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Dahme-Spreewald Wettbewerb um die besten Köpfe
Lokales Dahme-Spreewald Wettbewerb um die besten Köpfe
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14:10 15.12.2016
Der Königs Wusterhausener Bürgermeister Lutz Franzke (SPD).
Der Königs Wusterhausener Bürgermeister Lutz Franzke (SPD).
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Schönefeld

Seit wenigen Tagen liegt Kommunen, Ländern und Verbänden eine neue Studie der OECD zur Wirtschaftsentwicklung im Flughafenumfeld vor. Unter dem Namen „Boosting Job Creation – The Brandenburg Review“ („Arbeitsplatzschaffung verstärken – der Brandenburg-Bericht“) benennt diese Chancen und Defizite in der BER-Wachstumsregion. Über die Inhalte gibt Lutz Franzke (SPD), Bürgermeister der Stadt Königs Wusterhausen und Arbeitsgruppenleiter im Dialogforum Airport Berlin Brandenburg, Auskunft.

Herr Franzke, warum beschäftigt sich die OECD mit der Wirtschaftsentwicklung und der Fachkräftesituation im BER-Umfeld?

Das ist kein Zufall, im Jahre 2013 gab es bereits den OECD-Bericht „Grünes Wachstum in Brandenburg“, der vom Wachstumskern Schönefelder Kreuz initiiert wurde. Das Hauptergebnis lautete: Die Region um den BER ist die am dynamischten wachsende in Mitteleuropa, sie muss aber zulegen im Segment Qualität und Nachhaltigkeit. Seit dem vergangenen Jahr wurden nun als Fortsetzung die Auswirkungen für Politik und Wirtschaft hinsichtlich der Fachkräfteentwicklung in den Landkreisen Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming sowie den südlichen Berliner Bezirken untersucht. Wir sind damit die einzige Region in Deutschland, für die derartige Ergebnisse vorliegen. Diese lassen uns Akteure allerdings aufhorchen und stimmen nachdenklich. Ein Fazit lautet: Die Region wächst schneller als bisher angenommen. Wir müssen aber mehr tun, um dieser Entwicklung standzuhalten und mehr gestalten, zum Beispiel im Bereich Arbeits- und Lebensqualität.

Welche Fakten belegen das?

Die Datenlage, mit der unser Land Brandenburg arbeitet, hinkt der tatsächlichen Entwicklung in der Region immer mehr hinterher. Durchschnittszahlen für Brandenburg nützen uns nichts. Die Prognosedaten, auf die wir uns in unserem Handeln beziehen, müssen viel schärfer werden. So wurde für Königs Wusterhausen eine Einwohnerzahl für das Jahr 2020 von 34 257 errechnet. Wir haben aktuell aber schon 36 500 Bürger und werden bis 2020 auf fast 40 000 Einwohner wachsen. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Erfordernisse in der Stadt Königs Wusterhausen wie den Bau von Kitas, Schulen, Kultur- und Sporteinrichtungen oder den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Welche Auswirkungen hat das Fehlen solcher Angebote auf die Ansiedlung von Fachkräften im BER-Umfeld?

Ohne den Zuzug neuer Fachkräfte wird die dynamische Entwicklung im BER-Umfeld nicht erfolgreich sein. Die Region muss auch deutlich attraktiver im Wettbewerb um die besten Köpfe werden. Wir brauchen zum Beispiel internationale Bildungsangebote, englischsprachige Kitas und Schulen, ein breiteres Spektrum an Wohnungen für unterschiedliche Bedürfnisse, ein modernes Verkehrsnetz für kurze Arbeitswege und Leuchtturmprojekte für die Elektromobilität. Das alles können die Kommunen nicht allein stemmen. Dazu brauchen wir das Land, aber auch Investitionen und Ideen der angesiedelten Unternehmen wie Carsharing von den Bahnhöfen zu den Unternehmen.

Was läuft denn nach der Studie nicht rund?

Die Autoren der Studie haben etwa Defizite bei der Zusammenarbeit der Landesregierungen in Berlin und Brandenburg bei der Fachkräftesicherung ausgemacht. Das betrifft auch den Ausbau der Infrastruktur zur Anbindung der bereits wachsenden Wohn- und Gewerbegebiete, die Modernisierung der Bildungseinrichtungen, sowie die Etablierung eines dichteren und modernen öffentlichen Personennahverkehrs. Ein Super-Anker in der Bildungslandschaft ist zwar schon heute die Technische Hochschule in Wildau, aber auch hier müssen noch mehr Zukunftsthemen und neue Studiengänge etabliert werden, mit einer Flankierung sowohl durch Ankerunternehmen als auch durch das Land.

Welche Empfehlungen gibt es?

Die Entwicklungen im BER-Umfeld wurden mit denen in anderen Flughafenregionen wie Glasgow, Incheon (Südkorea) und Wien verglichen. Daraus lassen sich Handlungsempfehlungen ableiten. In Glasgow etwa hat sich die Einrichtung eines Wirtschaftskorridors bewährt, mit Sonderinvestitionen der öffentlichen Hand von 274 Millionen Pfund in Infrastruktur sowie Ansiedlungs- und Wohnungsbauzuschüssen, die dort kurzfristig zur Halbierung der Arbeitslosenzahlen, zur Verjüngung der Bevölkerung und zur Beruhigung der hohen Berufspendlerzahlen geführt haben. Dies wäre auch für uns eine Lösung, damit zum Beispiel Firmen neue Jobs nicht mehr nur mit Einpendlern aus Berlin besetzen und wir im Individualverkehr ersticken. Dringend nötig ist zudem, dass das Steueraufkommen aus der Region wieder für Infrastrukturprojekte in der BER-Region von den Kommunen ausgegeben werden kann.

Was sind die nächsten Aufgaben?

Wir werden den Bericht und die Handlungsempfehlungen mit den hiesigen Experten auswerten und dies im Dialogforum an die Landesebene weitergeben.


Von Uta Schmidt