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Dahme-Spreewald Wie die Nase lesen lernt
Lokales Dahme-Spreewald Wie die Nase lesen lernt
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09:44 06.06.2018
Wolfgang Georgsdorf hat den „Smeller 2.0“ entwickelt, der nun im Berliner Gropiusbau zu erleben sein wird. Quelle: Wolfgang Georgsdorf
Groß Köris

Wie roch wohl das Meer der Urzeit? Wie die Welt, als die Industrialisierung noch in ferner Zukunft lag? Der unter anderem in Groß Köris lebende Künstler Wolfgang Georgsdorf hat sich dazu eine Komposition überlegt. Sie besteht nicht aus Noten, sondern aus Gerüchen. „Quarter Autocomplete“ heißt sie, wird von einem speziellen Objekt aufgeführt und ist rund 14 Minuten lang. Ab Freitagabend wird sie im Berliner Gropiusbau zu erleben sein, denn Georgsdorf ist mit seiner Geruchsorgel „Smeller“ zur neuen Sonderausstellung „Welt ohne Außen“ eingeladen worden.

Wolfgang Georgsdorf realisierte sein Osmodrama erstmals 2016 in der St. Johannes-Evangelist-Kirche in Berlin-Mitte. Nun kommt es in neuer Form in den Gropiusbau. Quelle: Karen Grunow

„Osmodrama“ nennt er das, was er mit seinem „Smeller“ macht. 168 Duftwechsel wird es binnen der kurzen Zeit geben. „Bei jedem Atemzug ein neuer Geruch“, erklärt er das Konzept hinter „Quarter Autocomplete“. Ein gigantisches Röhrensystem verbirgt sich hinter einer halbtransparenten Wand, aus der das „Hauchmaul“ herausragt, das aus blitzenden Rohrmündungen besteht. Sekundengenau und ungeheuer präzis lässt sich durch das System ein Duft im Raum verbreiten, Smeller ist hochkomplex, entwickelt auch mit Experten aus Klimatechnik, Mechatronik und Informatik, und architektonisch immer wieder aufs Neue eine Herausforderung. Zuletzt konnte Georgsdorf, der für seine Ideen stets viele Helfer findet, die das Querdenken, Weiterspinnen, Entwickeln und Ausprobieren visionär anmutender Ideen mittragen und schätzen, vor zwei Jahren in einer Kirche in Berlin-Mitte seinen „Smeller“ installieren. Ein Ereignis war das. Und für jeden, der sich darauf einließ, war es eine komplett neue Erfahrung.

Besucher sind „Zuriecher“

Damals jedoch wurden die Duftnoten kombiniert mit Literatur, Film oder Musik. „Diesmal ist es eine radikale Reduktion auf die reine Geruchskomposition“, so Georgsdorf. „In wenigen Minuten durchlaufen wir einen Kosmos vom Ozean, über Sumpf, Erde zum Menschen“, erklärt er. Tierdüfte, das Harz der Bäume, Öl, Schmiere, Dampf, Metall – jeder der Gerüche ist für den „Zuriecher“ – so nennt Georgsdorf die Besucher – deutlich wahrnehmbar.

Es soll so werden, dass die Museumsbesucher nicht einfach nach Belieben raus- und reingehen können. Sie werden durch ein Raumsystem mit Luftschleuse ins „Osmodrom“ geführt, wo sie auf speziell designten Bänken Platz nehmen können, um „Quarter Autocomplete“ komplett zu erleben. Die Röhren vom „Smeller“ werden dann auch speziell beleuchtet sein.

Sein „Smeller“ wird nun auch wissenschaftlich erforscht

„Lesen lernen für die Nase“ nennt Georgsdorf seine Erfindung gern. Die hatte einen Vorläufer, den Georgsdorf schon Mitte der 1990er Jahre im österreichischen Linz vorstellte. Der heutige „Smeller 2.0“ wurde 2012 erstmals präsentiert, ebenfalls in Georgsdorfs Geburtsstadt Linz. Weitergetüftelt wurde daran permanent. Georgsdorf arbeitet eng mit dem Parfümeur Geza Schön zusammen. Einer der weltweit größten Hersteller für Aromen und Düfte, IFF in den USA, produziert die Gerüche für den „Smeller“. Mit dem Interdisziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken, das am Dresdner Uniklinikum angesiedelt ist, kooperiert Georgsdorf seit längerem. Gemeinsam mit der Charité wird nun eine Studie entstehen. Denn – das haben erste Untersuchungen schon gezeigt – die exakt agierende Geruchsorgel kann bei Depressionen helfen. „Da tun sich irrsinnige Welten auf“, sagt Georgsdorf ob all der Möglichkeiten, die sich über seine Vorstellung einer Geruchskunst hinaus noch aus „Smeller“ ergeben könnten.

Das ist das Hauchmaul“ des „Smeller“. Quelle: Wolfgang Georgsdorf

Die Ausstellung „Welt ohne Außen – Immersive Räume seit den 60er Jahren“ wird eher wie ein Festival funktionieren mit Workshops und mehrmals täglich Aufführungen. Besucher werden deshalb auch Dauerkarten für die Laufzeit der Schau vom 8. Juni bis zum 5. August erwerben können. Die Kuratoren Thomas Oberender und Tino Sehgal wählten außerdem frühe Werke von Larry Bell, Doug Wheeler oder Lucio Fontana aus.

Gezeigt wird Cyprien Gaillards 3D-Film „Nightlife“, über zwei Jahre ausschließlich nachts gedreht und bei völliger Abwesenheit des Menschen. Carsten Höller sorgt mit seiner „Light Wall“, bestehend aus 1920 LED-Lampen, für irritierende Sinneswahrnehmungen. Ganz im Sinne des Ausstellungsuntertitels, der ein Eintauchen, vielleicht auch Verschwimmen klarer Grenzen zwischen Innen und Außen, Realität und Fiktion suggeriert.

Georgsdorfs „Osmodrama“ schafft dazu mit dem rund 1,6 Tonnen schweren „Smeller“ ein neues Genre, das sich zwischen Wissenschaft und Kunst bewegt. Und den Menschen, den Zuriechern, ein außergewöhnliches Empfinden und Wahrnehmen beschert.

„Welt ohne Außen“, 8. Juni bis 5. August im Gropiusbau, geöffnet mittwochs bis montags von 10 bis 19 Uhr.

Von Karen Grunow

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