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Dahme-Spreewald In der Weihnachtsbäckerei von Niederlehme
Lokales Dahme-Spreewald In der Weihnachtsbäckerei von Niederlehme
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14:33 05.12.2016
Schweißtreibend: Die Marmelade muss mit Gelatine verrührt werden. MAZ-Reporterin Anja Meyer (l.) lässt sich von Anka Richter alles erklären.
Schweißtreibend: Die Marmelade muss mit Gelatine verrührt werden. MAZ-Reporterin Anja Meyer (l.) lässt sich von Anka Richter alles erklären. Quelle: Gerlinde Irmscher
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Königs Wusterhausen

Als ich gegen Mittag die kleine, weihnachtlich dekorierte Tüte mit neun Dominosteinen in der Hand halte, fällt es mir fast schon wieder schwer, dieses Werk in seinen einzelnen Arbeitsschritten zu betrachten. Und vor allem: in all seinen Einzelteilen wertzuschätzen. Schnell bin ich zurück im Konsumentenmodus, in dem ich mir die weihnachtliche Nascherei gedankenlos in den Mund schiebe. Stück für Stück, einfach so. Ohne darüber nachzudenken, was alles drinsteckt.

Aber ehrlich gesagt kaufe ich mir Dominosteine sonst auch nur abgepackt im Supermarkt. Diese hier sind anders. Diese hier sind leckerer. Diese hier sind selbst gemacht. Und noch viel besser: Ich habe sie selbst gebacken – ein ganzes Blech, 234 Stück, mindestens 20 davon verunglückt, zwei Stunden Arbeitszeit.

Dominosteine, Mohnstollen, Pfefferküsse und Lebkuchenstiefel

Einmal Dominosteine bitte! MAZ-Bäckerin Anja Meyer hinterm Tresen der Bäckerei Heider in Niederlehme. Quelle: G.I.Gerlinde Irmscher

Alles beginnt im Badezimmer der Bäckerei Heider in Niederlehme. Ich muss mich beeilen, der Stollenteig soll bald verarbeitet werden. Es ist 8.30 Uhr, für mich ist gleich Arbeitsbeginn. Eigentlich die Mutti-Schicht, aber ich bin gar keine Mutti. Gabriele Heider hat wohl Rücksicht genommen, als sie mich zum Tagespraktikum in ihre Handwerksbäckerei einlud. Die anderen in der Backstube sind entweder seit 1.30 Uhr oder seit 6 Uhr da. Nachts backen sie Brote und Brötchen für die zehn Heider-Filialen in der Region. Dann geht es mit Süßem weiter. Mit Dominosteinen, Mohnstollen, Plätzchen, Pfefferküssen, Lebkuchenstiefeln und was hier ab November alles so Leckeres aus dem Ofen kommt. Also schnell in die Bäckerhose, T-Shirt an, Schürze um, Haare zusammen, Mütze auf, Hände desinfizieren – los geht’s.

In der Bäckerstube kommen mir Gerüche entgegen. So viele, dass ich sie gar nicht mehr auseinanderhalten kann, alle paar Minuten holt jemand ein anderes Blech heraus. Auf jeden Fall riecht es süß – und wahnsinnig lecker. Um warm zu werden, gibt Chefin Gabriele Heider mir ein paar Stollenteige in die Hand. Ich knete sie durch und forme. So wie Gabriele Heider es mir zeigt. Ihre Mitarbeiter haben alles schon so weit vorbereitet, dass ich schnell fertig bin.

So ein Handwerk lernt man praktisch

Genau drei Zentimeter Kantenlänge soll jeder Dominostein haben. Mit Hilfe eines Lineals schneidet Anja Meyer das Konfekt zurecht. Ein Blech ergibt 234 süße Steine. Quelle: G.I.Gerlinde Irmscher

Jetzt die Kür: Dominosteine. An der Arbeitsplatte stehen Heiders Tochter Isabel und Anka Richter – die Kuchenbäckerin. Sie zeigen mir, wie man Dominosteine bäckt. Keine langen Erklärungen, so ein Handwerk lernt man praktisch. Isabel Heider gibt mir ein Stück Lebkuchenteig in die Hand. Das soll ich durchkneten. Kein Problem, denke ich und fange direkt an. Schon nach ein paar Minuten merke ich, wie anstrengend das Ganze ist. Und wie wenig geschmeidig der Teig wird. „Das geht voll auf die Arme“, klage ich. Isabel Heider nickt. „Die Arbeit in der Backstube ersetzt das Fitnessstudio“, sagt sie und lacht. „Wenn man nicht ständig probieren würde, wäre das die perfekte Diät.“

Okay, das werte ich jetzt mal als Freischuss. Viel länger hätte ich es eh nicht ertragen, nichts von den Plätzchen auf den Blechen um mich herum zu kosten. Lecker! Was für ein Traumarbeitsplatz! Der Lebkuchenteig ist inzwischen auch bereit zum Ausrollen. Mit viel Kraft rolle ich mit dem Nudelholz drüber, so lange, bis ich eine Blechgröße zusammenhabe. Davon brauchen wir zwei. Mit einem Roller kommen kleine Löcher rein, acht Minuten in den Ofen – es kann weitergehen.

