebene nötig seien. Derzeit sind es auf deutscher Seite 300 Tiere. Risse von Lehniner Wölfen wurden bereits im nördlichen Niedersachsen nachgewiesen. Der Wolf bleibt auf dem Vormarsch.

Von Frank Bürstenbinder

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