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Dahme-Spreewald Seit vier Jahren erfolglos auf Wohnungssuche in Königs Wusterhausen
Lokales Dahme-Spreewald Seit vier Jahren erfolglos auf Wohnungssuche in Königs Wusterhausen
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00:21 03.05.2019
Sylvia Wiesner aus Königs Wusterhausen sucht eine bezahlbare Zweizimmerwohnung Miete Quelle: Oliver Fischer
Königs Wusterhausen

Suche Zwei-Zimmer-Wohnung in Königs Wusterhausen, gerne mit Balkon, maximal 500 Euro. Wenn Sylvia Wiesner noch Wohnungsannoncen schalten würde, dann würde sich ihr Text etwa so lesen. Aber das mit den Anzeigen hat sie aufgegeben. „Kann man vergessen“, sagt sie.

Seit vier Jahren sucht die 62-Jährige inzwischen eine Wohnung. Die Ansprüche, die sie hat, sind eigentlich nicht übertrieben. Sie will in der Kernstadt bleiben und nicht mehr in einen Plattenbau ziehen. Die Wohnung soll angemessen für eine Person sein und bezahlbar.

Es gibt nichts Bezahlbares

Aber das schließe sich offenbar aus, sagt sie. In den einschlägigen Portalen sei nichts dergleichen zu finden, sie stehe bei Wohnungsbaugesellschaften auf der Liste, aber auch dort gebe es nichts Passendes – vor allem nichts Bezahlbares.

Das ist eine Erfahrung, die Menschen in der Region zunehmend machen, und die viele belastet. Die Mieterschutzvereine kritisieren seit längerem die Preisspirale, die mit dem knappen Wohnraum einhergeht. Wohnungsportale wie Immoscout haben für die Region Königs Wusterhausen allein zwischen 2013 und 2017 Mietsteigerungen von rund 25 Prozent registriert. In anderen Bereichen sind die Zahlen noch drastischer.

Höchste Mieten in Wildau

Wildau gilt nach Daten des Branchenverbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen inzwischen als Stadt mit den höchsten Mieten, noch vor Potsdam. „Wer dringend eine günstige Wohnung sucht, der schaut meist gar nicht mehr in Königs Wusterhausen, man versucht es gleich woanders“, sagt Rechtsanwalt Günther Häge, der für den örtlichen Mieterverein Menschen mit Wohnungsproblemen berät.

Sylvia Wiesner will es nicht andernorts versuchen – denn wirklich dringend ist es bei ihr nicht. Sie hat eine schöne Wohnung: im ersten Stock eines ruhig gelegenen Mehrfamilienhauses. Drei Zimmer, Wannenbad, die Räume ideal geschnitten. Alles für 504 Euro im Monat.

Sie kann dort auch bleiben. Das wäre nur nicht richtig, findet sie. „Im Alter sollte man sich verkleinern. Was soll ich mit drei Zimmern?“ Gerne würde sie ihre Wohnung an eine junge Familie abgeben. Aber dafür bräuchte sie selbst eine kleinere, die zumindest nicht teurer sein sollte als ihre jetzige.

„Mieten sind jenseits von Gut und Böse“

Und dann liest sie die Angebote: Zwei Zimmer, 49 Quadratmeter, 600 Euro. Einzimmerwohnungen mit Küchenzeile im Zimmer, ebenfalls 600 Euro. Zuletzt habe sie eine Wohnung auf dem Funkerberg angeschaut. Zwei Zimmer, schlecht geschnitten, 700 Euro. „Diese Mieten sind jenseits von Gut und Böse“, sagt sie.

Dabei kennt sie den Königs Wusterhausener Wohnungsmarkt noch ganz anders. Seit 1969 lebt sie in der Stadt, ist zehnmal umgezogen. Ihre erste Wohnung maß sieben Quadratmeter und kostete 19 Mark.

Später wohnte sie in Plattenbauwohnungen, baute mit ihrem Mann ein Haus, und als die Beziehung zerbrach, zog sie Mitte der 90er Jahre mit zwei Kindern wieder in einen Plattenbau. Weil das Klientel dort sich aber zum Unguten veränderte, bat sie 2011 um eine andere Wohnung. Die Wohnungsbaugesellschaft bot ihr sofort die jetzige an.

