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Havelland 396 potenzielle Lebensretter für Mert
Lokales Havelland 396 potenzielle Lebensretter für Mert
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14:42 08.12.2016
Charleen Fink (l.) und ihre Mutter Sabrina nutzten die Möglichkeit auch mit einem Wattestäbchen eine Gewebeprobe abgeben zu können. Quelle: Peter-Paul Weiler
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Falkensee

Die Nachricht an Mert war nicht lang, doch sie war voller Hoffnung. Drei Worte genügten: „Jede Menge Unterstützung“, schrieb  ihm sein Mitschüler Jack Allum über sein Smartphone, dazu schickte er ein Foto vom Andrang in der Kantschule. Dort hatten sich um kurz nach 9 Uhr bereits dutzende Menschen versammelt, um sich als potenzieller Stammzellenspender für Mert typisieren zu lassen – Schüler, Lehrer, aber auch viele von außerhalb, die extra vorbeigekommen waren. „Es ist ein schönes Gefühl, so viele Menschen zu sehen, die sich für das Leben eines anderen Menschen einsetzen, den sie vielleicht gar nicht kennen“, sagte Jack Allum. Der 19-Jährige hatte die Aktion zusammen mit seinen Mitschülern Felix Braun (19) und Constantin Meißner (18) sowie mit Schulleiterin Petra Müller organisiert.

In der Kantschule herrschte großer Andrang. Quelle: Peter-Paul Weiler

Jack Allum kennt Mert seit der ersten Klasse. Gemeinsam wollten sie in wenigen Monaten ihr Abitur feiern. Doch dann ging es Mert vor den Herbstferien plötzlich schlecht. Der junge Mann ging schließlich zum Arzt. Dann die schockierende Diagnose: aplastische Anämie – eine Knochenmarkserkrankung, die zu einer Blutarmut und zu einer Schwächung des Immunsystems führt. Mittlerweile liegt der 19-Jährige in der Berliner Charité auf einer Isolierstation.

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Zweieinhalb Stunden Wartezeit

Merts Schicksal berührt. Und es mobilisiert. 396 Menschen haben allein am Mittwoch die Gelegenheit zur Typisierung genutzt, viele spendeten bei der Gelegenheit auch gleich noch Blut. Manch einer wartete geduldig zweieinhalb Stunden, bis er an die Reihe kam. Bereits kurz vor 11 Uhr war die Schlange vor einem der Blutspende-Zimmer derart angewachsen, dass weiteren ankommenden Gästen empfohlen wurde, auf andere Termine auszuweichen. „Wir schicken natürlich niemanden weg, selbst wenn wir hier bis abends sitzen“, sagte Grit Schulz vom Deutschen Roten Kreuz (DRK), Koordinatorin für Berlin und Brandenburg für die Deutsche Stammzellspenderdatei. Doch wer spenden wollte, musste Zeit mitbringen. „Mit einem so großen Andrang haben wir nicht gerechnet“, zeigte sich Grit Schulz von so viel Anteilnahme sichtlich begeistert.

Am Ende kamen 396 Blutspenden und Typisierungen zusammen. Quelle: Peter-Paul Weiler

„Eigentlich hasse ich Blut abnehmen“, sagte Lisamarie Bagdadjan. „Aber für Mert mache ich eine Ausnahme.“ Alternativ bestand die Möglichkeit, mittels Stäbchen eine Speichelprobe abzugeben. „Sie können ruhig kräftig schaben“, erklärte Grit Schulz. „Aber bitte nicht herumsabbern. Das ist schließlich kein Lutscher.“

Eine Schule, eine Familie

Yasmin Hamann hatte am Morgen noch eine Englisch-Klausur geschrieben, doch ihre Gedanken kreisten schon während der Klassenarbeit nur um ihren Mitschüler Mert. „Englisch ist wichtig, aber ein Leben retten ist wichtiger“, sagte sie. Die Schulleitung hatte es allen Schülern freigestellt, sich auch während des Unterrichts typisieren zu lassen. Mareike Büttner vom Vicco-von-Bülow hätte eigentlich Erdkundeunterricht gehabt, doch sie schwänzte lieber. „Das war es mir wert. Ich kenne Mert nicht persönlich, aber wenn man helfen kann, dann muss man das tun.“

Der schwer erkrankte Mert liegt auf einer Isolierstation. Quelle: privat

Petra Müller, die Rektorin der Kantschule, sagte: „Für uns war es selbstverständlich, dass die Schüler während des Unterrichts die Möglichkeit hatten, sich typisieren zu lassen.“ Oft werde der Jugend heutzutage vorgeworfen, sich kaum noch zu engagieren, doch der Fall Mert zeige, „welche Kräfte sie mobilisieren kann, die uns stolz machen“, so Müller. Ihre Schule ist mit 1060 Schülern und 95 Lehrkräften die größte Gesamtschule im Land Brandenburg. „Doch in einer solchen Situation rücken wir alle zusammen wie eine Familie.“

Dank und Appell von Merts Mutter

Mittendrin saß Nurtem M., die Mutter von Mert. „Ich danke allen, die gekommen sind“, sagte sie, „und ich danke der Schule und den Mitschülern dafür, was sie getan haben.“ Zugleich appellierte sie: „Eigentlich müssten wir uns alle viel früher als Stammzellenspender registrieren lassen und nicht erst, wenn in unserem Umfeld etwas passiert.“

Die Mutter von Mert (r.) zeigte sich vor Ort überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Spender. Quelle: Peter-Paul Weiler

Die Daten der gestrigen Spender, die nicht nur aus Falkensee und den angrenzenden Gemeinden, sondern teilweise sogar aus dem Westhavelland, Brandenburg an der Havel und Oberhavel kamen, werden innerhalb der nächsten drei Wochen in das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) eingepflegt. Dann wird sich zeigen, ob ein Spender für Mert dabei war – oder für einen anderen todkranken Menschen. „Auf 1000 neue Einträge kommt ein Treffer“, dämpfte Grit Schulz die Erwartungen. „Wir wissen nicht, ob wir für Mert jemand passendes finden“, sagte Mitschüler Felix Braun. „Aber es ist besser aktiv zu werden, als sich diesem traurigen Gefühl hinzugeben. Es ist immer eine Mischung aus Bangen und Hoffen. Aber an diesem Tag überwiegt eindeutig die Hoffnung.“

Von Philip Häfner und Odin Tietsche

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