Bundeswehr im Impfzentrum Schönefeld: "Corona kommt nicht überraschend"
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Schönefeld Generalstabsarzt der Bundeswehr: „Corona ist kein Szenario, das uns völlig überrascht“
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Bundeswehr im Impfzentrum Schönefeld: "Corona kommt nicht überraschend"

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18:04 31.01.2021
Im Impfzentrum Schönefeld hilft die Bundeswehr mit Personal aus. Dr. Armin Kalinowski (r), Generalstabsarzt beim Sanitätsdienst der Bundeswehr, im Interview.
Im Impfzentrum Schönefeld hilft die Bundeswehr mit Personal aus. Dr. Armin Kalinowski (r), Generalstabsarzt beim Sanitätsdienst der Bundeswehr, im Interview. Quelle: Collage Joice Nkaigwa/UlrichWangemann
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Generalstabsarzt Armin Kalinowski (59) ist Kommandeur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Deutschland. Der Dienst stellt zu wesentlichen Teilen das Personal im Impfzentrum Schönefeld. In Brandenburg ist es das einzige Zentrum, in dem die Bundeswehr den medizinischen Teil übernimmt.

Was unterscheidet das Schönefelder Impfzentrum, das von der Bundeswehr betrieben wird, von anderen?

Die Bundeswehr betreibt hier kein eigenes Impfzentrum. Berlin hat die Johanniter Unfallhilfe mit der Organisation des Impfzentrums beauftragt. Die Bundeswehr wird subsidiär im Rahmen der Amtshilfe tätig. Tatsächlich hatten wir zu Beginn den Bundesländern eigenständige Impfzentren der Bundeswehr und mobile Impfteams angeboten, da wir grundsätzlich über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen. Ärzte und Assistenzpersonal sind ebenso wie Apotheker im Sanitätsdienst der Bundeswehr vorhanden. Außerdem haben wir aus den viele Auslandseinsätzen und unserem Kernauftrag in Deutschland große Erfahrung darin, ähnliche Aufgaben komplett organisatorisch umzusetzen. Das gibt es draußen nicht so ohne Weiteres aus einer Hand. Wir müssen keine Leute rekrutieren, wir haben sie und wissen, wie sie ausgebildet sind.

Derzeit werden hoch betagte Menschen geimpft – wie schnell geht das?

Entscheidend ist, dass die Bevölkerung mit dem höchsten Risiko rasch geimpft wird, um die Entlastung des Gesundheitssystems zu gewährleisten. In der Tat liegt im Moment der Fokus auf den Personen über 80 und solchen mit einem sehr hohen gesundheitlichen Risiko. Diese werden durch die entsprechenden Stellen der zivilen Behörden identifiziert und erhalten Impftermine. Zu diesen Terminen stellen sich die Impflinge im Impfzentrum vor. Dann geht alles wirklich schnell. Die ärztliche Aufklärung dauert etwa fünf bis zehn Minuten, manchmal aber länger oder muss über einen gesetzlichen Betreuer erfolgen. Deshalb liegt der Durchsatz pro Stunde und Impfstraße derzeit noch bei sechs bis sieben Patienten. Die Vorgabe ist zehn pro Stunde. Wenn später die jüngeren Leute drankommen, und genügend Impfstoff vorhanden ist, geht das sicher schneller.

Wie schnell muss der Impfstoff nach der Anlieferung verarbeitet werden?

Sechs Stunden hat man Zeit, nachdem man ihn aus der Tiefkühlung geholt und „impffertig“ vorbereitet hat. Es erfolgt dann eine Aufbereitung des Impfstoffs – wir sprechen von dem der Firma BioNTECH/Pfizer. Diese Aufbereitung macht speziell qualifiziertes Personal, häufig Apotheker. Dabei wird die Trockensubstanz aufgelöst und in mehrere Spritzen aufgeteilt, die dann in der Impfstraße mit Zimmertemperatur an die Impflinge verabreicht werden. Die Impfstofffläschchen sind zwar in normalen Kühlschrank noch fünf Tage haltbar, aber verdünnt und aufgezogen sinkt die Haltbarkeit bei Raumtemperatur auf zwei Stunden.

Wenn ein Impfling nicht erscheint – was passiert mit dem übrig gebliebenen Impfstoff?

Es ist sicherlich gut nachvollziehbar, wie aufwändig es ist, einen Impftermin zu vergeben. Umso ärgerlicher ist es, wenn Impflinge nicht zum vereinbarten Termin erscheinen. Im Moment erscheinen von zehn Einbestellten im Durchschnitt neun zum vereinbarten Termin. Es ist eine herausfordernde Aufgabe für die Verantwortlichen im Impfzentrum den übrig gebliebenen Impfstoff an vorab bestimmte „Nachrücker“ zu vermitteln. Sollte kein Impfling mit höchster Priorität mehr da sein, wird medizinisches Personal, das in der Versorgung der Risikopatienten eingesetzt ist, vorgezogen. Dabei gilt es, das Verwerfen von Impfstoff auf jeden Fall zu vermeiden und dennoch streng entlang der durch das Robert-Koch-Institut empfohlenen Priorisierung zu verimpfen. Es kann nicht angehen, dass die Impfungen diejenigen erhalten, die per Zufall vor Ort sind. Vielmehr sind die „Nachrücker“-Listen eine sinnvolle Maßnahme, um die Priorisierung sicherzustellen. In Einzelfällen kann auch die Abgabe an ein Krankenhaus zielführend sein. Die Verantwortlichen auf Seite des Betreibers des Impfzentrums und die Behörden haben dazu Planungen und Vorkehrungen getroffen.

