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Dahme-Spreewald Hähnchen aus dem 3D-Drucker
Lokales Dahme-Spreewald Hähnchen aus dem 3D-Drucker
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22:31 13.12.2016
Das Huhn-Skelett ist 7,50 Meter groß und weckt bewusst Assoziationen zu riesigen Saurier-Skeletten in Museen. Quelle: Karen Grunow
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Wildau

Heinrich hieß er, der Hahn. Er stammte aus einem Mastbetrieb in der Uckermark und durfte auf einem Berliner Kinderbauernhof seine letzten Wochen verbringen. An Heinrich und seine Artgenossen erinnert so einiges in der Ausstellung des Künstlers Andreas Greiner in der Berlinischen Galerie in Berlin-Kreuzberg. Das imposanteste Objekt des gesamten Museums ist das überdimensionierte Skelett eines Huhns. Es ist im 3D-Drucker an der Technischen Hochschule Wildau entstanden.

Zwei Monate gedruckt

„Wir haben etwa zwei Monate an dem Projekt gedruckt“, berichtet Markus Lahr, Leiter des TH-Kreativlabors „ViNN:Lab“, dessen technische Ausstattung mit 3D-Druckern oder Lasercuttern immer Mittwoch von jedem Interessierten kostenlos genutzt werden kann. Andreas Greiner selbst hatte die Spezialisten an der TH kontaktiert, denn er hatte in der Region einen großen 3D-Drucker gesucht. „Da gibt es in Berlin-Brandenburg nur uns“, so Lahr. Denn die Hochschule verfügt bereits seit fast zwei Jahren über einen BigRep, einen 3D-Drucker, der Objekte von bis zu 1,3 Kubikmetern Größe drucken kann. Es ist einer der größten 3D-Drucker weltweit, er wurde von einem Berliner Start-up entwickelt. Seit kurzem hat die TH sogar noch einen zweiten solchen Drucker.

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Im Wildauer BigRep entstanden auch sieben Objekte für eine derzeit durch die USA wandernde Ausstellung zu Martin Luther, unter anderem eine Büste des Reformators. Der Kontakt nach Wildau für das von mehreren deutschen und US-amerikanischen Museen organisierte Ausstellungsprojekt kam über das Sachsen-Anhaltinische Landesmuseum für Vorgeschichte zustande. Für Markus Lahr und seine Kollegen ist es immer wieder spannend, wie die neuen Technologien allmählich auch in Museen genutzt werden. Zu den Wildauer Luther-Objekten gehört eine Ablasstruhe, deren 3D-Druck derzeit im Schloss Friedenstein in Gotha gezeigt wird.

Es riecht nach Holz

Gedruckt werden die Exponate aus auf Rollen aufgewickeltem Filament, das für gewöhnlich aus Kunststoff besteht. Es wird im Drucker auf mehr als 200 Grad erhitzt und so geschmolzen. Für die Ablasstruhe aber wurden Kokosnussfasern mit Kunststoff verschmolzen. Markus Lahr spricht deshalb auch ganz selbstverständlich von „der Holztruhe“. Die aus dem Wildauer Drucker sei allerdings erheblich leichter als eine richtige Holzkiste, denn das verwendete Material weise eine geringere Dichte auf als normales Holz. Dafür, so werben die Hersteller dieses besonderen Filaments, rieche es sogar nach Holz.

Die Farben der gedruckten Werke kommen denen der originalen Objekte sehr nah. „Aber man sieht immer noch die Layer“, erklärt Lahr. Die Oberfläche weist eine leichte Riffelstruktur auf, es ist erkennbar, wie der Drucker Millimeter für Millimeter nach oben aufgebaut hat. An der Kasse der Berlinischen Galerie steht ein „Testknochen“ vom Riesen-Hahn. Den darf jeder Besucher in die Hand nehmen. Erstaunlich schwer fühlt er sich an. Dabei ist er gerade mal so groß wie eines der Knöchelchen der übergroßen Hühnerkralle, etwa ellenbogenlang.

Gefüllt bis unter die Decke

7,50 Meter ist das Skelett insgesamt hoch und füllt damit den ersten Ausstellungssaal des Museums fast bis unter die Decke aus. Kaum ein Besucher, der bei dem Anblick nicht verblüfft verharrt. Der Moment erinnert an das eigene kindliche Erstaunen beim allerersten Besuch beim Brachiosaurus-Skelett im Naturkundemuseum. Das ist zwar noch rund sechs Meter höher, aber in der Dimension des modernen Raumes in der Berlinischen Galerie wirkt das Huhn nicht minder eindrucksvoll.

Unter anderem an der Charité waren CT-Scans eines Masthuhns angefertigt worden, deren Daten dann entsprechend der Raumgröße in der Berlinischen Galerie skaliert und für den Druck umgewandelt wurden. Ein Stahlgestänge hält das gigantische fertige Konstrukt. Greiners Ausstellung kommentiert die Kontrolle über das Tier durch den Menschen, der entscheidet, wie und wie lange es leben darf. Er hat bei dem Künstlerstar Olafur Eliasson in dessen Institut für Raumexperimente an der Berliner Universität der Künste studiert. Greiners Kunst speist sich aus der Wissenschaft. Der gebürtige Aachener hat auch ein paar Jahre Medizin studiert.

Sonderausstellung mit Hähnchen

Seine Sonderausstellung mit Hähnchen, die noch bis zum 6. Februar in der Berlinischen Galerie zu sehen ist, gehört zum Gasag-Kunstpreis, mit dem Greiner in diesem Jahr ausgezeichnet wurde und der alle zwei Jahre an Künstler an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technik vergeben wird. Seine Idee: das bewusste Wahrnehmen des Individuums. Das Skelett wird begleitet von faszinierenden Makroaufnahmen von Algen, denen er menschliche Vornamen gibt und die er als „Köpfe“ bezeichnet. Ein Flügel steht ebenfalls im Saal, manchmal bewegen sich die Tasten wie von selbst, ausgelöst durch Videoaufnahmen der selbstleuchtenden Haut eines Tintenfisches. Eine audiovisuelle Installation, die vermittelt, wie Greiner sich die Finissage vorstellt, wenn er aus den gerade in einer saalwandlangen Algenzuchtanlage entstehenden Algen Töne erzeugen will. Ein Konzert für Heinrich.

Von Karen Grunow

13.12.2016
12.12.2016