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Dahme-Spreewald Ein Leben im Schatten des BER
Lokales Dahme-Spreewald Ein Leben im Schatten des BER
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19:01 06.05.2019
Terminalgebäude und Nebengebäude des Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) in Schönefeld Quelle: Britta Pedersen/DPA
Mahlow

Regina Bomkes Haus ist leicht zu finden. Wer von der Schönefelder Startbahn nach Westen abhebt und rechts aus dem Fenster schaut, sieht unten den Mahlower Sportplatz. Dann zählt man von der hinteren Ecke ein paar Grundstücke ab und landet bei einem braunen Dach mit Solarkollektoren und einer Rasenfläche dahinter. Das ist es.

Von unten sieht es aus wie viele Einfamilienhäuser im Mahlower Musikerviertel. Weiße Fassade, eine Stellfläche für Mopeds, hinten eine Terrasse mit einem Grill für laue Sommerabende. Dort steht Regina Bomke (53), studierte Juristin, und deutet mit dem Finger in die Luft. „Da kommt wieder eins“, sagt sie. Sekunden später erhebt sich ein Flugzeug über den Horizont, das Dritte innerhalb von 20 Minuten.

Es ist diesig an diesem Tag. Die Maschine verschwindet bald in den Wolken. Aber ihr Dröhnen hallt noch eine ganze Weile nach. Das ist der Sound von Regina Bomkes Leben, der Sound von Mahlow.

Über dem Haus sind die Flugzeuge 500 Meter hoch

Seit 1994 lebt Regina Bomke mit ihrer Familie in Mahlow, einem der am stärksten von Fluglärm betroffenen Orte rund um Schönefeld. Ihr Haus liegt knapp fünf Kilometer vom Flugfeld entfernt. Wenn die Flugzeuge es überqueren, sind sie ungefähr 500 Meter hoch in der Luft. Manchmal starten sie auch flacher. „Es gibt Tage, da sitze ich im Garten und frage mich, ob der Pilot weiß, wo er gerade ist“, sagt Regina Bomke. „Die fliegen dann so tief, dass ich die Räder sehen kann. Und das ist eigentlich nicht Sinn der Sache.“

Dass man seine Stimme erhebt oder Gespräche auf der Terrasse kurz unterbricht, wenn ein Flieger kommt, ist normal in Mahlow. Auch dass man das Fenster schließt, wenn man den Fernseher verstehen will. An all das haben sich Regina Bomke, ihr Mann und ihre drei Kinder längst gewöhnt. Man kann nicht ein halbes Jahrhundert neben einem Flughafen leben, wenn es einen bei jedem Start und jeder Landung innerlich zerreißt. Die fünf Bomkes schlafen alle bei offenem Fenster. „Von uns wird auch niemand wegen der ersten Maschine wach“, sagt Regina Bomke. Aber momentan fliegen sie auch höchstens alle fünf Minuten, oft seltener. Manchmal hört man sie den ganzen Tag nicht.

Über 30 Millionen Passagiere sollen abgefertigt werden

Das dürfte sich mit Inbetriebnahme des BER ändern. Statt 13 Millionen Passagieren jährlich sollen dann in Schönefeld über 30 Millionen Menschen abgefertigt werden, auch die Zahl der Flüge wird sich ungefähr verdreifachen. Perspektivisch werden es eher noch mehr. „Man geht davon aus, dass dann alle zwei Minuten ein Flugzeug startet oder landet. Das wird dann kein singuläres Ereignis mehr, sondern eine Dauerbewegung“, sagt Regina Bomke.

Was das konkret für sie bedeutet, versuchen sich die Bomkes seit Jahren vorzustellen, genau wie alle anderen, die in Mahlow, Blankenfelde, Diedersdorf, Dahlewitz oder Schulzendorf wohnen. Viele haben Angst davor. Der BER mag ein Jobmotor sein, ein Garant für den andauernden Aufschwung zweier Landkreise. Aber die reine Idee von 300 000 Flugbewegungen im Jahr hängt über den Anwohnern wie ein Damoklesschwert.

Und noch dazu eines, das es gar nicht hätte geben dürfen. Als die Bomkes 1994 mit dem Hausbau begannen, spielte der benachbarte Flughafen für sie kaum eine Rolle. Die paar Flugzeuge störten nicht weiter, und das Ganze sollte ohnehin bald ein Ende haben.

Die Gutachter befanden Schönefeld für ungeeignet

Das Raumordnungsverfahren für den neuen Hauptstadtflughafen stand kurz vor dem Abschluss, die beteiligten Gutachter und Experten waren sich einig: Schönefeld ist für einen Großflughafen völlig ungeeignet. In Gutachten hieß es, der Standort berge Sicherheitsrisiken, zu viele Menschen seien von Fluglärm betroffen, zu viele Orte müssten umgesiedelt werden. „Wir gingen deshalb davon aus, dass der Flughafen in Jüterbog oder Sperenberg gebaut wird“, sagt Regina Bomke. Und dass Schönefeld dann vom Netz genommen wird.

Im Mai 1996 jedoch änderte sich für die Bomkes alles. Da beschlossen die Länder Berlin und Brandenburg, dass der Hauptstadtflughafen eben doch nach Schönefeld kommt. Die Berliner und der Bund wollten ihn dort, weil es die billigste Lösung zu sein schien, und Brandenburg war zu klamm, um sich für eine der Alternativen stark zu machen. „Unser Haus war noch nicht einmal fertig, unsere Kinder sollten hier groß werden. Aber dieser Beschluss stellte alles in Frage“, erinnert sich Regina Bomke.

