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Falkensee Wendegeschichten: Parteigründung und Aufbruch auf dem Dachboden
Lokales Havelland Falkensee Wendegeschichten: Parteigründung und Aufbruch auf dem Dachboden
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11:09 06.11.2019
Christoph Janssen setzte sich für eine schnelle Wiedervereinigung ein. Quelle: Danilo Hafer
Dallgow-Döberitz/Falkensee

Nur wenige Tage nach dem Fall der Mauer trafen sich am 14. November 1989 auf dem Dachboden eines Rohbaus in Falkensee oppositionelle Bürger, um den Ortsverein der damals noch illegalen Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP) zu gründen.

Sie hatten sich bewusst für diesen Ort entschieden, um das Risiko, abgehört zu werden, möglichst gering zu halten. Unter ihnen war auch der Dallgower Christoph Janssen. „Rückblickend war dies eine der aufregendsten Zeiten meines Lebens“, sagt Janssen.

Gründung auf dem Dachboden

In den folgenden Wochen und Monaten war Janssen mit seinen Mitstreitern fast jeden Abend unterwegs, um immer neue Ortsvereine der SDP zu gründen. Janssen glaubte fest an einen Neuanfang, auch wenn er mit seinem Wunsch nach einer möglichst schnellen Wiedereinigung im Kreis der SDP anfangs eher zur Minderheit gehört habe.

„Noch am Gründungsabend des Falkenseer Ortsvereins ging es vor allem darum, eine wahrhaft deutsche demokratische Republik aufzubauen, von Wiedervereinigung war keine Rede“, erinnert sich Janssen.

Dass sich etwas verändern wird, sei schon zur Kommunalwahl am 7. Mai zu spüren gewesen. „In vielen Wahllokalen haben Bürger die Auszählung der Wahlzettel beobachtet und schnell wurde klar, dass beim Ergebnis betrogen wurde. Am nächsten Tag sprach man über nichts anderes“, so Janssen.

Es folgten Proteste und Forderungen, die Schuldigen des Wahlbetrugs zu bestrafen. Für den Dallgower sei damit das Ende der DDR eingeleitet worden.

In der Staakener Kirche trafen sich Oppositionelle

„Im Osthavelland war in dieser Zeit die Staakener Kirche mit Pfarrer Radziwill ein wichtiger Anlaufpunkt“, sagt Janssen. Hier trafen sich regelmäßig Menschen, die beschlossen hatten die DDR zu verlassen und auf einen Ausreiseantrag warteten.

„Als meine Frau und ich am 25. Juni 1989 den Gottesdienst besuchten, blieben wir anschließend in der Kirche, um mit anderen öffentlich darüber zu reden, was in dieser Gesellschaft nach Veränderung schrie“, so Janssen.

Fortan kamen sie regelmäßig, gründeten gemeinsam den Staakener Kreis und traten so mit ihren Forderungen auch in die Öffentlichkeit. „Wir hatten auch Vertreter des Neuen Forums eingeladen und beschlossen für sie Unterschriften zu sammeln“, erinnert sich Christoph Janssen.

Der Dallgower arbeitete damals als Geologe im Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam. Als er auch auf der Arbeit Unterschriften sammeln wollte, nahmen ihn Mitarbeiter der Staatssicherheit zur Seite.

Stasi setzte Janssen unter Druck

„Es gab eine Betriebsversammlung. In der Zeit wurde ich zwei Stunden verhört und massiv bedroht.“ Die Unterschriftenliste hatte er einem Bekannten gegeben. „Wir wollten dann erstmal abwarten, ob bei den Demonstrationen am 9. Oktober alles friedlich abläuft. Wir hatten schon Angst.“ Als alles gut ging, sei ihm klar gewesen, dass die Wende nun nicht mehr aufzuhalten war.

30 Jahre später blickt Christoph Janssen vor allem kritisch auf die DDR. „Natürlich hatten wir Arbeit, aber im Grunde haben wir wie in einem Gefängnis gelebt“, sagt er.

Als Geologe wollte er etwas von der Welt sehen. Im Zentralinstitut durften aber nur zehn Prozent der Mitarbeiter reisen. „Wer das System ablehnte, so wie ich, war natürlich raus.“

Alles wurde beobachtet und notiert

In den 90er Jahren beantragte Janssen Einsicht in seine Stasiakte. „Uns war damals schon klar, dass wir irgendwie unter Beobachtung stehen. Aber die haben wirklich jeden Besuch genau notiert, auch ganz belanglose Dinge. Glücklicherweise gehörten aber wohl keine Freunde oder guten Arbeitskollegen zu denen, die uns beobachtet haben“, sagt er.

Nach der Wiedervereinigung fand der Dallgower eine Anstellung im Geoforschungszentrum und arbeitete 1991 für mehrere Monate in Australien. Später lebte er mit seiner Familie ein ganzes Jahr dort. In Dallgow engagierte sich Christoph Janssen schließlich 29 Jahre lang in der Kommunalpolitik.

Von Danilo Hafer

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