Die Truppe von Generalstabsarzt Armin Kalinowski bleibt noch bis zum 10. März in Schönefeld. Quelle: Ulrich Wangemann

Lässt sich der derzeitige Mangel an Impfstoff durch die öffentlich diskutierte Nutzung von Resten in den Ampullen abmildern?

Rein rechnerisch könnte man nicht nur sechs, sondern sogar sieben Dosen aus einer Flasche gewinnen. Sechs Impfdosen aus einer Flasche sind glücklicherweise mittlerweile zugelassen – zunächst waren es nur fünf pro Flasche. Da aber besagte sechs Dosen gesichert sind, sind wir natürlich froh, aus einer Impfphiole auch die tatsächlich mehr enthaltenen 20 Prozent heraus holen zu dürfen.

Könnte die Bundeswehr deutlich mehr leisten, als sie derzeit beiträgt zur Bekämpfung von Covid-19?

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist nicht luxuriös ausgestattet. Unser Grundauftrag ist es, die rund 200.000 Soldatinnen und Soldaten der Truppe hausärztlich zu versorgen und die Einsatzbereitschaft durch Ausbildung und andere Unterstützungsleistung zu gewährleisten. Diese Arbeit hat sich in der Pandemie verändert, sie ist aber nicht weniger geworden. Wir haben per se kein Personalkontingent für die zivil-militärische Zusammenarbeit. Was wir außerhalb der Truppe leisten, muss aus dem normalen Betrieb genommen werden. Der Sanitätsdienst unterstützt jetzt schon 18 Impfzentren in Deutschland. Wir stellen Abstrichteams, mobile Impfteams, helfen auf Intensivstationen und in den Gesundheitsämtern. Damit laufen noch nicht im roten Bereich, sind aber auf eine Priorisierung unser Aufträge angewiesen. Es funktioniert im Moment, weil unsere Leute – und das sind allein in meinem Kommandobereich etwa 7.000 Menschen – unfassbar motiviert sind.

Wie viel Personal stellen sie in Schönefeld?

Im Impfzentrum Schönefeld zum Beispiel sind vier Ärzte und weitere 14 Leute vom medizinischen Fachpersonal tätig. Insgesamt sind aus meinem Kommando über 200 Soldatinnen und Soldaten in der pandemiebedingten Amtshilfe eingesetzt. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr leistet darüber hinaus weitere wesentliche Beiträge. Neben den eingesetzten Kräften unseres Schwesterkommandos in Weißenfels sind die fünf Bundeswehrkrankenhäuser – eins davon in Berlin - ganz normal Bestandteil der Landesbettenpläne. Das medizinische Personal ist in der Corona-Pandemie schon ein limitierender Faktor, wobei wir von Seiten des Sanitätsdienstes mit einem wesentlichen Beitrag unterstützen.

Die Bundeswehr soll vermehrt Abstriche vornehmen – wie soll das gehen?

Abstriche durfte bislang nur medizinisches Fachpersonal machen. Damit waren verteilt über Deutschland 40 bis 60 unserer Leute betraut. Was jetzt neu ist: unter Anleitung fachlich befugter Personen beispielsweise aus den Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder den Gesundheitsämtern dürfen inzwischen auch medizinische Laien Abstriche machen - dies trägt dem erheblichen Personalbedarf Rechnung. Tausende zusätzliche Soldaten kämen dann in Betracht. Diese sogenannten „helfenden Hände“ müssen aber auch ausgebildet und zertifiziert sein, denn es ist nicht ganz ohne und für Betroffene nicht gerade angenehm, durch die Nase an der Rachenhinterwand einen Abstrich zu nehmen. In Verantwortung der zivilen Einrichtung, die diese Hilfe benötigt, wird nun die Auswahl, Ausbildung und der Einsatz der helfenden Hände vorgenommen. Am ehesten werden diese Soldatinnen und Soldaten aber eingesetzt, um originäres Pflegepersonal zu entlasten. Hier können die Soldatinnen und Soldaten viel Gutes tun.

Wie gut war die Bundeswehr eigentlich vorbereitet auf die Corona-Katastrophe?

