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Zeuthen Unglaublich: Fontane als Scheusal!
Lokales Dahme-Spreewald Zeuthen Unglaublich: Fontane als Scheusal!
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00:26 26.06.2019
Um Fontane als Theaterkritiker vorzustellen, kamen Wissenschaftlerin Gabriele Radecke und Schauspieler Alexander Bandilla ins Desy-Institut nach Zeuthen. Quelle: Andrea Müller
Zeuthen

Unglaublich, aber Theodor Fontane soll auch ein Scheusal gewesen sein. Geliebt und gehasst: Wissenschaftlerin Gabriele Radecke und Schauspieler Alexander Bandilla stellten am Sonnabend im Desy-Institut Zeuthen einen gänzlich unbekannten Fontane vor – den Theaterkritiker. Vortrag und szenische Lesung fanden auf Einladung des Fontane-Kreises Zeuthen unter Vorsitz von Joachim Kleine innerhalb einer ganzen Veranstaltungsserie aus Anlass des 200. Geburtstages von Theodor Fontane in diesem Jahr statt.

Zu den Zuhörern des Fontane-Nachmittags gehörte auch Marga Morgenstern aus Lübben. Zu besonderen Anlässen – hier zu Ehren Fontanes – Quelle: Andrea Müller

Schrieb für die Vossische Zeitung

Theodor Fontane (1819-1898) ist vor allem bekannt für seine Romane, Novellen und Erzählungen. Zu den bekanntesten gehören „Irrungen, Wirrungen“, „Der Stechlin“, „Effi Briest“ und natürlich seine Aufzeichnungen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Viel weniger bekannt sind hingegen seine Theaterkritiken. 700 an der Zahl sind überliefert. Sie erschienen in den Jahren 1870 bis 1889 vor allem in der Vossischen Zeitung, der „Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“.

Gabriele Radecke von der Uni in Göttingen brachte auch dieses Beispiel der Handschrift Fontanes mit. Quelle: Andrea Müller

Causerien über Theater

Gabriele Radecke stellte Fontanes „Causerien über Theater“ in ihrem Vortrag ausführlich und unterhaltsam vor. Sie leitet seit 2010 die Theodor-Fontane-Arbeitsstelle an der Universität in Göttingen und ist die Herausgeberin der digitalen Edition der Notizbücher Fontanes. Als Einstieg verwendete sie ein Zitat von Tucholsky über den Kritiker Fontane, um zugleich ein Beispiel dessen bissigen Tons als Theaterkritiker zu liefern.

Stellt die Schwächen in ein besonders helles Licht

Es ging um die Aufführung von Schillers „Don Carlos“ am 27. April 1880 im Schauspielhaus in Berlin. In seiner Nachtkritik, die Fontane unmittelbar darauf schrieb, heißt es: „ Hrn. Müller’s Spiel war maßvoll, aber doch noch mehr mäßig. Und dem entsprach auch der Beifall. Fräulein Eppner’s Eboli gab sich erheblich besser als ihre Adelheid von Waldorf, ohne deshalb gut zu sein... Das Zusammenspiel beider Gäste stellte die Schwächen jedes Einzelnen in ein besonders helles Licht.“

Rund 30 Zuhörer waren am Sonnabend ins Desy-Institut nach Zeuthen gekommen, um sich mit dem Theaterkritiker Fontane auseinander zu setzen. Quelle: Andrea Müller

Viel Wert auf Unterhaltungsfaktor

Radecke betonte, dass Fontane sein Fach nie studiert habe, sich aber als Autodidakt bestens auf jedes Stück vorbereitet habe. „Viel Wert legt er auf den Unterhaltungsfaktor, sodass die Lektüre auch für Leser, die der Aufführung nicht beigewohnt haben, gewinnbringend ist. Stilsicher und originell, mit Wortspiel und Witz bewertet Fontane im für ihn charakteristischen Plauderton Stück, Sujet und Schauspieler“, so Radecke. Er soll keine Gesetze und Maßstäbe seiner Zeit anerkannt, sondern nur sein eigenes Empfinden als solchem getraut haben. „Je länger man das kritische Metier treibt, je mehr überzeugt man sich davon, daß es mit den Prinzipien und einem Paragraphenkodex nicht geht. Man muß sich auf seine unmittelbare Empfindung verlassen können“, schrieb Fontane im Jahr 1877.

In dem Vortrag von Gabriele Radecke ging es auch um Fontanes Notizbücher. 67 von ihnen sind überliefert. Nur das mit der Haarlocke seines Sohnes gilt als verschollen. Quelle: Andrea Müller

Zynischer Blick auf sich selbst

Dabei konnte er wirklich ein Scheusal sein. Unerbittlich, bissig, verletzend, wenig emphatisch für die Darsteller, dafür gerade heraus. Das machte ihn zu einem der Besten seiner Zeit. Er wusste durchaus darum und soll mit Blick auf sich selbst im Theaterraum auf seinem Stammplatz im Parkett Nummer 23 gesagt haben: „Da sitzt das Scheusal wieder!“

Bandilla gab Fontane seine Stimme

So gesehen war Fontane ein Rebell, dem der Schauspieler Alexander Bandilla nach dem Vortrag von Gabriele Radecke seine Stimme gab. Die szenische Lesung der Theaterkritiken Fontanes war in drei Abschnitte unterteilt: „Fontane, der Plauderer“, „Fontane und seine Schauspielerinnen und Schauspieler“ und schließlich „Fontane und das Drama des Naturalismus“.

Monumentalausgabe mit Theaterkritiken

Fontanes Theaterkritiken sind gerade in einer vierbändigen Monumentalausgabe im Aufbau Verlag erschienen. „Wir haben von 2010 bis 2018 an der Fontane-Arbeitsstelle daran gearbeitet; finanziert wurden die Bände durch die Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft“, so Gabriele Radecke.

Joachim Kleine schrieb während des Vortrags von Gabriele Radecke eifrig mit. Er begründete 1985 den Zeuthener Fontane-Kreis. Nach dem Vortrag ergänzte er viele Details und stellte Fragen. Quelle: Andrea Müller

„Best of“ zum Mitnehmen

Ein „Best of“ konnten die rund 30 Gäste des Nachmittags gleich vor Ort in dem Buch „Theodor Fontane, Da sitzt das Scheusal wieder, die besten Theaterkritiken“ erwerben. Die Sammlung mit den kurzweiligsten Theaterkritiken von Fontane ist ebenfalls im Aufbau Verlag erschienen.

Von Andrea Müller

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