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Dahme-Spreewald Erinnerungen an die Gefangenschaft
Lokales Dahme-Spreewald Erinnerungen an die Gefangenschaft
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21:00 20.01.2015
Nach drei Jahren in russischer Gefangenschaft ist Werner Jost nach Friedersdorf zurückgekehrt – und lebt dort bis heute in dem Haus seiner Mutter.
Nach drei Jahren in russischer Gefangenschaft ist Werner Jost nach Friedersdorf zurückgekehrt – und lebt dort bis heute in dem Haus seiner Mutter. Quelle: Franziska Mohr
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Friedersdorf

In diesem Jahr begehen die Menschen in aller Welt den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Für den Friedersdorfer Werner Jost allerdings begann das eigentliche Martyrium erst im August 1945. In den Wirren des Kriegsendes geriet der damalige Hitlerjunge unweit der Oder in russische Kriegsgefangenschaft. Dort aber wurde er von einem russischen Offizier schon nach einigen Wochen gefragt, ob er, der 16-Jährige, nicht heim zu seiner Mutter wolle. Jost nickte heftig und wurde daraufhin auch tatsächlich entlassen. Doch die Freude währte nicht lange.

Sowjetische Geheimdienst holte Hitlerjungen ab

Drei Tage später, am 13. August 1945, stand seine Mutter Martha in der Friedersdorfer Zimmerei von Willy Reiche, in der ihr Sohn das Handwerk des Zimmermanns erlernte. Mitten beim Frühstück. „Die Russen sind da, wenn du nicht bis Mittag daheim bist, nehmen sie mich mit“, stieß die Mutter unter Tränen hervor. An diesem Tag holte der sowjetische Geheimdienst NKWD zwölf ehemalige Hitlerjungen aus Friedersdorf und Umgebung ab. Neben Werner Jost und dem Bindower Fritz Törber waren das Helmut Zock, Horst Arendsdorf, Erich Heinze, Hans-Jürgen Oertner, Horst Noack, Erich Baschin, Harry Grasnick, Gerhard Förster, Egon Schmalz und Gerhard Rintsch. Jost und Törber sind die einzigen, die noch leben.

Ohne Urteil in Gefangenschaft

Der sowjetische Geheimdienst NKWD richtete das Lager Ketschendorf, heute Fürstenwalde/Spree, Ende April 1945 ein. Es bestand bis Februar 1947 und wurde als Speziallager Nummer 5 geführt. Es war eines von zehn derartigen Lagern der sowjetischen Besatzungsmacht auf dem späteren Territorium der DDR.

Bis zu 18.000 deutsche Zivilisten und Kriegsgefangene der Roten Armee wurden dort zeitweilig ohne jedes Urteil interniert. Darunter befanden sich auch etwa 1600 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren. Ihnen wurde unterstellt, als frühere Hitlerjungen als sogenannte „Werwölfe“ gegen die Besatzungsmacht zu kämpfen.

Nach der Auflösung Ketschendorfs wurden die Internierten in andere Speziallager wie Buchenwald, Jamlitz oder Fünfeichen gebracht.

Nach einigen Tagen kamen die Gefangenen ins Speziallager Ketschendorf

Der 16-jährige Jost schnappte an jenem August-Tag 1945 seinen alten Wehrmachtsmantel und wurde gemeinsam mit seinen Kameraden in den Keller einer alten Schlosserei in Storkow gebracht. Dort begannen nächtliche Verhöre, in denen den ehemaligen Hitlerjungen wieder und wieder unterstellt wurde, dass sie als Werwölfe gegen die sowjetische Besatzungsmacht arbeiten. Sie sollten gestehen, Russen getötet zu haben. Nach einigen Tagen ging es in das Speziallager Ketschendorf. In der ehemaligen Arbeitersiedlung der Deutschen Kabelwerke hausten zwölf bis 15 Internierte in jeweils einem kleinen Zimmer auf dem blanken Fußboden. „Vom SS-Mann bis zum Pfarrer, vom 13- bis zum 70-Jährigen war alles dabei“, erinnert sich Jost.

