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Königs Wusterhausen Königs Wusterhausen: Konzert zu 100 Jahren Rundfunk
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Königs Wusterhausen: Konzert zu 100 Jahren Rundfunk

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12:16 26.01.2021
Der Funkerberg Königs Wusterhausen – Wiege des deutschen Rundfunks.
Der Funkerberg Königs Wusterhausen – Wiege des deutschen Rundfunks. Quelle: Frank Pechhold
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Königs Wusterhausen

Der 100. Jahrestag des Rundfunks in Deutschland rückt näher. Am 22. Dezember ist es soweit. Dann wird ein Jubiläumsprogramm ausgestrahlt. Geplant ist eine Live-Übertragung aus dem Sender- und Funktechnikmuseum in Königs Wusterhausen.

„Eigentlich wollten wir dieses Rundfunkjubiläum das ganze Jahr lang feiern, damit sich am Ende nicht alles ballt“, sagt Rainer Suckow. Er ist Vorsitzender des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“. „Aber dann hat uns Corona vom Gegenteil überzeugt.“

Museumsleiterin Christine Oliwkowski und Fördervereinsvorsitzender Rainer Suckow in historischer Kulisse. Quelle: Frank Pechhold

Geplant waren 36 Veranstaltungen. Acht fanden statt. Alle anderen fielen aus. Auch die für den 19. Dezember vorbereitete Festveranstaltung im Maschinensaal musste abgesagt werden. Nun treten die am Jubiläumsprogramm Mitwirkenden sowohl an diesem Tag als auch Dienstag ohne Publikum auf.

Sicherheitshalber werden alle Text- und Musikbeiträge am Sonnabend aufgezeichnet. „Möglicherweise kann nicht jeder Künstler bei der Live-Sendung im Maschinensaal dabei sein“, sagt Rainer Suckow. Falls jemand wegen Corona absagen muss, wird ein Mitschnitt gesendet.

Sendebeginn ist Dienstag um 14 Uhr. „Also zur historisch korrekten Uhrzeit“, so Christine Oliwkowski, Leiterin des Sender- und Funktechnikmuseums. Reichspostbeamte schrieben am 22. Dezember 1920 Rundfunkgeschichte. Weltberühmt wurde Königs Wusterhausen mit dem damals ab 14 Uhr ausgestrahlten Weihnachtskonzert. „Wir wissen nicht, wie lange das Weihnachtskonzert gedauert hat. Aber keinesfalls über eine Stunde“, so Rainer Suckow. Länger habe der dafür genutzte Lorenz-Lichtbogensender gar nicht funktioniert.

Das Jubiläumskonzert im Radio

Die Jubiläumssendung kann am 22. Dezember von 14 bis 15 Uhr wie folgt im Radio empfangen werden: Lokal auf Mittelwelle 810 kHz – etwa 15 Kilometer im Umkreis des Königs Wusterhausener Funkerberges.

Europaweit auf Kurzwelle 5960 kHz.

Mehr auf der Webseite zum Weihnachtskonzert unter www.100jahrerundfunk.de/weihnachtskonzert

Auch der Programminhalt ist nicht vollständig überliefert. Inländische Zeitungsberichte gibt es nicht, weil Rundfunk in Deutschland noch verboten war. Die „Luxembourger Zeitung“ vom 23. Dezember 1920 schrieb über das Weihnachtskonzert: „Es begann mit dem weihevollen Lied ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘, dem dann einige andere Weihnachtslieder sowie der Einzugs- und Hochzeitsmarsch von Richard Wagner folgten… Als Zugabe wurde ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘ mit viel Pathos gespielt.“ „Mehr wissen auch wir nicht“, bedauert Rainer Suckow. Alle Recherchen seien erfolglos gewesen. Vermutlich habe man keine lustige Unterhaltungsmusik gespielt, so Suckow. „Das war eine erzkonservative, stocksteife Zeit.“

Stocksteif wird das Weihnachtskonzert 2020 nicht. „Es geht relativ ernst und getragen los und endet furios-luftig“, verrät Suckow. Die einstündige Sendung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“ und der Brandenburger Festspiele. Rainer Suckow und Festspiele-Präsident Walter Schirnik führen durch das Programm.

