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Schönefeld Ein Dorf in der Einflugschneise: So lebt es sich Tür an Tür mit dem BER
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10:33 21.10.2019
Tür an Tür mit Tower und Hangar: Selchow grenzt im Osten und Süden direkt an den Flughafen BER. Quelle: Josefine Sack
Selchow

Acht Jahre sind seit der geplatzten Eröffnung des BER, des Flughafens Berlin BrandenburgWilly Brandt“, vergangen. Seitdem wird viel über den BER geredet: über komplizierte Entrauchungsanlagen, den x-ten Flughafenchef, falsche Dübel und darüber, wann der Airport endlich eröffnet.

Schönefeld hat die Verzögerung nicht geschadet – im Gegenteil. Für die Gemeinde ist der Flughafen schon jetzt ein Magnet: Er zieht Unternehmen an, schafft Arbeitsplätze und bringt neue Einwohner. Während sich die geplante Eröffnung des BER immer wieder aufs Neue verschob, hatte Noch-Bürgermeister Udo Haase (parteilos) genügend Zeit, um die Schönefelder City unweit des Alt-Airports aufzubauen.

Alle warten auf den BER, außer die Menschen im Schönefelder Ortsteil Selchow. Wie lebt es sich Tür an Tür mit dem künftigen Großflughafen? Ein Rundgang durch ein Dorf zwischen Start- und Landebahn:

Selchow – bloß noch weg

Haases Plan ging auf: Die Dimension, in der die neue Ortsmitte wächst, ist gigantisch: Bereits jetzt leben weit über 4000 Menschen in Schönefeld-Nord. Bald werden Tausende hinzukommen. Ganz anders sieht es in Selchow aus: Dort wollen die meisten bloß noch weg. Das Dorf im Süden Schönefelds zählte einst 600 Einwohner. Jetzt sind es noch knapp 180, die meisten davon sind bereits im Rentenalter.

Während alle darauf warten, dass der BER eröffnet, ist man in Selchow froh über den Aufschub. Denn ist der Flughafen erst am Netz, wird der Ortsteil neben Waßmannsdorf und Waltersdorf in Zukunft mit am meisten unter dem Fluglärm zu leiden haben. Selchow grenzt im Osten und Süden an den BER und liegt genau zwischen der südlichen und dem Ende der nördlichen Start- und Landebahn.

Im Minutentakt starten und landen Maschinen

Wie lebt es sich Tür an Tür mit einem Großflughafen? Zurzeit ist es in Selchow noch verhältnismäßig ruhig. Doch schon ab dem kommenden Jahr könnte es damit endgültig vorbei sein: Fast im Minutentakt sollen dort, wenige hundert Meter von den Wohnhäusern entfernt, Maschinen starten und landen.

„Kaum einer kann sich vorstellen, was das bedeutet. Dann wird es unerträglich, hier zu wohnen“, sagt Lutz Ribbecke. Der 58-Jährige war vor der Eingemeindung Bürgermeister in Selchow und wurde erst kürzlich zum neuen Ortsvorsteher gewählt. Ribbecke hat sein ganzes Leben in Selchow verbracht. Trotzdem würde er seiner Heimat keine Träne hinterherweinen. Von seinen Kindheitserinnerungen ist im Dorf kaum etwas geblieben.

Lärmhölle Südbahn

Einst gab es dort, wo sich jetzt das Flughafengelände befindet, Wiesen und Felder, soweit das Auge reichte. Jetzt kann der Ortsvorsteher von seinem Vorgarten aus den Tower West und die riesigen Hangars der Lufthansa sehen. Vor ein paar Jahren bekamen Lutz Ribbecke und seine Frau Ilona einen Vorgeschmack auf das, was ihnen mit der Inbetriebnahme des BER droht. Um den Alt-Airport in Schönefeld zu entlasten, flogen die Maschinen übergangsweise von der Südbahn.

Für die Ribbeckes wurde der Testbetrieb zur Lärmhölle: „Es war so laut, ich bin bald verrückt geworden“, erinnert sich Ilona Ribbecke. Vor lauter Turbinengedröhn konnten sie nicht mehr draußen sitzen. Außerdem stank es nach Kerosin. „Das ist doch nicht mehr lebenswert“, findet sie.

Nur ein Teil des Dorfes wurde umgesiedelt

Die Ribbeckes haben versucht, sich gegen den BER zu wehren und geklagt. Sie haben gehofft, umgesiedelt und entschädigt zu werden. Doch das Geld, das ihnen der Flughafen noch für ihr Haus und Grundstück angeboten habe, hätte nicht einmal ausgereicht, um sich in der Region eine neue Existenz aufzubauen, sagt Lutz Ribbecke.

Als es im Zuge des Flughafenausbaus um die Zukunft Selchows ging, wurde auch die Umsiedlung des Dorfs in Erwägung gezogen. Aber der Ort war gespalten: Einige wollten weg, andere witterten das große Geschäft mit dem BER und pochten darauf, zu bleiben. Am Ende wurden gerade einmal 40 Personen aus 13 Haushalten, deren Grundstücke unmittelbar auf dem Flughafengelände lagen, umgesiedelt. Die meisten zogen damals nach Großziethen. Wer nicht aus Selchow weg wollte, das waren überwiegend Senioren, konnte in ein neu errichtetes Mehrfamilienhaus im Ort umziehen.

Ein alterndes Dorf

Inzwischen stehen viele Häuser und Wohnungen in Selchow leer. Im Frühjahr musste die Freiwillige Feuerwehr schließen, weil es schlichtweg an Nachwuchs fehlt. Neue Wohngebiete oder Eigenheime werden in Selchow nicht mehr genehmigt. Wer will schon direkt in der Einflugschneise wohnen?

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Der frisch gewählte Schönefelder Bürgermeister Christian Hentschel (BIS) sprach zuletzt offen aus, was viele angesichts der bevorstehenden Flughafen-Eröffnung schon lange befürchtet haben: „Selchow wird ausbluten.“ Das solle nicht heißen, dass der kleine Ort im Süden der Gemeinde künftig hinten runter falle, stellt Hentschel klar: „Die Leute, die dort leben und bleiben wollen, werden wir nicht vergessen.“

Hofladen Sauerwald: ein Magnet für Flugzeugfans

Eine rüstige Seniorin, die gerade auf dem Weg zum Seniorenklub neben der Kirche ist, sieht es gelassen: „Der Fluglärm stört mich nicht.“ Die Maschinen der Russen, die zu DDR-Zeiten in Schönefeld landeten, seien viel lauter gewesen, meint die Anfang 80-Jährige. An manchen Tagen verfolge sie die An- und Abflüge in Schönefeld sogar am Bildschirm: „Ich beobachte gern Flugzeuge.“ Was sie sich für die Zukunft für ihr Dorf wünscht? „Dass der Bus öfter fährt, damit man zum Arzt und zum Einkaufen kommt“, sagt die Seniorin.

Indes hat der Selchower Kai Sauerwald aus der Not eine Tugend gemacht: Er betreibt am Rande des BER gemeinsam mit Sven Böhme den Hofladen Sauerwald und die Bar „45 über Null“. Das Selchower Ausflugsrestaurant samt Garten ist für seine leckeren Kuchen und den Brunch bekannt. Vor allem aber hat man von dort einen perfekten Blick über die Start- und Landebahn des Flughafens und kann vom Liegestuhl aus die Maschinen über sich beobachten.

Von Josefine Sack

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