Falkensee: Eiserne Hochzeit auf stille Art
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Falkensee Eiserne Hochzeit auf stille Art
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06:12 28.05.2020
Geglückte Heimkehr nach Finkenkrug: Elisabeth und Hans-Ulrich Rhinow vor ihrem Haus. Quelle: Marlies Schnaibel
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Falkensee

„Diese oder keine“, hatte Hans-Ulrich Rhinow in sein Tagebuch geschrieben. Da war der heute 88-Jährige noch Schüler an der Falkenseer Oberschule und hatte sich in die hübsche Mitschülerin Elisabeth verliebt. „Ja, das ist dokumentiert“, bestätigt sie lachend. Am 27. Mai vor 65 haben die beiden geheiratet, da kannten sie sich bereits neun Jahre.

Gute Mächte

Ihre Silberne und ihre Goldene Hochzeit hatten sie in München gefeiert, die Diamantene in Falkensee, und alles mit vielen Menschen. Und wenn sie heute Eiserne Hochzeit feiern, dann werden sie ganz für sich sein. „Coronabedrängnis zwingt uns feierfreudige Senioren, den bemerkenswerten Termin in stiller Einkehr zu verleben“, beschreibt es Hans-Ulrich Rhinow. Aber die stille Einkehr hat auch ihr Gutes, sie bringt beide zu einem vertieften Blick auf ihr langes Leben. „In dem waren wir über weite Wegstrecken von guten Mächten begleitet“, sind sich beide einig.

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Junges Paar getrennt

Dabei hatten die guten Mächte den beiden auch manche Schwierigkeit in den Weg gelegt. Elisabeth wurde 1931 in Finkenkrug geboren, Hans-Ulrich stammt aus der Neumark, östlich der Oder. Er kam als Flüchtling nach Falkensee, hier ging er zur Schule und traf Elisabeth, die bald „seine Elisabeth“ werden durfte. Als deren Familie jedoch 1950 nach München umsiedelt, weil die Firma Siemens ihren Hauptsitz eben auch von Berlin nach Bayern verlegte, war das junge Liebespaar getrennt. Drei Jahre wechselten Briefe über die Zonengrenze, hielt die Beziehung.

Junglehrer in Nauen

Schließlich ging auch Hans-Ulrich Rhinow nach München. Republikflucht nannte man das damals im Osten. Die Liebe zu Elisabeth war für Hans-Ulrich Rhinow der Herzensgrund, er hatte aber auch einen anderen: Als Junglehrer arbeitete er in Nauen. „Hier sollte ich den Schülern Ansichten vermitteln, die ich selbst für politisch fragwürdig und aufgezwungen doktrinär hielt“, erzählt er. 1953 landete auch er in München, wo er seine Lehrerausbildung abschloss.

Hochzeit in hellblau

„Leichtfertig, mutig, ohne finanziellen Rückhalt“, so beschreibt er die Situation, als sie 1955 heirateten. „Das Wetter war sehr schön“, erinnert sich Elisabeth. Das Hochzeitskleid war hellblau, naja, und schon ein bisschen ein Umstandskleid. Nach der Kaffeetafel ging es für eine Woche an den Chiemsee auf eine kleine Hochzeitsreise.

Sprachtalent genutzt

Ihr Sprachenstudium hängte Elisabeth Rhinow bald an den Nagel. „Es gab keine Wohnungen, es gab keine Kindergärten“, erinnert sie sich an die schwere Ausgangslage. Vier Söhne sollten bald zur Familie gehören. Sie wurde Hausfrau, arbeitete aber mit ihrem Sprachentalent nebenbei. Und als später ihr Vater starb, erbte sie gewissermaßen dessen Übersetzerbüro, das sie dann 20 Jahre weiterführte. Elisabeth Rhinow wurde kein Hausmuttchen neben einem Mann, der Karriere gemacht hat. Sie ist eine aufgeweckte, lebendige Frau, die die Familie „äußerst sparsam“ auch durch enge finanzielle Zeiten führte und die ihren Mann auf seinem Weg unterstützt und begleitet hat.

Arbeiten an der Blindenschule

Denn der Weg war nicht der eines gewöhnlichen Lehrers. Seine ehemalige Seminarleiterin hatte ihn geworben, an die Bayrische Landesschule für Blinde in München zu wechseln. Er absolvierte ein Studium für Sonderpädagogik in Heidelberg, setzte neue pädagogische Ansichten durch. 13 Jahre war er Landesvorsitzender des Berufsverbandes in Bayern, zehn Jahre Bundesvorsitzender des Berufsverbandes der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen (VBS). Dann führte ihn der Berufsweg für elf Jahre nach Stuttgart. Auch die Wochenendehe der Rhinows funktionierte.

2013 erhielt Hans-Ulrich Rhinow das Bundesverdienstkreuz. Quelle: Konrad Radon

Die Wende brachte auch noch einmal für Rhinows die Wende. Plötzlich war das Elternhaus von Elisabeth in Finkenkrug wieder da. Unter dem Dach des 1928 gebauten Hauses richtete sich das Paar eine Ferienwohnung ein, im Haus selbst gab es mehrere Wohnungen. Erst im vergangenen Jahr endete das letzte Mietverhältnis. 1996 sind Rhinows nach Falkensee zurückgekommen. Während Elisabeth gleich begeistert von der Umsiedlung war, war Hans-Ulrich Rhinow skeptisch, gesteht er. Die Kinder, die Freunde – alle in Bayern. Zumindest fast alle, denn einige ehemalige Klassenkameraden aus der Falkenseer Schulzeit gab es schon im hohen Norden.

Freude mit der Rentnergang

„Ohne Reue“, sagt Hans-Ulrich Rhinow heute zu dem Umzug. „24 Jahre sind das schon, die wir mit guten Freunden, ohne Blessuren in der grünen Gartenstadt verleben konnten“, sagt er. Die Neugierde und die Aufgeschlossenheit der beiden ließ sie hier schnell Wurzeln schlagen. Die „Rentnergang“ gehört dazu, ein unternehmungslustige Seniorenkreis, der gerade coronabedingt ausgebremst ist.

Aktiver Ortschronist

Und Hans-Ulrich Rhinow entdeckte seine historische Ader, er wurde Ortschronist, war lange im Förderverein des Falkenseer Museums aktiv, hat gerade ein 49-seitiges Papier fertiggestellt zur Regionalgeschichte der Mark Brandenburg vom frühen Mittelalter bis zum Beginn der Hohenzollernzeit. Er ist Gründungsmitglied im Arbeitskreis „Stolpersteine Falkensee“, hat bis zum vergangenen Jahr den Arbeitskreis der Ortschronisten Osthavelland geleitet, wirkte zwei Jahre im Seniorenbeirat.

Eigentlich sind Rhinows nie alleine. Und so ist ihnen ein bisschen komisch, wenn sie den Tag der Eisernen Hochzeit ohne Feier und Festkomitee verbringen werden. Aber sie sind sich sicher, dass sie sich mit allen Freunden wieder treffen werden. Und sie freuen sich: Einer der Söhne, der noch als Professor für Theologie in Seoul arbeitet, will nach seinem Auslandseinsatz nach Falkensee kommen und ein Haus bauen. Für Elisabeth und Hans-Ulrich Rhinow wäre das, als ob die guten Mächte weiterhin ihre Hände im Spiel haben.

Von Marlies Schnaibel