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Schönefeld „Man fliegt kein Flugzeug mehr, man managt es“
Lokales Dahme-Spreewald Schönefeld „Man fliegt kein Flugzeug mehr, man managt es“
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14:55 06.10.2019
Pilot Kay Wachtelborn. Quelle: privat
Schönefeld

Kay Wachtelborn (44) war in den vergangenen 15 Jahren als freiberuflicher Pilot für zahlreiche Fluggesellschaften im Einsatz. Heute ist er immer noch ein- bis zweimal pro Monat in der Luft, bildet vordergründig aber andere Piloten aus.

Sie fliegen seit 15 Jahren Passagierflugzeuge. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz?

Kay Wachtelborn: Jein. Ich weiß, dass ich von Tegel nach Wien geflogen bin. Aber ich war ziemlich aufgeregt, weil ich den Job gut machen wollte. Die Strecke ist nicht sehr lang, und als ich gedanklich den Start abgehakt hatte, haben wir schon zur Landung angesetzt. An Details erinnere mich deshalb nicht mehr.

Das Halstuch von Sigmund Jähn

Pilot ist ein Traumberuf für viele kleine Jungen, aber die wenigsten bleiben dabei. Wie war das bei Ihnen?

Ich wollte seit 1982 in die Luftfahrt. Damals war ich sieben und bin zum ersten Mal geflogen. Beim Start durfte ich im Cockpit sitzen, was heute undenkbar wäre. Als ich dann Jungpionier wurde, hat mir Sigmund Jähn das Halstuch umgebunden, was die Faszination für die Luft- und Raumfahrt noch verstärkt hat. Gelernt habe ich bei der Lufthansa. Als es hinterher dort keinen Job für mich gab, bin ich als freiberuflicher Pilot zu Air Berlin gegangen.

Sie haben seither unzählige Flugkilometer hinter sich gebracht. Sind Langstreckenflüge für Piloten eigentlich auch so eine Qual wie für Passagiere?

Den Vergleich habe ich so gar nicht. Piloten müssten für jeden Flugzeugtyp eine eigene Berechtigung erwerben. Ich habe diese Berechtigung nur für die Boeing 737, und damit fliegt man maximal fünf bis fünfeinhalb Stunden. Ich komme also auf die Kanaren oder in den arabischen Raum, aber nicht nach Australien.

Sitze mit Schaffell bezogen

Dann anders gefragt: Wie komfortabel ist so ein Cockpit?

Man sitzt erstaunlich bequem. Die Sitze sind mit Schaffell bezogen und man kann alles Erdenkliche einstellen. Die Verpflegung hingegen ist je nach Airline unterschiedlich. Bei Germania war der Service gut, da haben auch die Piloten etwas zu essen bekommen. Bei Ryanair und Co bringt man selbst Essen mit. Wenn der Flug kürzer als vier Stunden ist, gibt es da meist nur Wasser.

Wie oft verlassen Sie bei Flügen die Kabine?

Auf kürzeren Strecken gar nicht. Alle halbe Stunde fragt das Kabinenpersonal ohnehin an, ob alles in Ordnung ist. Wenn man auf die Toilette muss, dann geht man halt, aber man hält sich nicht lange auf. Früher haben Piloten durchaus noch persönlich Kontakt mit den Passagieren aufgenommen. Ich habe auch manchmal die Leute mit Handschlag begrüßt. Aber das macht man heute nicht mehr. Die Passagiere wollen, dass der Pilot im Cockpit sitzt und seinem Job nachgeht.

Meist fliegt der Autopilot

Offensichtlich müsste er das aber gar nicht. Wie viel läuft bei einem Flug automatisiert ab?

Sehr viel. Im Grunde fliegt man nur die ersten paar Minuten nach dem Start und die letzten Minuten vor der Landung manuell. Wobei manche Flugzeuge bei schlechten Bedingungen auch schon vollautomatisch landen. Während des Fluges ist der Autopilot eingeschaltet. Der Pilot hat die Hand also nicht mehr am Steuerknüppel, er dreht stattdessen an Rädchen, drückt Knöpfe, verändert Steuerdaten und Flughöhen, überwacht den Funkverkehr. Deshalb würde ich auch nicht mehr sagen, dass man ein Flugzeug fliegt. Man managt es. Dazu gehört auch, dass man immer im Blick behält, wo für den Notfall ein günstiger Flughafen wäre. Nicht weil man einen Notfall erwartet, aber man will nicht überrascht werden.

Heißt das, ein Flugzeug könnte auch ohne Pilot nach Mallorca fliegen?

Theoretisch ja. Jemand müsste es nur starten. Wobei auch das technisch möglich wäre. Man verzichtet bisher aber aus Sicherheitsgründen darauf.

Wie oft haben Sie einen Flug aus Sicherheitsgründen schon unterbrochen?

Vielleicht einmal im Jahr kommt man in die Situation, dass man zusammen mit dem Ersten Offizier entscheiden muss, ob man den Flug fortsetzt, zurückfliegt oder auf einem Ausweichflughafen landet. Ursache sind dann in der Regel aber medizinische Probleme bei Passagieren. Aus technischen Gründen bin ich nur einmal umgekehrt. Es gab einen chemischen Geruch im Cockpit. Später stellte sich raus, dass der Luftfilter nicht mehr funktionierte. Das wäre nicht gefährlich gewesen. Aber Sicherheit steht bei der Fliegerei immer an erster Stelle.

Was war die brenzligste Situation, in der Sie mit einem Flugzeug je waren?

