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Falkensee Hertha-Fans überziehen Falkensee mit blau-weißen Aufklebern
Lokales Havelland Falkensee Hertha-Fans überziehen Falkensee mit blau-weißen Aufklebern
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16:08 21.03.2019
Am Bahnhof Falkensee gibt es keinen Pfahl, der nicht irgendwie beklebt ist. Blau-Weiß gibt dabei den Ton bei der unerlaubten Werbung an.
Am Bahnhof Falkensee gibt es keinen Pfahl, der nicht irgendwie beklebt ist. Blau-Weiß gibt dabei den Ton bei der unerlaubten Werbung an. Quelle: Marlies Schnaibel
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Falkensee

Für die einen ist es ein Spaß, für die anderen eine Ordnungswidrigkeit: Aufkleber. Falkensee ist in den letzten Monaten in einen blau-weißen Rausch gefallen. Fußballfans haben Hunderte Laternenmasten und Verkehrsschilder mit Aufklebern des Berliner Fußballvereins Hertha BSC überzogen.

Geklebte Botschaften am Wegesrand – Eindrücke aus Falkensee

Laternenmasten an viel besuchen Punkten der Stadt sind seit jeher ein beliebter Ort, um Botschaften zu hinterlassen. Oder Anfragen. Hier werden oft entlaufene oder entflogene Haustiere gesucht.

Papagei entflogen

„Vermisst“ steht groß auf einem verwaschenen Zettel: In der Elsterstraße war am 3. März ein Graupapagei entflogen. Gleich vier Telefonnummern sind angegeben, in der Hoffnung auf einen Anruf von Leuten, die den gefiederten Freund Paco gesehen haben.

Dann die traurige Nachricht: „Er wurde tot aufgefunden“, erzählt Nur Akpan. „Der Vogel war so gelehrig, konnte sehr gut sprechen.“ Deshalb will ihre Familie sich wieder einen Papagei zulegen.

Lisa vermisst

Auch an anderen Stellen wird nach Tiere gesucht. Oft sind Katzen verschwunden. Wie „Katze Lisa“. Nach ihr wird in Falkenhöh gefahndet. „Sie wird seit dem 31. Dezember vermisst“, sagt ihr Besitzer aus dem Seegefelder Weg in Staaken. „Es haben Leute angerufen, aber das war dann doch nicht unsere Katze.“ Nun hofft die Familie weiter.

Plakatierung an Bahnhöfen

Solche und ähnliche Suchangebote sind jedoch in der Minderzahl, wenn man sich die Straßenlaternen und Verkehrszeichen in Falkensee anschaut. Vor allem in der Nähe von Bahnhöfen und Einkaufszentren wird geklebt, was das Zeug hält.

Blaue Banderolen

Allen voran sind hier Fans der Berliner Hertha, die den klassischen Aufkleber längst durch ganze Banderolen ergänzt haben. Und mit dem Arsenal Klotüren, Bushaltestellenschilder und Verkehrsspiegel bedecken – was sich vor allem mit der räumlichen Nähe zum Olympiastadion und den zwei Hertha-Fanklubs in Falkensee erklären lässt.

Umwickelter Laternenmast in Finkenkrug. Quelle: Marlies Schnaibel

Hin und wieder schieben sich rote Aufkleber von Union Berlin ins Bild. Im Umfeld der Sportlerklause gewinnen sie zahlenmäßig gar die Überhand über die Herthaner. Auch die Fans von den Eisbären Berlin, Hansa Rostock, dem Karlsruher SC oder der SV FF betreiben klebetechnische Öffentlichkeitsarbeit.

Bunte Botschaften

Doch nicht nur Anhänger von Vereinen hinterlassen optische Duftmarken. Das wilde Bekleben wird von manchem als Guerilla-Promotion betrachtet, in Falkensee findet sich manch eher links verortetes Statement. Andere fordern per Kleber den Stopp weiterer Tagebaue, die Freigabe von Drogen oder sie rufen zum Protest gegen Straßenausbaubeiträge oder für mehr Radwege auf. Oder sie versichern ihren Anhängern: „Wir sind viele für Demokratie. Aktion Sühnezeichen.“ Auch Erinnerungen an das MCG-Abi 2017 werden wachgehalten.

Satzung missachtet

Im Rathaus ist man über diese Art der Kommunikationskultur nicht glücklich. Versuche, dagegen juristisch vorzugehen, sind bisher gescheitert, erklärt Bürgermeister Heiko Müller. Er ärgert sich vor allem über die Hertha-Aufkleber. Belangen kann man niemanden dafür, es sei denn, die Klebenden werden auf frischer Tat ertappt.

„Das Benutzen von Straßenschildern und Laternenmasten für Werbezwecke ist ohne die dazu erforderliche Erlaubnis verboten“, erklärt der Bürgermeister.

Die Sache ist in der „Satzung über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung an, auf und über den Straßen und Anlagen“ geregelt, die gilt in Falkensee seit 1996.

Anti-Aufkleber-Bemühungen

Aber mit dem juristischen Verfolgen haben auch andere Kommunen in Deutschland Probleme. Wer erwischt wird, kann wegen dieser Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeldbescheid rechnen. Das passiert aber doch sehr selten. In einigen Gemeinden versucht man es mit einem Anti-Aufkleber-Lack. Aber ein entsprechendes Pilotprojekt in Dorstfeld brachte auch nicht den durchschlagenden Erfolg.

Derweil etabliert sich in Falkensee eine neue Klebegemeinschaft: Die Schüler, die am vergangenen Freitag für die Rettung des Klimas demonstriert hatten, haben auch gleich ihre Botschaft auf professionellen Aufklebern hinterlassen.

Von Marlies Schnaibel