Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Dahme-Spreewald Jeden Tag auf Dienstreise: Zehntausende im Speckgürtel pendeln nach Berlin
Lokales Dahme-Spreewald Jeden Tag auf Dienstreise: Zehntausende im Speckgürtel pendeln nach Berlin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:52 14.05.2019
„Am schönsten fährt es sich in den Ferien ohne Baustellen“: Gert Wigankow pendelt täglich mindestens eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Berlin und zurück. Quelle: Josefine Sack
Zeuthen

Wenn Gert Wigankow um 6.30 Uhr in seinem weißen Kombi von seinem Grundstück in Zeuthen rollt, hat er bis auf einen Kaffee noch nichts im Magen. „Um diese Uhrzeit kriege ich nichts runter. Ich frühstücke im Büro“, sagt der 54-Jährige. Er ist einer von fast 4000 Zeuthenern, die jeden Morgen zur Arbeit pendeln. Insgesamt pendeln aus Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming knapp 40.000 Menschen nach Berlin. Und es werden immer mehr.

Gert Wigankow ist einer von ihnen. Der Diplomfinanzwirt arbeitet im Finanzamt in Berlin-Tempelhof. Seit 2007 lebt der gebürtige Berliner mit seiner Familie in Zeuthen. Woanders in Brandenburg ins Grüne zu ziehen, kam für ihn und seine Lebensgefährtin nicht in Frage: „Wir kommen beide aus dem Berliner Süden, da lag Zeuthen nah.“

Gert Wigankow vor seinem Haus in Zeuthen: Oft ist er morgens der Erste, der das Haus verlässt. Damit er um 7.30 Uhr im Büro ist, klingelt sein Wecker schon um 5.30 Uhr. Quelle: Josefine Sack

Mit der S-Bahn musste er dreimal umsteigen

Oft ist er morgens der Erste, der das Haus verlässt. Damit er um 7.30 Uhr im Büro ist, klingelt sein Wecker um 5.30 Uhr. Die 13-jährige Tochter muss später los. Sie geht im Nachbarort aufs Gymnasium. Wigankows Lebensgefährtin, Ilka Berndt (49), ist Lehrerin in Schöneweide und fährt mit der S-Bahn zur Arbeit.

Anfangs fuhr Wigankow auch mit der Bahn. Er wohnt fünf Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt. Doch der Weg nach Tempelhof wurde ihm mit der Zeit zu beschwerlich: volle Bahnen, dreimal umsteigen. Über eine Stunde war er unterwegs. „Das dauerte mir zu lang. Vor allem nach der Arbeit will man schnell nach Hause.“

Pendeln kostet Zeit – und Geld

Neben dem Zeitfaktor ist die Fahrt mit dem ÖPNV auch eine Kostenfrage: 80 bis mehr als 100 Euro kostet das VBB-Monatsticket für die Tarifzonen ABC mittlerweile. Mit seinem spritsparenden Skoda, einem Dieselfahrzeug, zahlt er, wenn es gut läuft, im Monat um die 70 Euro fürs Tanken, sagt Wigankow.

Er habe darüber nachgedacht, sich ein Elektroauto anzuschaffen – „fürs gute Gewissen“. Auf dem Hausdach hat Wigankow eine Photovoltaikanlage. Früher fuhr er mit Erdgas. „Das war nicht praktisch. Erdgas gibt’s ja nicht überall“, sagt er. Ähnlich wäre es mit einem Elektroauto. Während der Arbeitszeit könnte er den Wagen nirgends aufladen.

Sport und Imkern als Ausgleich

Abfahrt aus Zeuthen. Gert Wigankow fischt die Zeitung aus dem Briefkasten, verstaut den Rucksack im Kofferraum. Nach Feierabend will er noch zum Klettern. Der Nachbar von gegenüber ist gerade ins Auto gestiegen. Als er Wigankow sieht, hupt er zur Begrüßung.

Anfangs fuhr Wigankow mit der S-Bahn. Er wohnt fünf Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt. Doch der Weg nach Tempelhof wurde ihm mit der Zeit zu beschwerlich. Quelle: Josefine Sack

Wigankow schaltet das Radio ein, 104.6 RTL. „Die bringen die Nachrichten schon zehn Minuten früher“, sagt er. Eine halbe Stunde später, gegen 7 Uhr, schaltet er um zu seinem Lieblingssender Radio 1. Über den Rapsfeldern bei Waltersdorf fliegt ein Flugzeug am Horizont. Wigankow lässt das Fenster auf der Fahrerseite herunter. Der süßliche Rapsduft strömt herein. „Das mögen die Bienen“, sagt er. Wigankow ist Hobbyimker. Er sagt, die Bienen seien sein Ausgleich. „Bienen merken, wenn man gestresst ist. Die haben einen Sinn dafür.“

Mehr Stress durch lange Anreise

Pendeln kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern vor allem Nerven. Eine Sonderauswertung des „Glücksatlas 2018“ hat ergeben: Drei Viertel aller Menschen, die täglich 40 Minuten oder länger zur Arbeit pendeln, sind genervt und sagen, dass sich der lange Arbeitsweg negativ auf ihre Lebensqualität auswirke. Bei kürzeren Reisezeiten fand das weniger als ein Drittel der Befragten.

