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Havelland Historikerglück in Falkensee
Lokales Havelland Historikerglück in Falkensee
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17:32 02.03.2015
1928 wurde der Bau in der Slabystraße bezogen.
1928 wurde der Bau in der Slabystraße bezogen. Quelle: Archiv
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Falkensee

Die Kronprinzessin hat wohlwollend sechs feine Stücke aus KPM-Porzellan für einen Basar gestiftet. Die brachten 1913 mehr als 500 Goldmark ein. Das Osthavelländische Kreisblatt berichtete darüber. Den Basar hatte die evangelische Frauenhilfe von Seegefeld und Falkenhagen abgehalten, sie sammelte das Geld für einen Kindergarten. 1914 wurden in einer Wohnung erste Kinder betreut. Wann es genau mit dem Kindergarten losging, war lange nicht eindeutig. Seit Kurzem jedoch ist klar: Der 1.März 1915 war der erste Arbeitstag der Leiterin, einem Fräulein Schulze.

Möglich wurde diese Datierung durch ein Buch, das in einem Falkenseer Nachlass aufgetaucht war. Es ist das Protokollbuch besagter Frauenhilfe aus den Jahren 1913 bis 1932. Akribisch wurde hier Buch geführt über Beratungen, Teilnehmer und Themen.

Frank Dittmer hat sich durch das Buch gekämpft und ist dabei auf den 1.März 1915 gestoßen. Historikerglück nennt der Falkenseer das, der für das Festbuch zum 750-jährigen Bestehen von Seegefeld in diesem Jahr einige Kapitel beisteuert.

Für ihn besonders überraschend, wie aktiv die evangelische Frauenhilfe hier in Seegefeld und Falkenhagen war, wie die Frauen – meist Gattinnen von lokalen Honoratioren – für Arme und sozial Bedürftige wirkten. Lange Jahre prägte Mally Heering die hiesige Frauenhilfe, ihrem Mann gehörte die Löwen-Apotheke.

Die Kinderbetreuung wurde mit dem Ausbruch des Krieges 1914 immer mehr zum Thema, Frauen mussten arbeiten gehen, weil die Männer an der Front waren. In einem Wohnhaus begann die Betreuung. Damals nannte sich das „Kinderkriegshort“.

„Fast alles drehte sich um die Beschaffung von Essen“, sagt Frank Dittmer. Aber auch Socken stricken und Säcke nähen für die Front standen auf der Tagesordnung der Frauen.

Der Kindergarten „Arche“ von Falkensee-Seegefeld bietet Platz für 70 Kinder. Quelle: Tanja M. Marotzke

Anfang der Zwanzigerjahre ging den Frauen etwas die Luft aus. 1921 schlossen sie den Kindergarten. Offensichtlich schweren Herzens, denn das Thema ließ sie nicht los. 1928 wagten sie einen Neustart. Nun in der Slabystraße mit einem eigenen Gebäude, das war eine Art zerlegbare Betonbaracke für 8000 Mark. Dieses Datum hatte dazu geführt, dass in Falkensee im Jahr 2008 schon mal „80Jahre Kindergarten Seegefeld“ gefeiert wurde. „Während der 100 Jahre seines Bestehens hat der Kindergarten in 83Jahren Mädchen und Jungen betreut“, rechnet Frank Dittmer vor.

Denn in dem 1928 errichteten Haus waren die Frauenhilfe und die Kirche nicht lange Hausherren. Sie gerieten in das Visier der neuen, braunen Machthaber, die das Haus für ihre Zwecke nutzen wollten und die Kinder gern in einem Kindergarten der NS-Volkswohlfahrt gesehen hätten. Unter einem Vorwand wurde eingegriffen. „Der Frauenhilfe war jede weltliche Aktion verboten; als sie in ihren Räumen das Märchen ,Liesel und der Wind’ aufführten, wurde ihnen das als weltlich ausgelegt“, erzählt Frank Dittmer. Die Leiterin der Frauenhilfe wurde zur Gestapo einbestellt, die Frauenhilfe verboten. In einer dramatischen Aktion wurde am 9.September 1939 der Kindergarten gestürmt, wurden den Kindern die Spielzeuge entrissen, wurde Mobilar und Ausstattung weggeschleppt, auch die Schwesternstation wurde geplündert. Vieles ging der Kirche verloren. Da halfen auch alle Proteste von Pfarrer Neese nicht, der bis ganz nach oben schrieb, selbst an die Privatkanzlei von Adolf Hitler. Aber der Kindergarten ging verloren, das Arbeitsamt zog ein.

Nach Kriegsende 1945 wurden Flüchtlinge untergebracht. Immerhin versprach der erste Nachkriegsbürgermeister, der Kommunist Heinrich Haserich, dem Pfarrer, die Räume später renoviert an die Kirche zurückzugeben. „Die Bürgermeister wechselten häufig, aber 1949 sind die Räume wirklich zurückgegeben worden. Wirklich renoviert“, erzählt Frank Dittmer. Seitdem musste der evangelische Kindergarten keine Zwangspause mehr einlegen. Heute werden in der Kita „Arche“ 70Kinder betreut, hinzu kommen Krippe und Hort.

Von Marlies Schnaibel

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