Das Quantum Clarinet Trio mit Bokyung Kim, Johannes Przygodda und Elena Veronesi (v.l.) wird beim Jubiläumskonzert dabei sein. Quelle: Promo

Suckows jüngste Tochter Hannah erzählt im Zeitraffer, wie Königs Wusterhausen zur Wiege des deutschen Rundfunks wurde. Vom Band begrüßt Jerome Wenzel die Radiohörer mit denselben Worten wie am 22. Dezember 1922: „Hallo, hallo. Hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700. Meine Damen und Herren. Zum Zeichen, dass die Station jetzt großjährig geworden ist und nicht mehr als Versuchskarnickel dienen wird, wollen wir Ihnen ein kleines, bescheidenes Weihnachtskonzert senden.“

Der gesprochene Text wurde über einen Lichtbogensender ausgestrahlt und aufgezeichnet, der mit der Original-Technologie von 1920 funktioniert. Die Idee für den nachempfundenen Lichtbogensender hatte das vor einem Jahr verstorbene Fördervereinsmitglied Lutz Dunker. Günter Warme (der 2018 vertarb), Erwin Löchel sowie Maik Schilling und Markus Endler von der Jugendwerkstatt im Funkerberg-Museum halfen bei dem Nachbau mit.

Nach der Radiohörer-Begrüßung erinnert Museumsleiterin Christine Oliwkowski an Edith Bach (später verheiratete Kaczynski). Die gefeierte Opern-Sängerin trat bei dem legendären Weihnachtskonzert auf und bestritt danach mehr als 20 live vom Funkerberg gesendete Sonntagskonzerte. Begeisterte Hörer nannten sie voller Bewunderung „Die Nachtigall von Königs Wusterhausen“. Trotz ihrer Popularität musste die Sopranistin mit ihrem Mann und den beiden Söhnen im Juni 1939 wegen ihrer jüdischen Wurzeln Deutschland verlassen. Sie kehrte nicht nach Deutschland zurück.

Sopranistin Simone Kermes wird ebenfalls mitwirken. Quelle: Dirk Bleicker

Die musikalischen Zwischenspiele bestreiten nun die Sopranistin Simone Kermes, das Quantum Clarinet Trio und die preisgekrönten Musikschülerinnen Leni Jung aus Königs Wusterhausen (Gesang) und Samina Hesse aus Zeuthen (Klavier).

„Simone Kermes wird auch als Lady Gaga oder Nina Hagen der Sopranistinnen bezeichnet“, so Rainer Suckow. Kermes singt nicht nur Arien aus Operetten und Opern, sondern interpretiert beispielsweise Lieder der US-amerikanischen Rockband ZZ Top auf ihre eigene Art.

Die Musiker des Quantum Clarinet Trio haben italienische, südkoreanische und deutsche Wurzeln: Elena Veronesi (Klarinette), Bokyung Kim (Klavier) und Johannes Przygodda (Violoncello). „Diese Besetzung ist in der Tat nah am Original dran“, verweist Rainer Suckow auf das Weihnachtskonzert vom 22. Dezember 1920. Damals spielte Erich Schwarzkopf Geige. Ein gewisser Studienrat Bause begleitete ihn auf einem Harmonium, das mit einem Pferdefuhrwerk aus der Stadt auf den Funkerberg gebracht wurde. „Die beiden Musikerinnen des Trios haben sich vorsorglich in Quarantäne begeben, damit sie aus Frankreich anreisen und bei uns auftreten können“, sagt Suckow.

Er fiebert dem 22. Dezember voller Freude entgegen. Fast überall auf der Welt können sich Radiobegeisterte 100 Jahre nach der Geburtsstunde des deutschen Rundfunks an ihre Empfangsgeräte setzen und dem Jubiläumsprogramm aus Königs Wusterhausen lauschen. „Das kann man einfach nicht toppen!“, sagt Rainer Suckow.

Von Frank Pechhold