Gert Wigankow wirkt nicht gestresst. Er hat sich mit der Fahrerei arrangiert: „Man gewöhnt sich daran“, sagt er. Gleichzeitig gibt er zu: „Wenn man lange im Stau rumsteht, ist das schon nervig.“ Am schlimmsten sei es, wenn in Waltersdorf die Ampel ausgefallen oder auf dem Stadtring der Britzer Tunnel dicht ist. „Oder wenn ein Laster im Tunnel Rudower Höhe die Höhenkontrolle auslöst. Dann geht nichts mehr“, zählt der Zeuthener alle Eventualitäten auf, die ihn regelmäßig auf seinem Arbeitsweg begleiten.

Bei gutem Wetter fährt Gert Wigankow mit dem Rad

Beruflich nach Brandenburg zu wechseln, darüber haben weder er noch seine Frau ernsthaft nachgedacht: „Wir sind beide Landesbeamte in Berlin. Da geht ein Wechsel nicht ohne Weiteres.“ Wigankow hätte als Dozent an der Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen anheuern können. „Das wäre vom Arbeitsweg her optimal gewesen. Aber das kam nicht in Frage.“ Weil ihm das Dozieren nicht liege, wie er sagt. Und weil er sich in Tempelhof wohlfühle.

An schönen Tagen fährt Wigankow mit dem Rad zur Arbeit. Es gebe da so eine Art Wettkampf unter den Kollegen, wer am häufigsten mit dem Fahrrad komme, sagt er. Gut eine Stunde braucht der 54-Jährige für die knapp 30 Kilometer bis nach Tempelhof. Zeit, die er sich für ein bisschen Bewegung am Morgen gern nimmt: „Das ist ein gutes Abspecktraining.“

Stop-and-go auf der Stadtautobahn

Oft ist er bequem und nimmt doch das Auto. „Am schönsten fährt es sich in den Ferien ohne Baustellen. Dann kommt man gut durch.“ Wigankow ist bereits eine gute Viertelstunde gefahren. Bis zum Zubringer A 113 ist er gut durchgekommen. Erst kurz vor Abfahrt Stubenrauchstraße stockt es. Der Grund ist eine Baustelle. Wegen Arbeiten an der Fahrbahn ist eine Spur gesperrt.

Kurz darauf, auf dem Stadtring, warnt ihn unüberhörbar der Verkehrsfunk: „Achtung, Verkehrsstörung.“ Dort, in Höhe des Britzer Tunnels, ist ebenfalls nur eine Spur befahrbar. Es staut sich. Zum Glück löst sich der Verkehr schnell auf.

7.15 Uhr Ankunft im Büro. Eine Dreiviertelstunde hat Gert Wigankow (54) aus Zeuthen auf seiner Fahrt morgens zur Arbeit gebraucht. Quelle: Josefine Sack

Vom Büro den Sonnenaufgang beobachten

Um kurz nach 7 Uhr fährt Wigankow bei der Ausfahrt Tempelhofer Damm ab. Er biegt links ab, fährt durch ein Gewerbegebiet, vorbei an einer kleinen Gartenkolonie. Dann beginnt die Parkplatzsuche: „Da vorn ist eine Lücke.“

Wigankow dreht und schert ein. Um Punkt 7.10 Uhr stellt er den Motor ab. Fünf Minuten später ist er im Büro angekommen. Der langen Anfahrt kann Wigankow auch etwas Positives abgewinnen: „Wenn ich zeitig da bin, kann ich von meinem Büro aus die Sonne aufgehen sehen.“

Von Josefine Sack

Das alte LF 20, Baujahr 1989 entsprach nicht mehr den Forderungen und wurde durch ein neues ersetzt.

13.05.2019
Dahme-Spreewald Königs Wusterhausen - Der Bildungscampus kommt

Die Volkshochschule und die Musikschule sollen spätestens ab 2022 auf dem Königs Wusterhausener Funkerberg ihren Unterricht anbieten. Dann soll der neue Bildungscampus in Betrieb gehen.

16.05.2019
Dahme-Spreewald Kommentar zu kostenlosem Schülerverkehr - Spendabel, spendabel

Solange die Millionen aus Schönefeld fließen, kann sich der Landkreis Dahme-Spreewald großzügige Gesten wie einen kostenlosen Schülerverkehr leisten. Aber es kann auch anders kommen. Ein Kommentar.

13.05.2019