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Havelland Das kurioseste Haus im Havelland
Lokales Havelland Das kurioseste Haus im Havelland
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00:17 05.09.2017
Der Gastwirt Edmund Becker vor dem Finkenkruger Hexenhaus, in dem er Kulinarisches zaubert. Quelle: Judith Meisner
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Falkensee

Hexenhaus“ nannten die Falkenseer das Landhaus Waltraut schon lange, bevor es ein Restaurant wurde. Erbaut 1904 aus halben Baumstämmen und Eichenrinde, sieht es tatsächlich aus wie ein uriges Knusperhäuschen. Und man könnte meinen, dunkles Gelichter treibe in den Türmchen und Erkern sein Wesen.

„Erstaunlicherweise spukt es hier aber nicht“, sagt Edmund Becker, Koch und Betreiber des gepflegten Restaurants. Nur an Halloween im Oktober geht die Post ab in dem alten Gemäuer, das unter Denkmalschutz steht.

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Verwunschenes Haus im Poetenweg. Quelle: Judith Meisner

Ein Berliner Textilkaufmann namens Steinmetz ließ einst für seine drei Töchter Sommerhäuser in Finkenkrug errichten. So wie es in der Belle Epoque vor dem Ersten Weltkrieg Brauch war bei den wohlhabenden Reichshauptstädtern. Das Hexenhaus am Poetenweg ist noch original erhalten.

Als der Koch Edmund Becker das Lokal 2007 eröffnete, hatte das Hexenhaus mehrere Jahre leer gestanden. Offenbar konnte sich in einer Zeit der Aufzüge und Fußbodenheizung niemand mehr für die romantische, aber altertümliche Villa als Wohnort erwärmen.

Ausblick ins Grüne durch grün verglaste Fenster Quelle: Judith Meisner

Der beauftragte Architekt Werner Jockeit engagierte polnische Restauratoren. Für Edmund Becker ein wahrer Glücksgriff: „Ich hatte ja ganz andere Vorstellungen davon, wie ein Restaurant auszusehen hätte. Und der Architekt wollte ein Art Museum daraus machen. Heute bin ich froh, dass ich auf ihn gehört habe.“ Spektakulär war die Aktion, als 40 Wagenheber das ganze Haus mit einem Gewicht von 80 Tonnen anhoben. Zur Isolation gegen das Grundwasser musste Bleifolie eingezogen werden.

Jeder Gast betritt das Haus ungewöhnlicher Weise durch die weinumrankte Kellertür und steht vor einer modernen, chromglänzenden Küche im Sockelgeschoss, das mit Feldsteinen verkleidet ist. Geht man eine verwinkelte Treppe hinauf, befindet man sich in einem Jagdhaus wie vor hundert Jahren.

Abgeschliffene, ungeschminkte Holzwände und ein abgetretener Fußboden aus Bohlen atmen Geschichte. Das Sonnenlicht fällt durch grüne Butzenscheiben. Edle Gläser und feine Stoffservietten liegen auf den Tischen. Das ist für Edmund Becker Ehrensache. Sein früheres Gasthaus in Südfrankreich zählte zu den Spitzenrestaurants für Feinschmecker. Der deutsche Gourmet-Papst Wolfram Siebeck war hellauf begeistert von Edmund Beckers Kochkunst.

Die Bibliothek im Hexenhaus eignet sich perfekt für Familienfeiern. Die Türklinken mit verschlungenen Ornamenten stammen aus der Zeit des Jugendstils um 1900. Die eleganten Seidentapeten wurden nach alten Mustern in Brandenburg gewebt. Die Pfannen und Schindeln der vielen Dächer, Giebel und Türmchen wurden speziell für das Hexenhaus per Hand angefertigt. Einige Originale hatte man auf dem Grundstück im Wald gefunden. Sie dienten als Modelle.

Treppchen und Stiegen führen über zwei Stockwerke ins Turmzimmer – kein leichter Job für die Servicekräfte. Wie arbeitet es sich in einem Denkmal? Der Koch Kevin Miszewski findet es mittlerweile angenehm. „Natürlich habe ich mich erst daran gewöhnen müssen, dass wir wenig Platz haben, um unsere Menüs zu zaubern.“ Die Gerichte sind elegant, südfranzösisch und fusionieren mit asiatischen Einflüssen. Es gibt auch Bodenständiges. Im Herbst spielt Wild eine große Rolle. „Unsere Gäste kommen wegen der ausgesuchten Speisen und genießen die besondere Atmosphäre im Haus“, sagt Edmund Becker.

So eine ungewöhnliche Villa braucht viel Pflege. Aber der Aufwand lohnt sich. „Weihnachten müssen wir nicht extra draußen dekorieren, denn das Gebäude wirkt sowieso wie ein Knusperhäuschen“, erzählt Edmund Becker.

Er war nicht der einzige, der den besonderen Charme des Hexenhauses entdeckte. Der Film „Männerpension“ mit Til Schweiger und Heike Makatsch wurde hier gedreht.

Von Judith Meisner

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