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Dahme-Spreewald „Wir müssen unsere Projekte abspecken“
Lokales Dahme-Spreewald „Wir müssen unsere Projekte abspecken“
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14:34 22.07.2013
Carola Ahlert und Ekkehard Schulz warnen vor Altersarmut. Beide lenken die Geschicke der Volkssolidarität-Bürgerhilfe. Quelle: Franziska Mohr
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Königs Wusterhausen

Der Vorstandsvorsitzende sowie die Geschäftsführerin der Volkssolidarität-Bürgerhilfe – Ekkehard Schulz und Carola Ahlert – stellen sich dazu den Fragen.
 
MAZ: Haben Sie die Ergebnisse dieser Studie überrascht, wonach sich die durchschnittliche Rente einer Frau in Brandenburg zwischen 500 und 800 Euro und die eines Mannes zwischen 1000 und 1100 Euro bewegt?
Carola Ahlert: Keineswegs. Wir sehen doch tagtäglich in unseren Ortsgruppen, welche „riesigen“ Altersbezüge gerade die Neu-Rentner erhalten. Als Wohlfahrtsverband fordern wir daher schon seit längerem, dass das Thema Altersarmut endlich angepackt wird. Der Worte sind diesbezüglich schon genug gewechselt.
 
Kann man von diesen Renten überhaupt noch leben?
Ahlert: Das machen uns zumindest tagtäglich tausende Senioren vor. Sie drehen jeden Cent um, planen jede Ausgabe bis ins Detail. Eine spontane Tagesreise ist bei vielen nicht mehr drin. Und geht die Waschmaschine kaputt, so reißt das ein großes Loch in das Haushaltsbudget.
 
Hat sich die Politik in Bund, Land und Kreis schon ausreichend darauf eingestellt, dass in Brandenburg gegenwärtig schon 28 Prozent Rentner leben?
Ekkehard Schulz: Der Kreis kann hier wenig ausrichten. Und der Bund befördert den Negativtrend doch nach Kräften. Das Rentenniveau soll bis auf 43 Prozent abgesenkt werden, jetzt liegt es bei 50 Prozent. Anfang der 90er Jahre gingen Senioren noch mit fast 70 Prozent ihrer Nettobezüge in Rente.
 
Kann die Volkssolidarität diesem Trend wirklich nur hilflos zusehen?
Ahlert: Wir sind nicht leise. Gemeinsam mit vielen anderen Wohlfahrtsverbänden machen wir uns als Interessenvertreter stark. Hier eine wirkliche Lobby in der Politik zu etablieren, ist nicht einfach. Auf kommunaler Ebene aber funktioniert das schon ganz gut. So könnten wir viele unserer Begegnungsstätten nicht mehr betreiben, wenn uns nicht die Städte und Gemeinden bei den Mietkosten entgegenkommen würden. Das betrifft beispielsweise die Begegnungsstätte in Neue Mühle. Auch viele unserer Mitglieder reden nicht nur über Solidarität, sondern leben sie auch. Da wird dann eben in den Ortsgruppen gesammelt, damit auch Senioren mit sehr niedrigen Renten an Veranstaltungen teilnehmen können.
 
Ordnen sich hier auch die von ihnen angebotenen, kostenlosen Beratungen ein?
Schulz: Selbstverständlich. Nicht wenige Senioren sind wie übrigens auch jüngere Menschen hoffnungslos überfordert, wenn sie seitenlange Anträge für Wohngeld, Sozialhilfe oder Grundsicherung ausfüllen sollen. Hier helfen wir mit unseren Sozialarbeitern.
 
Wirken sich die niedrigen Renten auch auf den Betrieb der Seniorenheime aus?
Ahlert: Schon jetzt sind 23 Prozent unserer Heimbewohner in Groß Köris auf Sozialhilfe angewiesen, weil die Leistungen der Pflegekasse und die Rente nicht ausreichen, um die Kosten zu decken. Wir schätzen, dass sich dieser Anteil in den nächsten zehn Jahren auf über 50 Prozent erhöht. Den Bewohnern bleibt dann ein Taschengeld von 137 Euro im Monat. Starker Raucher darf man im Alter also nicht sein.
 
Bedeutet das, dass die Volkssolidarität langfristig den Heimbau stoppt, weil er nicht mehr zu finanzieren ist?
Ahlert: Nein, ohne Heime geht es bei hochbetagten Menschen nicht. Hier müssen aber weitaus stärker als bisher Lösungen gemeinsam mit den Kommunen gesucht werden. Neben unseren bisherigen Heimen in Schulzendorf, Groß Köris und Wünsdorf prüfen wir gegenwärtig noch weitere mögliche Standorte. Auch das „Betreute Wohnen“ rückt immer stärker in das Blickfeld, weil hochbetagte Menschen gern in ihren eigenen vier Wänden, in ihrem vertrauten Umfeld verbleiben möchten.
 
Das „Betreute Wohnen“ ist aber keinesfalls zum Nulltarif erhältlich. Wie soll das von den künftigen knappen Renten finanziert werden?
Schulz: Wir müssen uns hier von früheren Standards verabschieden, die Projekte abspecken. So legen wir im Herbst in Bestensee hinter dem Rewe-Markt gegenüber dem Bahnhof den Grundstein für ein Haus, in dem Ein-Zimmer-Wohnungen mit Bad und kleiner Küchenzeile entstehen. Bauen mit 80 Quadratmetern wird es bei uns nicht mehr geben. Unsere Schmerzgrenze liegt jetzt bei zwei Zimmern mit 55 Quadratmetern. Dieser Vorgabe ist auch unser Projekt „Wohnen am See“ in Zernsdorf untergeordnet, bei dem 50 altersgerechte Wohnungen entstehen. Dafür haben wir die Baugenehmigung bereits eingereicht.
 
Ist die öffentliche Förderung für derartige Projekte ausreichend?

Ahlert: Nein, überhaupt nicht. Hier fehlen große Förderprogramme, die dieses zweifellos teure seniorenfreundliche Bauen mit abfedern. Ohne Fahrstuhl, ohne ebenerdige Duschen geht in diesem Bereich bekanntlich überhaupt nichts. Hier ist die Politik dringend gefordert, nachzubessern.
 
Der Rentenreport weist auch aus, dass beinahe 80 Prozent der Senioren in Single-Haushalten leben. Wie aber kann man der Vereinsamung entgegenwirken, wenn obendrein auch noch das Geld für Unternehmungen fehlt?
Ahlert: Hier könnte Spanien ein Beispiel sein, wo Senioren zu vielen öffentlichen Einrichtungen wie Museen, Galerien oder Parks ein kostenloser Eintritt gewährt wird. Auch Fahrgemeinschaften helfen weiter. Von unseren Begegnungsstätten, wo unzählige ehrenamtliche Stunden geleistet werden, ganz abgesehen. Hier ist jeder willkommen, kann plaudern oder an Spielenachmittagen teilnehmen. Die Volkssolidarität in der Region hat etwa 400 ehrenamtliche Mitarbeiter, die monatlich mindestens 2500 Stunden leisten. Ohne sie ginge oft gar nichts. Zumal auch die Nachbarschaftshilfe zwischen Alt und Jung längst nicht mehr so gut klappt wie noch vor Jahren.
 
Die unsichere, die Menschen psychisch stark belastende Arbeitswelt spiegelt sich in diesem Rentenreport direkt wider. Was ist für Sie daher die beste Vorsorge gegen Altersarmut?
Schulz: Das Beenden von prekären Arbeitsverhältnissen aller Art. Altersarmut beginnt lange vor der Rente.
 

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Interview: Franziska Mohr
 

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