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Dahme-Spreewald Wenn das Geld für Eis nicht reicht
Lokales Dahme-Spreewald Wenn das Geld für Eis nicht reicht
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16:56 13.01.2015
Sozialverbände warnen vor Kinderarmut in Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming. Quelle: dpa
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Gemeinsames Basteln und Spaziergänge durch den Wald sind geblieben. Den Ausflug mit Übernachtung oder die Fahrt nach Berlin hat Heidrun Förster hingegen von ihrer Liste gestrichen. „Solche Projekte sind nicht mehr machbar. Da springen die Kinder reihenweise ab, sagen, dass sie keine Zeit haben. Dass ihren Eltern eigentlich das Geld dafür fehlt, sagen sie allerdings nicht“, sagt die Leiterin des Luckenwalder Mehrgenerationenhauses. „Ich mache den Kindern jetzt nur noch niedrigschwellige Angebote, für die beispielsweise nur Materialkosten bezahlt werden müssen. Das funktioniert besser.“

Positive Entwicklung in den Landkreisen

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Kein Geld für Hobbys und Freizeit, schlechte Wohnverhältnisse, geringe Bildungschancen. 25 Prozent der brandenburgischen Kinder leben laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung in Armut – mehr als in fast allen anderen Bundesländern. Auch in der Region Dahmeland-Fläming sind viele junge Menschen von Armut betroffen, insgesamt verläuft die Entwicklung hier jedoch positiv. Der Anteil der unter 25-Jährigen, die im Jahr 2013 Sozialleistungen wie Hartz IV bezogen, liegt im Landkreis Teltow-Fläming bei 14,3 Prozent und ist leicht rückläufig. 2012 waren es 14,4 Prozent, die auf staatliche Unterstützung angewiesen waren.

Ähnlich sieht die Situation im Nachbarkreis Dahme-Spreewald aus. 16 Prozent der Kinder lebten im Dezember 2010 in Hartz-IV-Haushalten, im Dezember 2013 waren es nur noch 15 Prozent. Auch bei den Einschulungsuntersuchungen ist dieser Trend spürbar. 2012 wurden dabei 10,2 Prozent der Kinder mit niedrigem Sozialstatus registriert, 2013 waren es nur noch 8,1 Prozent. Der Sozialstatus wird eingeteilt nach Bildungsabschluss der Eltern und Vorhandensein eines Arbeitsplatzes.

Armut hat viele negative Auswirkungen

Trotz dieser positiven Entwicklung sehen Schuldnerberatungsstellen und Sozialverbände keinen Grund zur Entwarnung. Denn die Liste der negativen Auswirkungen von Armut ist lang. Vor allem die psychische Belastung der meist verschuldeten oder arbeitslosen Eltern wirkt sich auf die Situation der Kleinen aus. „Den massiven seelischen Druck geben Eltern meist an ihre Kinder weiter“, berichtet beispielsweise Olaf Hennings, der als Schuldnerberater beim Diakonischen Werk in Luckenwalde arbeitet. Vor allem Kinder von Alleinerziehenden haben nach seiner Erfahrung ein großes Armutsrisiko.

Zahlen und Projekte

2013 bezogen 5,1 Prozent der jungen Leute in Kreis Teltow-Fläming zwischen 15 und 25 Jahren staatliche Unterstützung wie beispielsweise Arbeitslosengeld. 2012 lag ihr Anteil bei 5,4 Prozent.

In Jüterbog, Luckenwalde und Niedergörsdorf ist die Situation besonders problematisch. Rund ein Viertel der unter 25-Jährigen leben dort in einer Bedarfsgemeinschaft.

71 Prozent der Familien, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe bekommen, beziehen außerdem Hartz IV oder Arbeitslosengeld. Dies betrifft oft Alleinerziehende.

Mit den „Start to“-Projekten versucht der Landkreis Dahme-Spreewald die negativen Folgen von Armut für die Kinder abzumildern. Bisher wurden dabei Berufe aus der Luft- und Raumfahrtbranche, dem Gesundheitssektor und der Landwirtschaft an Schulen vorgestellt. So soll die Berufswahl der Schüler erleichtert und Fehlentscheidungen vermieden werden. 

Denn zu den geringen Einkünften des einen Elternteils kommt häufig ein größeres Risiko, wieder aus dem Job gekündigt zu werden. „Die Schulden Alleinerziehender sind oft elementar und betreffen Strom, Heizung, Miete. Da ist kein Geld übrig für den Schwimmbadbesuch oder das Eis im Sommer“, so Hennings. Zudem hätten in Armut lebende Kinder häufig geringere Chancen auf Bildung. „Wer verschuldet ist, kann nicht mal eben in ein Berliner Museum fahren.“

Oft treten in der Schule Problem auf

Für Katja Hilbert geht Armut hingegen nicht zwangsläufig mit einem schlechten Lebensstandard einher. Sie ist die zuständige Fachbereichsleiterin für Kinder und Jugend beim Regionalverband Brandenburg-Süd der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und für die Landkreise Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming zuständig. „Manche Kinder sind auch arm dran, obwohl ihre Eltern gut verdienen“, sagt sie und fügt hinzu: „Und umgekehrt geht es vielen Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern gut, weil ihre Eltern eine positive Einstellung zur Erziehung haben und für ihre Kinder da sind.“

Probleme würden meist erst in der Schule auftreten. „Den Geigenkurs oder den Fremdsprachen-Lehrgang können sich einkommensschwache Familien nun mal nicht leisten“, sagt Katja Hilbert. Sie hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass das Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten bei armen Kindern in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Aggressionen oder das Heischen um Aufmerksamkeit werden so zum Problem in den Kitas. „Kinder aus sozial schwierigen Familien brauchen häufig mehr Aufmerksamkeit als andere und können sich schlecht in großen Kindergruppen aufhalten“, sagt die Awo-Mitarbeiterin. Ein besonderes Sorgenkind: Die Kita der Arbeiterwohlfahrt in Königs Wusterhausen. 75Prozent der Kinder stammen dort aus sozial schwachen Familien. „Da häufen sich die Konflikte“, so Katja Hilbert.

Eltern geben schlechte Lebenseinstellungen oft weiter

Ein weiteres Problem der Armut: Bestimmte Lebenseinstellungen werden an die Kleinen weiter gegeben. „Wenn Eltern beispielsweise die Schule abgebrochen haben, ist das bei ihren Kindern auch oft der Fall“, sagt Joachim Kay. Er ist Leiter des Freien Betreuungsvereins Teltow-Fläming in Zossen und berät Schuldner. Meist kümmert er sich um Menschen, die zwischen 18 und 30 Jahre alt sind und die Schule oder ihre Ausbildung abgebrochen haben. „Es passiert oft, dass in die verschuldeten Familien dann plötzlich Kinder hinein geboren werden“, sagt er. Um die negativen Folgen der Armut abzumildern, hilft Kay beispielsweise dabei, alle Ansprüche auf staatliche Zuschüsse auszuschöpfen. „Wenn ein Kind den Wunsch hat, im Fußballverein zu spielen, versuchen wir, die entsprechenden Leistungen zu beantragen“, sagt er und fügt hinzu: „Unser Ansatzpunkt sind jedoch ganz klar die Eltern. Wenn es ihnen emotional und finanziell besser geht, überträgt sich das auch auf ihre Kinder.“

Von Anne Mareile Walter

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