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Dahme-Spreewald „Zu viel Mitgefühl ist hinderlich“: Ein Richter über emotionale Angehörige und richtige Entscheidungen
Lokales Dahme-Spreewald „Zu viel Mitgefühl ist hinderlich“: Ein Richter über emotionale Angehörige und richtige Entscheidungen
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14:53 15.05.2019
Ein Richter auf Rädern: Der Richter für Betreuungsangelegenheiten am Amtsgericht Königs Wusterhausen, Michael Friedrichs, fährt meist mit dem Motorrad zu den Betroffenen. Quelle: Josefine Sack
Königs Wusterhausen

Zu Anhörungen fährt Michael Friedrichs meist mit dem Motorrad. Der 60-Jährige ist Betreuungsrichter am Amtsgericht Königs Wusterhausen. „Meist sind die Leute erst einmal von Socken“, sagt er. Mit seiner Lederkluft und dem säuberlich gestutzten Rauschebart entspricht der Jurist aus Trebbin nicht dem Bild, das die meisten Menschen von einem Richter haben.

Im Namen des Volkes Recht spricht Friedrichs nun schon sein halbes Leben lang. Statt in Gerichtssälen fällt er seine Urteile in Krankenhäusern, bei Hausbesuchen oder hinter dem Schreibtisch.

Amtsgericht entscheidet über mehr als 2000 Fälle

Sollen die lebenserhaltenden Maßnahmen für einen Schwerkranken eingestellt werden? Kann die über 90-Jährige ihre Geschäfte noch selbstständig regeln oder braucht sie einen vom Staat bestellten Betreuer? Muss der chronisch Alkoholkranke, der sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt, zwangsweise in eine Entzugsanstalt eingewiesen werden?

Auf Friedrichs Schreibtsich landen jede Woche neue Fälle. Derzeit sind beim Amtsgericht Königs Wusterhausen circa 1900 Betreuungsfälle anhängig. Allein in diesem Jahr sind mehr als 200 neue Fälle und 75 Unterbringungsverfahren hinzugekommen. Letztere betreffen die gerichtliche Genehmigung oder Anordnung einer freiheitsentziehenden Unterbringung oder einer ärztlichen Zwangsmaßnahme. „Die Betreuungssachen, die wir bearbeiten, ziehen sich durch sämtliche Schichten“, sagt Friedrichs.

Betroffene melden sich selten selbst

Früher hieß die Abteilung, in der er arbeitet, Vormundschaftsgericht. Seit einer Gesetzesreform im Jahr 1992 ist die Rede vom Betreuungsgericht, das für Betreuungs- und Unterbringungsangelegenheiten Volljähriger zuständig ist. Dabei handelt es sich um Verfahren der sogenannten freiwilligen Gerichtsbarkeit. Es gibt also keine Kläger oder Beklagte, sondern Betroffene und andere Verfahrensbeteiligte.

In den wenigsten Fällen melden sich die Betroffenen jedoch selbst bei Gericht. „Die meisten gelangen über den Sozialpsychatrischen Dienst des Landkreises oder übers Jobcenter zu uns“, sagt Friedrichs. Oft melden sich auch Verwandte, Nachbarn oder Vermieter, wenn es Probleme gibt.

Ohne Vollmacht sind den Angehörigen die Hände gebunden

Die Gründe sind vielfältig: Demenz, Depressionen, Suchterkrankungen, geistige oder körperliche Behinderungen, aber auch ein Schlaganfall oder ein Aneurysma nach einem Unfall. Ob jung oder alt – es kann jeden treffen. „Nur ein Drittel der Betroffenen sind im Rentenalter“, so Friedrichs.

Die Betreuungsrichter und Rechtspfleger am Amtsgericht Königs Wusterhausen werden in der Regel tätig, wenn die Willenskraft der Betroffenen stark eingeschränkt ist oder diese schlichtweg nicht mehr in der Lage sind, über ihr Schicksal oder Wohlergehen selbst zu entscheiden.

Was viele Menschen nicht wissen: Im Ernstfall hat das Betreuungsgericht die Entscheidungshoheit, wie es mit den Betroffenen weitergeht – und zwar auch dann, wenn es Ehepartner, Kinder oder Verwandte gibt. Nur wer vorher – als er oder sie noch im Besitz seiner geistigen Fähigkeiten war – eine rechtlich bestandskräftige Vorsorgevollmacht an Angehörige erteilt hat, überträgt diesen direkt die Verantwortung für das eigene Schicksal.

>> Hier geht es zum Vorsorge-Formular des Bundesjustizministeriums.

Angehörigen fehlt es häufig an Distanz

Existiert eine solche Vollmacht nicht, tritt das Betreuungsgericht auf den Plan. In der Regel bestellen die Richter – nach sorgfältiger Abwägung – Angehörige zu Betreuern. „Ich bin dafür da, dass die Leute genau den Betreuer kriegen, den sie brauchen“, sagt Friedrichs.

Es kommt vor, dass sich niemand aus dem direkten Umfeld als Betreuer eignet. Dann bestellt das Gericht einen Berufsbetreuer. „Sympathie ist notwendig und Empathie tödlich“, bringt Richter Friedrichs die Anforderungen an den Betreuer auf den Punkt. „Zu viel Mitgefühl ist manchmal hinderlich.“ Den Angehörigen fehle es häufig an Distanz.

Hinter jeder Akte steht ein Schicksal

„Betroffene brauchen keine überforderten Verwandten. Sie brauchen einen Fürsprecher, jemand, der einen kühlen Kopf bewahrt“, sagt Friedrichs. Bei Ehepartnern, die 80 Jahre oder älter oder krank sind, setzt er daher regelmäßig entweder einen jüngeren Angehörigen oder gleich einen Berufsbetreuer ein.

Über seinen Beruf sagt der Richter: „Juristisch sind Betreuungsangelegenheiten kein Hochreckturnen, aber menschlich ist das ein sehr spannendes Feld.“ Hinter jeder Akte verbirgt sich ein Schicksal. So tragisch die Lebensgeschichten auch sind, Friedrich hat gelernt, damit umzugehen: „Die Betroffenen können durch die Hölle gegangen sein. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es ihnen, solange ihr Fall auf meinem Tisch liegt, so gut wie möglich geht.“

Von Josefine Sack

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