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Rolf Faust, Geschäftsführer der städtischen Wobauge, sagt, dass das heute auch noch möglich ist. Die Gesellschaft habe 4300 Wohnungen im Bestand, im Schnitt seien immer 50 davon frei.

„Wohnungsnot gibt es bei uns nicht. Wer eine Wohnung sucht, bekommt auch eine. Es hängt nur davon ab, was die Leute wollen“, sagt er. Er räumt aber ein, dass der Leerstand vor zehn Jahren etwa zehnmal so hoch war wie heute – was daran liegt, dass inzwischen selbst die Berliner Mittelschicht vor den steigenden Mieten ins günstigere und ruhigere Umland flüchtet.

Bau und Grundstückspreise explodieren

Zwar wird privat wie öffentlich auch massenhaft neu gebaut. In den vergangenen drei Jahren verzeichnete der Landkreis so viele Baugenehmigungen wie seit den 90er Jahren nicht mehr. Aber gleichzeitig explodieren auch die Bau- und Grundstückspreise, Neumieten von elf oder zwölf Euro pro Quadratmeter sind inzwischen der Normalfall.

Sylvia Wiesner ist gelernte Finanzökonomin, sie kennt die Zusammenhänge. Wenn sie in diesem Beruf noch arbeiten würde, könnte sie wahrscheinlich auch heutige Neubaumieten zahlen. Aber wie so viele Karrieren im Osten riss ihre nach der Wende ab. Sie wurde betriebsbedingt entlassen, die Arbeitslosenquote lag damals bei über 20 Prozent. Eine Chance auf Wiedereinstieg bot sich nicht mehr.

Seither hielt sie sich mit verschiedenen Bürojobs über Wasser. „Besser bezahlt als Verkäufer oder Friseure“, sagt sie. Aber reich wurde sie damit nicht. Wenn sie in zwei Jahren in Rente geht, wird sie 1100 Euro bekommen. 600 Euro Miete seien da nicht drin. „Die Vermieter fordern ja auch, dass die Miete maximal ein Drittel des Einkommens betragen soll“, sagt sie. „Aber wie soll das bei diesen Mieten gehen?“

Es ist ein Systemfehler, der viele an den Rand der Verzweiflung bringt. Sylvia Wiesner kann damit umgehen. Sie quartiert einfach ihren Besuch in ihr leer stehendes Zimmer ein.

Hier wächst Brandenburg

Wachstum ist ein, vielleicht das Wesensmerkmal unserer Gesellschaft. Das Wort mehr ist bei uns zum Prinzip geworden. Mehr Umsatz, mehr Arbeitsplätze, mehr Wohnungen, mehr Straßen, mehr Kitas, mehr Kultur – egal was, Hauptsache mehr. Was im Großen gilt, gilt doppelt für die Region Dahmeland-Fläming und vor allem deren Norden. Nicht zuletzt wegen des weiterhin erwarteten Großflughafens BER in Schönefeld leben wir in einer ausgesprochenen Boom-Region.

So wünschenswert Wachstum ist, da es mehr Vielfalt und Möglichkeiten eröffnet, so unweigerlich führt es aber auch zu Wachstumsschmerzen. Die sind immer dann zu spüren, wenn die Strukturen nicht mehr mithalten können. Wenn es an Kita-Plätzen mangelt oder die Straßen im täglichen Berufsverkehr verstopfen. Darin, Wachstum ohne große Schmerzen zu ermöglichen, besteht die Aufgabe und Kunst der Verwaltungen, aber auch die Verantwortung der Investoren.

Wie aber sieht es in unserer Region wirklich aus? Wollen wir immer weiter wachsen? Wollen wir alles belassen, wie es jetzt gerade ist? Mit unserer achtteiligen Serie „Hier wächst Brandenburg“ werden wir einen Stand der Dinge abbilden. Wir reden mit Entscheidungsträgern – und mit denjenigen, die im Rahmen dieser Entscheidungen leben müssen. Wir zeigen, worin die Herausforderungen bestehen und bestehen werden.

Von Oliver Fischer

MAZ-Service: MAZImmo

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