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Dahme-Spreewald Kinderarzt: „Viele Kitas reagieren unverhältnismäßig auf Erkältungssymptome“
Lokales Dahme-Spreewald

Königs Wusterhausener Kinderarzt: Kitas reagieren unverhältnismäßig auf Schnupfen

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20:40 28.07.2020
Viele Kitas schicken Kinder mit leichten Erkältungssymptomen nach Hause. Arzt Ralf Steinborn warnt vor Kollaps bei Erkältungswelle. Quelle: picture alliance / BSIP
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Dahme-Spreewald

Wenn früher einem Kind die Nase lief, sprach man von einer Sommergrippe und scherte sich nicht weiter darum. Heute, in Zeiten von Corona, werden Kitaerzieher oft schon bei kleinsten Anzeichen einer Erkältung nervös, und schicken Kinder nach Hause. Das ist zumindest die Erfahrung, die Ralf Steinborn macht.

Steinborn ist Kinderarzt in Königs Wusterhausen. Er vertritt derzeit urlaubsbedingt mehrere Kollegen und hat einen guten Überblick darüber, weshalb Kinder in Königs Wusterhausen zum Arzt gebracht werden. Was er erlebt, lässt ihn zunehmend mit dem Kopf schütteln.

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Aus medizinischer Sicht unverhältnismäßig

„Wir haben derzeit einen hohen Anteil von Kindern in der Praxis, die aus der Kita abgeholt werden mussten, weil ihre Nase läuft“, sagt er. „Die Eltern müssen auf Arbeit alles stehen und liegen lassen, sie bringen die Kinder dann zu mir und ich sage ihnen: Ihr Kind hat einen Schnupfen“, so Steinborn. Aus medizinischer Sicht sei das unverhältnismäßig.

Die Arztpraxis von Ralf Steinborn in Königs Wusterhausen. Quelle: Oliver Fischer

Auf diesen Mechanismus reagieren auch Eltern inzwischen zunehmend gereizt. „Ich verstehe das auch“, sagt etwa Mittenwaldes Bürgermeisterin Maja Buße (CDU). „Viele sind gedrängt worden, ihren Urlaub in der Corona-Zeit zu nehmen, und jetzt fehlen diese Tage. Das bringt Probleme mit sich.“ Trotzdem werden aktuell in Mittenwalde Kinder mit Erkältungssymptomen nach Hause geschickt. Und in anderen Kommunen ist das nicht anders. „Wir haben Vorgaben. Ich sehe da wenig Spielraum“, sagt Regina Schulze, zuständige Amtsleiterin in Zeuthen.

Land spricht von unspezifischen Symptomen

Die Träger und Einrichtungen handeln dabei nach dem Hygieneplan, den das Brandenburgische Bildungsministerium am 20. Mai erstmals an alle Träger und Einrichtungen verschickt hat. Darin heißt es: „Die Krankheitsverläufe bei einer SARS-CoV-2-Infektion sind meist unspezifisch, vielfältig und variieren stark, es gibt also keinen ,typischen’ Krankheitsverlauf. Krankheitssymptome können bei Kindern geringer ausgeprägt sein als bei Erwachsenen. Kinder mit Symptomen sollen zur Abklärung den Eltern übergeben werden.“

Nur: Was sind Symptome? Für Ralf Steinborn gehört eine Triefnase nicht dazu und auch ein Husten nicht unbedingt. „Der Corona-Virus ruft einen trockenen Husten hervor“, so der Kinderarzt. „Wenn Kinder zudem Fieber haben, abgeschlagen und schwach sind, dann ist es natürlich sinnvoll und richtig, sie zuhause zu lassen.“ Aber Schnupfen oder schleimiger Husten seien typische Symptome einer unbedenklichen Erkältung. Beim Gesundheitsamt des Landkreises Dahme-Spreewald sieht man das ähnlich.

Steinborn: „Coronatests bei Kindern lehne ich ab“

„Ich verstehe allerdings auch die Einrichtungen, die vorsichtig sind. Sie wollen nicht für eine Corona-Infektion in ihrem Haus verantwortlich gemacht werden“, sagt Steinborn. „Aber wenn das in der Erkältungssaison so weiter geht, wird im Winter sechs Monate lang kaum ein Kind in der Kita sein.“

Als Alternative werden deshalb derzeit schon regelmäßige Coronatests für Kinder diskutiert. Aber auch dazu hat der Kinderarzt eine klare Meinung: „Das lehne ich ab“, sagt er. Der Test sei unangenehm, weil der Abstrich tief im Rachen und in der Nasenschleimhaut gemacht werden muss. „Ein Kind, bei dem das gemacht wurde, kommt nicht wieder.“ Routinemäßiges Testen sei aus seiner Sicht nicht durchführbar.

Das Thema dürfte Eltern und Einrichtungen deshalb noch lange erhalten bleiben und viele Nerven kosten. Maja Buße sieht aber immerhin einen positiven Effekt: „Das konsequente Handeln führt in unseren Einrichtungen dazu, dass Kinder ihre Erkältungen weniger verteilen, und dass auch das Personal gesünder ist.“

Von Oliver Fischer