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Dahme-Spreewald Ende einer Internetbeziehung
Lokales Dahme-Spreewald Ende einer Internetbeziehung
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10:38 20.11.2013
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Eichwalde

Die Kriminaltechniker sichern noch die letzten Spuren, da brennen am Zaun des Sportplatzes in Eichwalde (Dahme-Spreewalde) schon die ersten Grablichter. Am Wegesrand liegen Rosen, Nelken und Teddys, während am Pfosten des Straßenschilds noch das Blut von Alyssa B. klebt.

Es ist Dienstagvormittag, keine 24 Stunden sind vergangen, seitdem die 14-jährige Eichwalderin genau an dieser Stelle gestorben ist. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde sie von einem sechs Jahre älteren Verehrer, einer Internetbekannschaft aus Nordrhein-Westfalen, niedergestochen. Der mutmaßliche Täter, ein 20-jähriger Gymnasiast, wurde seit Montag lange von der Polizei verhört und Dienstagabend schließlich dem Haftrichter vorgeführt. Nach MAZ-Informationen soll der mutmaßliche Täter psychische Probleme haben. Ob er in U-Haft oder in eine psychiatrische Anstalt kommt, ist noch unklar.

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Die Leiche der 14-Jährigen wurde gestern von Gerichtsmedizinern untersucht. Der Obduktionsbericht soll heute vorliegen. Polizisten hatten am Montag noch bis spät in die Nacht am Tatort Spuren gesichert. Die Leiche der 14-Jährigen lag noch sieben Stunden nach der Tat an der Stelle, an der sie ihr Leben lassen musste.

Am Tag danach macht der Tatort immer noch beklommen. Die Fassungslosigkeit der Trauernden ist mit Händen zu greifen. „Ich hab’ sie noch schreien hören“, erzählt eine ältere Dame, die gekommen ist, um Blumen niederzulegen. Dann bricht ihr die Stimme weg. Die Frau ging gerade zu ihrem Auto, als es geschah. Ihr Wagen stand jenseits der Bahngleise. Zu weit weg, um das Mädchen retten zu können.

Ein Freund von Alyssa soll es versucht haben. Er wollte sie offenbar beschützen, ging dazwischen und liegt nun selbst verletzt im Krankenhaus. Das hat die Cottbuser Kriminalpolizei – sie führt die Ermittlungen – bestätigt. Weitere Informationen zu dem Teenager gibt es von der Polizei nicht. Wegen seiner Jugend verweisen die Beamten auf „besonders zu schützende Persönlichkeitsrechte“. Er soll wie Alyssa 14 Jahre alt sein.

Wie genau der Streit zwischen Alyssa und ihrem Freund aus Nordrhein-Westfalen verlief, ist unbekannt. Klar ist nur, wie der Streit endete: Alyssa lag am Montagnachmittag blutüberströmt auf einer Wiese ganz in der Nähe des Eichwalder S-Bahnhofs. Da, wo sie lag, ist die Erde noch immer aufgewühlt, Haarbüschel liegen herum. Die Scherben einer Bierflasche, mit der der jähzornige Bekannte womöglich auch zuschlug, sind inzwischen beseitigt.

Die 14-Jährige und der 20-Jährige, der sie getötet haben soll, waren sich offenbar vor wenigen Tagen zum ersten Mal persönlich begegnet. Davor hatten sie nur im Internet miteinander gechattet. Der junge Mann habe in der sechs Jahre Jüngeren wohl sofort seine große Liebe erkannt. Sogar von einem Heiratsantrag ist die Rede. Alyssa wurde diese Zuneigung ihres Verehrers wohl zu viel. Sie wollte sich offenbar von ihm zurückziehen. Auch die Mutter habe sie dem Vernehmen nach vor einer Beziehung gewarnt.

Eigentlich ist die Heinrich-Heine-Allee in Eichwalde ein ruhiger Spazierweg entlang der Bahngleise. Doch einen Tag nach der Bluttat wird er zur Pilgerstraße. Es müssen Hunderte Schüler sein, die im Lauf des Tages den Ort des Verbrechens aufsuchen, Blumen, Kerzen und Briefe ablegen – oder einfach nur still verharren. Manche liegen sich in den Armen und weinen.

Trauer im Internet

Der Tod der 14-jährigen Alyssa B. aus Eichwalde löst auch im Internet Erschütterung aus. Viele Mitschüler, Freunde und Bekannte des Mädchens – aber auch völlig Fremde – bekunden auf Facebook und anderen Plattformen ihr Beileid. Auf einer eigenen Trauerseite für Alyssa hatten bis gestern Abend schon mehr als 600 Menschen virtuelle Kerzen angezündet. Einige Auszüge aus dem Internet-Kondolenzbuch.

 „Es zerreißt mir als Mutter das Herz, ich wünsche der Familie, Angehörigen und Freunden unendlich viel Kraft in dieser schweren Zeit“, schreibt eine Frau mit dem Nutzer namen Peggy.