Für sie und ihren Mann begannen intensive Jahre. Rund um Mahlow gründeten sich Bürgerinitiativen, allen voran der Bürgerverein Berlin-Brandenburg. Als der 2004 gegen den Planfeststellungsbeschluss klagte, zogen die Bomkes wochenlang durch den Ort und suchten Unterstützer. Auf Treffen redete man sich die Köpfe heiß. Dreimal fuhr Regina Bomke nach Leipzig, wo sich Verwaltungsrichter mit dem Flughafen befassten. Als die Richter 2006 endgültig grünes Licht für den Bau gaben, war sie aber nicht dabei. Sie hatte keinen Platz im Bus bekommen. Vom Urteil erfuhr sie übers Telefon. „Ich war nicht überrascht“, sagt sie. „Trotzdem war es einschneidend.“

BER wurde nationales Drama

Regina Bomke engagierte sich politisch. Als Gemeindevertreterin stritt sie um Flugrouten. Als Ortsvorsteherin kämpfte sie für Mahlower Bürger um Lärmschutzfenster. Und sie besuchte gemeinsam mit anderen Politikern Raunheim, eine Gemeinde am Frankfurter Flughafen.

Dort stellte sie sich auf ein Feld und studierte Flugzeuge beim Start. Ihre Erkenntnis: Es macht einen riesigen Unterschied, ob einem das Flugzeug direkt über den Kopf fliegt oder 100 Meter daneben. „Da wurde mir klar, wie sehr der Flughafen unsere Gemeinde spalten wird“, sagt sie. „Denn egal wie die Flugrouten verlaufen – was für die einen besser ist, wird für die anderen schlecht sein.“

Nur wie schlecht, ist 13 Jahre nach dem Spatenstich noch immer nicht klar. Regina Bomke erinnert sich noch, wie sie im Mai 2012, kurz vor der geplanten BER-Eröffnung von Tegel aus zu einer Dienstreise flog. Vor dem Flughafen stand ein Plakat: „Tschüss Tegel, wir sehen uns wieder in Schönefeld“. Als sie zwei Wochen später wieder in Tegel landete, war die Eröffnung abgesagt. Der BER war in der Zwischenzeit ein nationales Drama geworden, aber das Plakat stand noch da. Regina Bomke sah es und dachte: „Das könnt ihr jetzt auch abhängen.“

Milliardengrab und Lachnummer

Ungläubig verfolgte sie danach, wie die Eröffnung ein ums andere Mal verschoben wurde. Erst um Monate, dann um Jahre. Wie immer mehr Pannen zutage traten, Planungsfehler und Missmanagement offenbar wurden. Wie der BER zum Milliardengrab und zur Lachnummer wurde. Irgendwann konnte selbst die erklärte Flughafengegnerin Regina Bomke die Witze ihrer Pfälzer Verwandten darüber nicht mehr hören.

Einmal fuhr sie auf die Baustelle, ließ sich zwei Stunden lang durchs Terminal führen. Sie lief an offenen Schächten vorbei, in denen kilometerweise nutzlose Kabel lagen. Der Guide machte keinen Hehl aus dem Chaos, der dort herrschte – und Regina Bomke staunte über die übersichtliche Größe des Katastrophenbaus und das vorgestrige Design. „Das ist ein altbackener Provinzflughafen“, sagt sie.

Manchmal weiß sie selbst nicht mehr, was sie mit diesem BER anfangen soll. Auf der einen Seite leidet sie. Das ganze Desaster sei ihr persönlich peinlich. „Dafür bin ich Staatsbürgerin genug“, sagt sie. „Ich kann mich nicht über darüber freuen.“ Andererseits genießt sie die Stille, die der jetzige Flughafen ihr und ihrer Familie immerhin noch zeitweilig gewährt. Jeder Monat, den die BER-Eröffnung nach hinten rückt, sei ein Gewinn – und nähre die Hoffnung, dass vielleicht doch noch jemand das Ganze für immer abbläst, sagt Regina Bomke.

Ortsvorsteherin hat ihren Frieden mit dem BER gemacht

Aber wie es auch kommen wird: Die Ortsvorsteherin von Mahlow hat ihren Frieden gemacht mit dem BER. „Wir haben die Kinder ohne Fluglärm groß bekommen, das ist schon mehr, als wir in den 90er Jahren gedacht hätten“, sagt sie. Und wenn er irgendwann doch eröffnet? Stand heute geht Regina Bomke vom Guten aus. „Ich glaube, dass wir einen Weg der friedlichen Koexistenz finden werden.“

Zumal der Flughafen ja auch eine praktische Seite hat. In ihrem Job ist Regina Bomke viel in der Welt unterwegs, zum Terminal braucht sie nur eine Viertelstunde. Wenn sie dann abhebt, kann sie gleich nach dem Start den Mahlower Sportplatz sehen, und dann, ein paar Grundstücke weiter, ihr braunes Dach mit den Solarkollektoren.

Manchmal wird sie von Bekannten gefragt, ob sie nicht froh darüber ist, wenn ihr Flugzeug in Richtung Osten startet. Weil es dann über Waltersdorf, Schulzendorf oder Bohnsdorf Höhe gewinnt und ihrem Mahlow einen Moment der Ruhe gönnt. Aber diese Frage stürzt Regina Bomke stets in einen Gewissenskonflikt. „Nein“, antwortet sie dann schuldbewusst. „Ich sehe einfach mein Haus so gerne von oben.“

Von Oliver Fischer

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