Hoffentlich klappt das auch

Jetzt muss der Stollenteig mit der Mohnmasse nur noch zusammengerollt werden. Klingt einfacher als es ist. Quelle: G.I.Gerlinde Irmscher

Anka Richter bereitet indessen schon die Marmeladenfüllung mit Gelatine vor. Die kommt zwischen zwei Lebkuchenplatten. „Sie müssen jetzt schnell sein, sonst klebt das nicht mehr zusammen“, warnt sie mich. Oha. Hoffentlich klappt das auch. Anka Richter lässt mich nicht im Stich. Ich streiche die Marmelade drauf und sie legt jeweils eine Lebkuchenplatte drüber. Es hält.

Isabel Heider gibt mir einen Marzipanklumpen. Eigentlich würde man den in der Ausrollmaschine in Form bringen. „Wir machen das jetzt mal per Hand“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ist ja doch ganz schön teuer, wenn da etwas schiefgeht.“ Mit dem Nudelholz habe ich bald eine glatte Marzipanplatte geschaffen. Ich streiche noch eine dünne Schicht Marmelade auf den Lebkuchen, Marzipanplatte drüber, dann kann ich das süße Konstrukt in drei mal drei Zentimeter große Stücke schneiden. 234 Stück liegen vor mir.

Anka Richter, die Königin in der Dominosteine

Schon stellt Anka Richter eine Schüssel mit geschmolzener Schokolade hin. Die 53 Jahre alte Königs Wusterhausenerin ist hier die Königin in der Dominosteinproduktion. Fünf Bleche schaffe sie in anderthalb Stunden, sagt sie. Dabei mache sie sich persönlich gar nicht so viel aus den süßen Steinen. Sie mag sie nur ohne Schokolade. Wahrscheinlich ist das gar nicht so verkehrt. Ich habe mittlerweile schon so viel genascht, dass ich Hunger auf etwas ganz Salziges bekomme. Nix da, jetzt wird erstmal jeder Dominostein einzeln in die Schokolade getunkt und auf ein Blech gelegt. Anka Richter lässt mich damit allein.

Eine knappe halbe Stunde später tunke ich noch immer. Mein Rücken tut weh und das Blech ist noch mehr als halb voll. Irgendwie hat dieses Tunken ja auch etwas Meditatives. Andererseits: So langsam kann ich nicht mehr und würde mich gerne mal ein bisschen bewegen. Geht aber nicht. Ich habe Schokolade auf den Schuhen, beide Hände voll und um mich herum überall Spuren hinterlassen. Außerdem will ich dieses Blech fertig machen. So viel Ehrgeiz ist schon da. Wie macht Anka Richter das nur? Fünf Bleche am Tag erscheinen mir jetzt wahnsinnig viel.

„So was da darf nicht passieren“

Die hat sich MAZ-Reporterin Anja Meyer redlich verdient. Quelle: G.I.Gerlinde Irmscher

Irgendwann habe ich es geschafft. Ein paar Dominosteine sind mir zerbrochen. Am Rand kleben noch Reste. Aber das, was da nun fertig vor mir steht und trocknet, sieht gut aus. Schöne, große Dominosteine. Nicht ganz gleich groß, aber so ist das eben mit echtem Handwerk. Stolz sage ich Anka Richter Bescheid. Sie schaut sich mein Werk an. „So was da darf nicht passieren“, sagt sie und zeigt auf Schokoladentropfen an den Steinen. „Das sieht nicht gut aus.“ Meine Freude ist ein bisschen gedrückt.

Die meisten Steine eignen sich zum Glück trotzdem für den Verkauf. Wir packen jeweils neun Stück auf kleine Pappteller. Der Rest ist zum Probieren, die übrig gebliebenen Ränder ohne Schokolade bekommen Landwirte zum Verfüttern an ihre Schweine. Chefin Gabriele Heider sieht nach. „Nur gleich große Dominosteine in ein Paket“, sagt sie streng. Für den Kunden muss alles gut aussehen. Dann nimmt sie mich mit zum Einschweißen.

Jede Schicht genießen und wertschätzen

„Sie haben nur einen Versuch, wenn das nichts wird, macht meine Tochter weiter“, sagt Gabriele Heider. Ich bin aufgeregt, will die Dominosteine nicht versauen. Dann packe ich das Päckchen in die Schweißmaschine, drücke runter – und bekomme ein kaputtes Paket heraus. Das war’s dann wohl. Ich werde direkt an die nächste Station weitergeleitet: In ein weihnachtliches Tütchen packen, Geschenkband drum und Sticker drauf. Zum Glück klappt das wieder ganz gut.

Und so halte ich nun diese kleine Tüte mit neun Dominosteinen in der Hand und freue mich darauf, sie gemütlich auf dem Sofa zu essen. Ich werde es ganz langsam tun, jede Schicht genießen und wertschätzen. Schließlich habe ich gelernt, wie viel Arbeit darin steckt.

Von Anja Meyer

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