Im Weißbuch von 2016 sind Pandemien als Sicherheitsbedrohung für die Bundesrepublik Deutschland schon beschrieben. Corona ist kein Szenario, das uns völlig überrascht. Wir haben natürlich in deutlich kleinerem Umfang SARS gehabt und bekämpften die Schweinepest, Grippewellen haben wir auch jedes Jahr. Beim Einsatz gegen Ebola waren DRK und Bundeswehr gemeinsam in Afrika vor Ort. Für die Bundeswehr gehört die Vorbereitung auf eine große Infektionswelle gewissermaßen zum normalen Geschäft. Nur dass wir eine Pandemie in diesem Ausmaß tatsächlich erleben, ist neu und hat auch uns in einigen Bereichen Grenzen aufgezeigt.

In wieweit ist die Beschäftigung mit Seuchen Aufgabe der Bundeswehr?

Die Bundeswehr hat eine große Expertise in epidemiologischen Fragen. Wir haben Forschungsinstitute in der Bundeswehr zu Mikrobiologie, Pharmakologie, Toxikologie und zum Schutz vor atomaren, chemischen und biologischen Waffen – diese Expertise zum ABC-Schutz ist im Zivilen an vielen Stellen abgebaut worden. In München haben wir eine große Abteilung, die Epidemiologie betreibt, sich mit der Bedrohungslage durch Viren und Bakterien weltweit beschäftigt. Experten sind in den Ländern im Einsatz, beschäftigen sich etwa mit Ebola. Wenn wir in den Einsatz gehen, müssen wir diese Gefährdungen kennen.

An der Bundeswehr ist in den vergangenen Jahrzehnten viel gespart worden. Glauben Sie, dass diese Pandemie in Sachen Abbau ein Stoppschild setzt?

Auch bei uns ist abgebaut worden. Da wir die Truppe versorgen, werden wir uns immer an deren Größe orientieren. Aber ich glaube tatsächlich, dass ein weiterer Abbau nicht stattfinden wird. Die Frage ist, ob es wieder zu einem Aufbau kommen wird. Das ist dann eine Frage der Finanzen.

Bemerken Sie, dass die Bundeswehr ein besonderes Vertrauen bei den Patienten genießt?

Bei älteren Jahrgängen ganz sicher. Man hatte befürchtet, die Anwesenheit der Bundeswehr könnte abschreckend sein. Das hat sich aber bisher nicht gezeigt, ganz im Gegenteil: Viele Menschen wollen Fotos mit Soldaten. Zudem kann man feststellen, dass die Bundeswehr in der gesamtstaatlichen Herausforderung einer Pandemie, die uns alle betrifft, ihren wichtigen Beitrag erbringt. Das wird von der Bevölkerung sehr wohl dankbar zur Kenntnis genommen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Akzeptanz eine der positiven Folgen der Pandemie bleiben wird.

Sollen Ihre Leute bewusst Uniform tragen im Impfzentrum?

Ja, das ist die Arbeitskleidung und man kann sie bei 60 Grad waschen. Ich persönlich finde es auch richtig, dass die Bundeswehr sichtbar ist. Sie ist ein Teil des Landes und eben eine Parlamentsarmee – und mit der Uniform verdeutlichen wir unsere Einsatz für die Bevölkerung, für Deutschland.

Wie lange werden Sie in Schönefeld sein?

Bislang ist geplant, dass wir bis zum 10. März bleiben. Dann wird man prüfen, ob es weiter nötig ist und die Ressourcen da sind. Ich persönlich sehe Schönefeld als Premiumprojekt. Wir können hier richtig etwas wegschaffen und es gibt einen Riesenbedarf, die Inzidenzen in der Region sind hoch. Also sollte man möglichst schnell durchkommen mit den Impfungen. Wenn man Einzelpersonal irgendwo hin schickt, wirkt sich das dagegen nicht so sichtbar aus. Mit den Johannitern läuft das hier hervorragend. Und wenn es läuft, sollte man nicht die Pferde wechseln.

Ob auf der Stube, im Truppentransporter oder Panzer: Soldaten sitzen oft eng beieinander und sind deshalb besonders infektionsgefährdet. Was tun Sie gegen Ansteckungen innerhalb der Truppe?

Wir haben sehr gute Konzepte, um die Infektionsgefahr in der Truppe zu minimieren. Jeder Verband und jedes Vorhaben hat ein Hygienekonzept, dass durch unsere eigenen Präventivmediziner, vergleichbar mit den zivilen Amtsärzten, genehmigt wird. Die Vorgesetzten werden intensiv beraten. Die Konzepte zur Isolierung sind vergleichbar mit denen für Spitzensportlern der Mannschaftssportarten. Was beim Handball die Blase ist, entspricht bei uns der Kohortenisolierung. Damit wird das Risiko gemindert und doch die Durchführung militärischer Ausbildung und Übungen aber auch des Einsatzes ermöglicht. Natürlich gibt es auch in der Truppe Infektions- und Erkrankungsfälle. Diese entstammen aber den üblichen Infektionswegen, wie in der restlichen Bevölkerung. Klar ist, dass der Dienst in der Bundeswehr nicht mit einer erhöhten Infektionsgefahr einhergeht.

Von Ulrich Wangemann