Kartenspiel aus Tapetenresten gebastelt

Die Küche befand sich mitten auf dem Platz. Als Verpflegung gab es meist Graupensuppe und ein Komissbrot, das sich vier Häftlinge teilen mussten. Durchfälle und Tuberkulose waren an der Tagesordnung, so dass Jost zufolge fast täglich zwischen 15 und 20 „Abgänge“ zu beklagen waren.

Beschäftigung gab es nicht, so dass die Männer die Tapete von den Wänden kratzten und sich daraus ein Kartenspiel bastelten. Als Jost dabei erwischt wurde und obendrein auf dem Gelände auch noch einen Nagel fand, den er breitklopfte, um ihn als kleines Messer nutzen zu können, brachte ihm das acht Tage Bunker ein. Dort wurden 15 Männer in einem Kellerraum eingesperrt, in dessen Mitte sie ihre Notdurft verrichten mussten.

Zum Alltag gehörten – umgeben von Wachtürmen – sogenannte Zählappelle, bei denen die Häftlinge selbst bei klirrender Kälte stundenlang ausharren mussten, bis auch der letzte Häftling aufgefunden wurde. Einmal in der Woche durften die Internierten in die Sauna, um die im Lager grassierenden Läuse und Wanzen wenigstens halbwegs in Grenzen zu halten. Der Toilettengang, vor allem am Morgen, geriet für Jost immer mehr zum Albtraum. Nicht wenige, vor allem ältere Männer, hatten sich dort erhängt, weil sie die Qualen nicht mehr aushielten.

Lebenszeichen an die Mutter gesendet

Im Februar 1947 wurde das Lager in Ketschendorf geschlossen, so dass Werner Jost in das Speziallager Fünfeichen bei Neubrandenburg gebracht wurde. „In den Güterzügen gab man uns Heringe zu essen – ohne einen Schluck Wasser“, erinnert sich der 86-Jährige noch wie heute. Damals gelang es ihm, einen Zettel mit der Aufschrift „Macht euch keine Sorgen, ich lebe!“ und seiner Adresse aus dem Güterzug zu werfen. Einige Tage später warf ein Mann diesen Zettel über den Zaun in Friedersdorf. Er hatte offenbar nicht gewagt, zu klingeln. Damit hielt Werner Josts Mutter nach mehr als anderthalb Jahren das erste Lebenszeichen von ihrem Sohn in den Händen.

In Fünfeichen durfte Werner Jost arbeiten. Er empfand es als einen unendlichen Segen, Mist auszufahren und Kartoffeln zu buddeln. Eines Morgens, am 31. Juli 1948, hieß es für Werner Jost unvermittelt: „Sie werden entlassen. Wenn Sie nicht wiederkommen wollen, halten Sie auf ewig die Schnauze über all das, was Sie hier erlebt haben. Gute Heimreise.“ Das war's!

Napfkuchen mit Kartoffeln

Wenige Stunden später stand der inzwischen 19-jährige Werner Jost in seinem alten Wehrmachtsmantel wieder in der Küche seiner Mutter in der Köpenicker Straße in Friedersdorf. Er stand in dem Haus, in dem er noch heute wohnt. Und wieder weinte die Mutter, aber diesmal vor Freude. „Sie hat mir gleich einen Napfkuchen gebacken, mit Kartoffeln, weil sie nicht so viel Mehl hatte. Es war der herrlichste Kuchen meines Lebens“, sagt der 86-Jährige. Am nächsten Tag ging er zu seinem alten Meister Willy Reiche, um seine Lehre fortzusetzen. „Er hat mich nie gefragt, wo ich die drei Jahre gewesen bin“, sagt Werner Jost. Er hat fast vier Jahrzehnte mit niemandem darüber gesprochen – mit Ausnahme seiner Frau Hildegard, die er 1949 kennenlernte. Lediglich den Eltern von Horst Noack, Erich Heinze und Horst Arendsdorf gegenüber brach er sein Schweigen. Ihnen sagte er sofort nach seiner Rückkehr, dass ihre Söhne in Ketschendorf gestorben sind. „Das war ich meinen Kameraden schuldig“, sagt er.

Von Franziska Mohr

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