Tina: Liebe Alyssa, ruhe in Frieden, kleiner Engel. Alle Eichwalder sind zu tiefst betroffen und einfach fassungslos. Möge deine Seele Frieden finden und es dir hinter dem Regenbogen gut gehen.
Vanessa: Ich kannte sie nicht so gut, aber sie war sehr nett – und wir werden sie alle vermissen.
Fabi: Ich hoffe, dass du dort, wo du jetzt bist, auch alle wieder mit deiner freundlichen und ehrlichen Art zum Lachen bringst, so wie du mich zum Lachen gebracht hast.
Samantha: Du warst die beste Freundin, die man sich nur wünschen konnte. Ich werde immer an die schönen Dinge denken, die wir zusammen erlebt haben. Ruhe in Frieden.

Auch auf Facebook drücken zahlreiche Nutzer ihre Trauer und schlichte Fassungslosigkeit aus: „Warum musste eine 14-Jährige sterben? Schade, dass diese Tat nicht verhindert werden konnte. Am Tag ist dort viel Publikumsverkehr. Auch viele Hundebesitzer gehen dort mit ihren Hunden Gassi. So wie ich heute auch. Es ist eine traurige Welt geworden“, schreibt ein Mann auf der Facebook-Seite der MAZ Dahmeland-Fläming. Neben dem rührenden Zuspruch für die Eltern und Verwandten der Toten mischt sich vereinzelt auch Wut in die Beiträge der Facebook-Nutzer: „Wir fragen uns auch, in welcher Welt leben wir. Es wird immer widerlicher.“

Alyssa war ein ruhiges Mädchen, extrem lieb und nett“, sagt die 17-jährige Michelle Richter. Sie kannte die 14-Jährige, die eine 9.Klasse der Ludwig-Witthöft-Oberschule in Wildau besuchte. „Dass es ausgerechnet sie treffen musste, ist unfassbar.“ Auch die 16-jährige Deborah Herwarth ist geschockt: „Das Mädchen ist offenbar an den falschen Freund geraten“, sagt sie und fragt mit brüchiger Stimme: „Wie kann jemand nur so durchdrehen?“

Auch an der Schule von Alyssa sitzt der Schock tief. Schulleiterin Undine Schellschmidt überbrachte gestern Morgen ihren Kollegen und den Schülern die tragische Nachricht. Schüler, Lehrer und Eltern werden von Seelsorgern betreut. An der Schule wurde eine Gedenktafel aufgestellt. Der Unterricht laufe aber normal weiter, so gut es geht. „Der Alltag ist für einige eine wichtige Stütze“, sagt Schellschmidt. Sie beschreibt Alyssa als sehr beliebte Schülerin.

Eine der schwierigsten Aufgaben hatte am Montag Klaus Scholz. Der Eichwalder Notfallseelsorger überbrachte am späten Nachmittag gemeinsam mit der Polizei Alyssas Eltern die schreckliche Nachricht. Diese hätten extrem schockiert reagiert. Vor zwei Jahren stand Scholz schon einmal in gleicher Funktion vor der selben Haustür. Ein Bruder von Alyssa hatte sich das Leben genommen. „Das Trauma von 2011 ist wieder aufgerissen“, sagt Scholz. „In solchen Fällen geht es darum, den Betroffenen Beistand und Kraft zu spenden, mit Worten oder Gesten ihren Schmerz zu teilen.“ Obwohl er schon viel Leid gesehen hat, ringt er um Fassung, wenn er berichtet.

Von Zorn erfüllt habe die Mutter zunächst aus dem Haus laufen wollen, um den Täter zu bestrafen. Später wollten sie und ihr Mann die Trauer allein verarbeiten. Die Arbeitsstätte von Alyssas Mutter liegt nur wenige Meter entfernt von der Stelle, an der ihre Tochter starb.

Der Notfallseelsorger war am Montagnachmittag kurz nach der tödlichen Attacke am Tatort. „Als ich den mutmaßlichen Mörder ein paar Schritte vom Tatort entfernt auf den Schienen sitzen sah, habe ich Wut und Hass gespürt“, sagt Scholz. „Ich hoffe, dass er seine gerechte Strafe erhält.“ Der Täter sei nach den tödlichen Messerstichen in Richtung Schienen geflohen. Vermutlich, um sich das Leben zu nehmen. Er soll einen Abschiedsbrief bei sich gehabt haben.

Klaus Scholz hat am Dienstag am Tatort eine grüne Kerze und einen braunen Plüschbären niedergelegt. „Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, des Opfers heute in Ruhe zu gedenken“, sagt er.

Von Klaus Bischoff, Martin Küper und Christian Meyer

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Das am Montagnachmittag in Eichwalde (Dahme-Spreewald) getötete 14-jährige Mädchen ist zur Obduktion in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Der mutmaßliche 20-jährige Täter soll dem Haftrichter vorgeführt werden. In Eichwalde und in sozialen Netzwerken wie Facebook herrscht derweil Fassungslosigkeit und Trauer über die Tat.

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