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Dahme-Spreewald Vergessene Orte werden zu Pilgerstätten
Lokales Dahme-Spreewald Vergessene Orte werden zu Pilgerstätten
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00:19 02.02.2018
Diesen Treppenaufgang hat Lost-Places-Fotograf Mario Wilpert im Barackenlager in Altes Lager mit seiner Kamera festgehalten.
Diesen Treppenaufgang hat Lost-Places-Fotograf Mario Wilpert im Barackenlager in Altes Lager mit seiner Kamera festgehalten. Quelle: Wilpert
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Dahmeland-Fläming

Wenn Mario Wilpert zu einer neuen Fotoexpedition aufbricht, packt er seine Siebensachen. In den Rucksack kommen die Vollformatkamera, zwei verschiedene Objektive, die große Taschenlampe, etwas zu trinken und ein paar Butterbrote. Eine kleine Leiter klemmt er sich unter den Arm. „Da draußen gibt es ja nichts“, sagt der 48-Jährige, „da muss ich an alles denken.“

„Lost Places“ fasziniert viele Menschen. Mittlerweile gibt es eine richtige Szene rund um den Tourismus zu den Ruinen. Viele der Orte sind Zeugnisse der bewegten Historie des Landes. Wir stellen die „Lost Places“ in Dahmeland-Fläming vor.

Da draußen – für Wilpert sind das alte Barackenlager und längst aufgegebene Heilanstalten. Industrieruinen, die weit ab von den Hauptstraßen Stück für Stück verfallen und langsam von der Natur zurückerobert werden. Von Fans wie Mario Wilpert werden sie „Lost Places“ – verlorene Orte – genannt. Sie pilgern aus Berlin und ganz Deutschland nach Brandenburg und in die Landkreise Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald. Dort gibt es einige der berühmtesten der verlassenen Orte: der alte Flugplatz Altes Lager bei Niedergörsdorf, die aufgegebene Infanterieschule Wünsdorf oder die ehemalige „Landesirrenanstalt“ in Teupitz.

Mit der Leiter auf der Suche nach dem besten Schnappschuss

Mario Wilpert schießt Fotos dieser verlassenen Orte, kraxelt dafür auf dem Gelände herum, hat immer seine Leiter zur Hand – um für seine Bilder eine bessere Perspektive einzunehmen. „Für mich sind diese Lost Places ein großer Abenteuerspielplatz“, sagt Wilpert, der eigentlich im Anzeigengeschäft arbeitet. „Hinter jeder Tür und in jedem Raum kann eine Überraschung stecken.“ Seine Fotos stellt er mittlerweile aus – und verkauft sie. Interessenten gibt es genug, Fans der verlassenen Orte gibt es viele.

„Lost Places sind nicht mehr nur ein Phänomen für Freaks“, sagt Lars Scharnholz vom Institut für Neue Industriekultur in Cottbus. Es gäbe mittlerweile eine richtige Szene rund um den Tourismus zu den Ruinen. Das sehe man auch daran, dass große Verlage Reiseführer zu diesen Orten herausgeben. „Es ist der Reiz des Geheimnisvollen, der die Menschen zu diesen Orten treibt“, sagt Scharnholz. Viele Berliner ziehe es raus aus der Stadt und hin zu den Ruinen im Umland. „Es gibt diese Sehnsucht nach Orten, die Ruhe geben, die Geschichten erzählen.“

Einiges steht unter Denkmalschutz

Denn viele der Orte sind Zeugnisse der bewegten Historie des Landes. In Teupitz haben die Nationalsozialisten während des zweiten Weltkrieges im Zuge ihrer Euthanasiemorde Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung untergebracht. Später wurde das Gelände von der Sowjetarmee als Militärkrankenhaus genutzt – heute steht es unter Denkmalschutz, verfällt aber mehr und mehr. Auch die „verbotene Stadt“ in Wünsdorf hat als geheimer Militärstützpunkt über viele Jahrzehnte eine bewegte Geschichte hinter sich.

Für Mario Wilpert ist das als Fotograf ein Traum: das Kino und das alte Schwimmbad in der verlassenen Stadt geben tolle Motive ab. Dazu: Bauschutt, alte Illustrierte und zurückgelassene russische Logbücher auf dem Boden, sowjetische Wandmalereien an den bröckelnden Betonwänden. „In Wünsdorf findet man wirklich alles“, sagt Wilpert, „das ist ein Paradies“. Verschiedene Agenturen bieten mittlerweile Führungen auf dem Gelände an, betreten darf es niemand alleine.

Doch der Ort hat den Charme des Ursprünglichen behalten. Mario Wilpert braucht das. „Ich war schon in Ruinen in Brandenburg, die durch die Touren richtig aufgeräumt wirkten. Da sah alles wie geleckt aus. Meine Fotos werden dann nicht so gut, als wenn noch Glasscherben auf dem Boden liegen.“

„Das Authentische erleben“

Laut Lars Scharnholz gäbe es eine Tendenz in Brandenburg, diese verfallenen Orte als Schandflecke der eigenen Region zu betrachten. „Wir neigen dann dazu, diese Orte aufhübschen zu wollen.“ Dabei verkenne man aber die Nachfrage der Leute, die deswegen dorthin kommen: „Viele Berliner fahren nach Brandenburg um dieses Schroffe, Wilde und Authentische zu erleben.“

Auch Kathrin Gottweiß reizt dieses Unbekannte. Die Elektronikerin im Orgelbau wohnt in Würzburg, besucht aber regelmäßig „Lost Places“ in Teltow-Fläming und veröffentlicht die Fotos auf ihrem Reiseblog „travlgedengl“. Sie legt wert darauf, dass sie nie über Zäune klettert, um zu ihren Orten zu kommen und ermahnt ihre Leser dazu, die fotografierten Orte respektvoll zu behandeln. Prominent auf ihrer Seite steht der Leitspruch der „Lost Places“-Fans: „Nimm nichts als Fotos mit und hinterlasse nichts als Fußabdrücke.“ Es soll die echten Fans abgrenzen von den Randalierern, Sprayern oder den Kupferdieben, die das Gelände in Teupitz geplündert haben.

Auch die Geschichte ist von belang

Auch Mario Wilpert kann mit diesen Randalieren nichts anfangen. Er besteht darauf, dass er stets seinen Müll wieder mitnimmt: „Wir machen nie etwas kaputt. Das ist ein absolutes Tabu unter den Lost-Places-Fotografen“, sagt Wilpert. „Die Orte sollen so verfallen wie sie es tun und wir wollen keine Graffitis fotografieren sondern die alten Bauruinen.“

Er berichtet davon, dass viele Fotografen der Szene sich vorher intensiv mit der Geschichte der Orte auseinandersetzen, sich Lagepläne besorgen um die spannendsten Räume zu entdecken. Wilpert selber reichen die Orte auch so: „Das ist Geschichte pur – und wahnsinnig spannend.“

Von Ansgar Nehls

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