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Havelland Aufruf zur Gewaltlosigkeit – eine Stadt unter Anspannung
Lokales Havelland Aufruf zur Gewaltlosigkeit – eine Stadt unter Anspannung
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10:45 06.07.2019
Unter anderem gab es in den letzten Tag auf dem Märkischen Platz eine gewalttätige Auseinandersetzung. Quelle: Foto: Kay Harzmann
Rathenow

Die Stimmung ist angespannt in der havelländischen Kreisstadt. Grund dafür sind mehrere gewalttätige Auseinandersetzungen innerhalb weniger Tage. Zu vier von fünf Taten, konnte die Polizei Tatverdächtige ermitteln, darunter junge Männer aus Afghanistan und Syrien. Ein 21-jähriger Syrer, der in der Jahnstraße einen 22-Jährigen schwer verletzte, ist seit Freitag in einer Justizvollzugsanstalt.

Unmut im Netzwerk

Die einen fühlen sich angesichts solcher Meldungen bestätigt und bringen ihren Unmut teils mit menschenverachtenden Äußerungen in sozialen Netzwerken zum Ausdruck. Andere warnen vor Pauschalisierungen und appellieren an den Rechtsstaat.

Für die Sozialarbeiter der Stadt sind es anstrengende Tage. Sie nehmen die Situation ernst, betreiben Ursachenforschung und suchen gemeinsam nach Lösungen. Ganz überraschend kommen die Ereignisse für sie nicht.

„Es sind einige wenige, die Probleme bereiten. Oft sind sie als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen, nun volljährig und nicht mehr in der Obhut der Jugendhilfe. Wir Sozialarbeiter haben davor gewarnt, dass solche Situationen entstehen, denn viele dieser jungen Menschen haben nicht die psychologische Betreuung bekommen, die sie brauchen“, erklärt Streetworkerin Kathrin Wittek.

Streetworkerin Kathrin Wittek ist auf Rathenows Straßen unterwegs. Quelle: Christin Schmidt

Zur Eskalation trage aber auch die allgemeine Stimmung bei, die vielen Migranten Sorge bereite und Druck aufbaue. „Ich höre immer wieder abfällige Bemerkungen über ausländische Bürger. Zum Teil werden sie sogar offen beschimpft. Dass das zu Gegenreaktionen führt, überrascht nicht“, so Wittek. Sie hält es nicht für ausgeschlossen, dass im Vorfeld der Wahl sogar bewusst provoziert wird.

Gewalt ist keine Lösung

Ähnlich sieht das Carsten Schulz, Leiter des evangelischen Jugendhauses „Oase“: „Gewalt ist keine Lösung. Deshalb müssen wir Menschen helfen, die unter Perspektivlosigkeit leiden, die durch Kriegserlebnisse Traumata erlitten haben, mit Drogen und Alkohol in sich gehen, um diese zu vergessen. Wenn wir nicht wollen, dass uns junge Menschen um die Ohren fliegen wie tickende Zeitbomben, sollten wir alle ,ja’ sagen zu unserer Verantwortung.“

Hilfe und Unterstützung

Die Vorfälle beschäftigen auch Björn Steinberg von der Migrationsberatung der Arbeiterwohlfahrt. Einige Migranten, die in die Vorfälle involviert waren, haben beim ihm Rat gesucht. „Wir kümmern uns um diese Menschen, bieten ihnen Hilfe und Unterstützung an“, so Steinberg.

Weitläufigere Betrachtung

Die Awo ist seit Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig, sieht Bedarfe und teilt diese auch stets dem Landkreis mit. „Wir haben in der Vergangenheit verschiedene Angebote gemacht. Insgesamt muss man das Ganze viel weitläufiger betrachten und präventiv handeln. Solche akute Ereignisse sind dagegen ein ordnungsrechtliches Problem. Fakt ist, diese Ereignisse sind unabhängig voneinander passiert und sind alle extra zu behandeln“, betont Steinberg.

Die Integrationsbeauftragte des Landkreises Havelland, Anne-Christin Kubb, sieht den Kreis nicht in der Verantwortung: „Hier ist nicht die Zuständigkeit beim Landkreis. In erster Linie sind die Beteiligten für sich selbst verantwortlich.“

Anne-Christin Kubb ist Integrations- und Migrationsbeauftragten des Landkreises Havelland. Quelle: privat

Zudem verweist sie an Schulen, Arbeitgeber und Kommunen, um solche Auseinandersetzungen zu vermeiden. „In Kooperation mit der Polizei trägt die Stadt Rathenow die Verantwortung dafür, dass an öffentlichen Plätzen das Wohl aller gewahrt wird“, so Kupp weiter.

Sie warnt davor die Taten auf Nationalitäten zu reduzieren. „Täglich passieren zwischen Einheimischen ähnliche Vorfälle – darüber wird aber nicht berichtet“, meint die Integrationsbeauftragte.

Nachdenkliche Momente

Die Geschehnissen beschäftigen auch den 23-jährigen Zargham Ashraf, der aus Pakistan flüchtete und inzwischen eine feste Arbeit in Rathenow hat: „Wir sollten dankbar sein, dass wir hier aufgenommen wurden. Wer stattdessen Gewalt gegen andere ausübt, muss verurteilt und abgeschoben werden“, so Ashraf. Er findet es furchtbar, dass immer mehr Deutsche und Flüchtlinge Angst haben, durch die Stadt zu gehen.

Ein Familienvater aus Syrien, der seinen Namen nicht nennen möchte, kennt die Täter. „Ich und auch andere Syrer haben versucht mit ihnen zu sprechen. Diese jungen Leute haben nichts zu tun. Ihnen fehlt eine Aufgabe. Die meisten von uns gehen arbeiten, haben Familie und sind über solche Vorfälle ebenso bestürzt wie die Deutschen auch.“

Verstärkt auf Streife

Nach ähnlichen Zwischenfällen vor einem Jahr sind nun Mitarbeiter des Ordnungsamtes gemeinsam mit Polizeibeamten auf Streife. Zudem hat die Polizei ihre Präsenz verstärkt.

Ruf nach mehr Polizei

„Straftaten müssen konsequent zur Anzeige gebracht werden. Außerdem brauchen Polizei und Justiz ausreichend Personal und Mittel um geltendes Recht durchzusetzen. Ich sehe, egal ob Bund oder Land, alle in der Pflicht, um das Vertrauen in den Rechtsstaat zu behalten“, erklärt der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Corrado Gursch (CDU).

Bürgermeister Ronald Seeger appelliert an die Vernunft. Quelle: Uwe Hoffmann

Bürgermeister Ronald Seeger (CDU) verspricht derweil alles zu tun, dass die Stadt wieder zur Ruhe kommt. Gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendparlament, dem Seniorenbeirat, der Islamische Gemeinde und anderen Akteuren veröffentlichte er am Freitag einen „Aufruf zur Gewaltlosigkeit“.

Die Initiatoren rufen darin zum friedvollen Zusammenleben auf und fordern „eine verlässliche Verfolgung von Straftaten“. Ab Montag kann jeder den Aufruf im Bürgerservicebüro unterzeichnen.

Von Christin Schmidt

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