In der Ausbildung bin ich in Kroatien mit einem kleinen Flugzeug über eine Bergkette geflogen, plötzlich kam ich in einen Abwind. Umgangssprachlich nennt man das wohl Luftloch. Das war nicht lebensgefährlich, aber damit ist auch nicht zu spaßen. In dem Moment habe ich einfach funktioniert, es ging alles gut. Aber am Boden kam dann schon die Schrecksekunde.

Wetter ist das A und O

In welchen Situationen spüren sie beim Fliegen immer noch Adrenalin?

Adrenalin vielleicht nicht. Aber erhöhte Aufmerksamkeit ist immer beim Thema Wetter angesagt. Alles was im Winter mit Vereisung zu tun hat, ist blöd. Und wenn sich unvermittelt Windrichtung und Windgeschwindigkeit ändern, ist das auch unangenehm. Solange Wolken im Spiel sind, habe ich mein Wetterradar, da sehe ich, was mich erwartet. Aber Windscherungen unterhalb der Wolkendecke sehe ich nicht.

Es heißt, Start und Landung wären beim Fliegen das Gefährlichste. Stimmt das?

Ja, weil der Luftraum unten relativ voll ist. Technisch gesehen sind Triebwerksausfälle beim Start auch wahrscheinlicher, weil das Triebwerk da am stärksten beansprucht wird. Andererseits sind Triebwerke für genau diese Belastung ausgelegt, was man schon daran sieht, dass es Millionen Flüge im Jahr gibt, aber kaum Triebwerksausfälle. Und selbst wenn: Alle Systeme sind im Flugzeug zweimal vorhanden. Als Passagier kann man sich darauf verlassen, dass grundsätzlich mehr für die Sicherheit gemacht wird, als notwendig wäre.

Auf Madeira ist Landen eine Herausforderung

Haben Sie einen Lieblingsflughafen?

Madeira. Dort ist Landen noch eine Herausforderung. Wind und Wetter sind dort schwierig, man fliegt manuell nach Sicht. Der Erste Offizier hilft bei der Landung. Das ist echte Teamarbeit. Deshalb hat man nach der Landung ein richtig gutes Gefühl.

Und welcher Berliner Flughafen ist Ihnen lieber, Schönefeld oder Tegel?

Als Pilot ist Tegel interessanter, weil man vorher über die Stadt fliegt. Einmal hatte ich das Glück, am Silvesterabend in Tegel zu landen und unten das Feuerwerk zu sehen. Das war beeindruckend. Als Passagier lande ich aber lieber in Schönefeld. Dort kommt bei mir auch immer Nostalgie dazu. Mein erster Flug ging 1982 von Schönefeld. Es war deshalb immer mein großes Ziel, einmal von dort zu fliegen.

Fliegen ist für viele eine heikle Angelegenheit. Was mache ich, wenn ich Flugangst habe?

Wer tatsächlich eine echte Phobie mit Angstzuständen hat, sollte unbedingt dem Personal Bescheid geben. Das Personal kann dann helfen und sich selbst darauf einstellen. Den meisten macht aber nur die Unwissenheit Angst. Da hilft es oft, sich über die Funktionsweisen eines Flugzeugs zu informieren. Alkohol ist übrigens keine gute Idee, das macht alles im Zweifel noch schlimmer.

Alle müssen durch dieselbe Tür

Können Sie erklären, weshalb viele Passagiere schon kurz nach der Landung im Gang stehen, obwohl sie wissen, dass es noch zehn Minuten dauern kann, bis sich die Türen öffnen?

Bei machen ist es Ignoranz. Oder sie wissen nicht, dass ihr Versicherungsschutz erlöschen könnte, wenn sie sich abschnallen, während das Flugzeug noch rollt. Fakt ist aber auch: Alle müssen durch dieselbe Tür. Natürlich ist eine Urlaubsreise immer auch ein großes Abenteuer, man ist aufgeregt, will schnell raus. Aber es ergibt einfach keinen Sinn. Ich bleibe konsequent sitzen bis der Weg frei ist und ich aussteigen kann. Was ich allerdings mache: Ich versuche immer, eine der vordersten Reihen zu buchen. Da sind Toilette und Ausgang nah.

Sind sie generell ein guter Mitflieger?

Ich denke, dass ich unauffällig bin. Ich stelle mich lediglich beim Einsteigen als Pilot vor, falls Hilfe benötigt wird. Das ist reine Höflichkeit, Vorteile hat man dadurch nicht. Mit etwas Glück gibt es vielleicht den Kaffee kostenlos (lacht).

Hätten Sie noch eine nette Anekdote aus ihrem Berufsleben?

Bei einem Flug wusste ich, dass meine frühere Lehrerin an Bord ist. Ich gehörte sicher nicht zu ihren besten Schülern und musste mir früher von ihr anhören, dass ich mit Aus-dem-Fenster-Schauen kein Geld verdienen werde. Während des Fluges habe ihr über die Kabinenlautsprecher gesagt, dass ich es doch kann. Das war ihr etwas unangenehm. Ich habe ihr anschließend einen Champagner spendiert.

Was waren unschöne Erfahrungen?

Abschiebeflüge sind emotional. Einmal haben wir eine versuchte Kindesentführung vereitelt, das geht einem auch nah. Und ich erinnere mich an einen älteren Herren, der sich unbedingt einen Scherz erlauben musste. Die ganze Großfamilie war auf dem Weg in den Urlaub, Kinder, Enkel, Großeltern. Und der Opa sagt an der Sicherheitskontrolle: „Mal sehen, wie lange Sie brauchen, um die Bombe zu finden.“ Die Polizisten haben ihn gleich rausgezogen, er durfte nicht mit. Das tat mir schon leid. Aber so etwas geht in der heutigen Zeit einfach nicht mehr.

Von Oliver Fischer

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