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Falkensee Mauerpilgern mit „echtem“ Passierschein
Lokales Havelland Falkensee Mauerpilgern mit „echtem“ Passierschein
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20:28 10.11.2019
Stempelt den Passierschein für die Sperrzone: Pfarrerin Gisela Dittmer am Bahnhof Albrechtshof. Quelle: Ulrich Hansbuer
Falkensee

Die Passierscheine zum vorübergehenden Aufenthalt in der Sperrzone sind begehrt. Nachdem der amtliche Originalzettel am Bahnhof Albrechtshof ordentlich von Pfarrerin Gisela Dittmer mit einem amtlichen DDR-Stempel versehen war, ging es los: Pilgern auf dem Mauerweg zwischen Spandau und Falkensee, Gedenken und Erinnern mit Zeitzeugen vor Ort am Tag des Mauerfalls vor 30 Jahren.

Mit dem Zug geflüchtet

Dezember 1961: Um 21.03 Uhr durchbricht ein Personenzug von Oranienburg mit acht Waggons krachend die Grenz-Absperrungen. Lokführer Harry Deterling und Heizer Hartmut Lichy wissen, dass die Interzonenstrecke keine Weiche Richtung Spandau hat und nur durch ein Tor gesichert ist. In Falkensee steigen die letzten Reisenden dazu. Mit 35 Fahrgästen gelingt ihnen die Flucht aus der DDR, sieben Reisende gehen wieder zurück. Der Rest bleibt im Westen. Einen Tag danach werden die Schienen rausgerissen, der Interzonenzug fährt danach über Potsdam Griebnitzsee.

Konfirmanden hörten aufmerksam zu

Die Regionalbahn hält mit Verspätung und der ICE nach Hamburg rast durch, als Pfarrerin Dittmer am Bahnhof Albrechtshof am Samstag diese Geschichte erzählt. „Normalität heute, vor 30 Jahren war dies hier Sperrzone“, sagte Dittmer, die seit 14 Jahren der evangelischen Kirchengemeinde Seegefeld-Falkensee vorsteht. „Die Jugend kann nicht nachfühlen, was es im Alltag bedeutete, hinter der Mauer zu wohnen,“ erzählte die Pfarrerin. Die Konfirmanden hörten aufmerksam zu.

Sabine Berger berichtete von ihren Erlebnissen. Quelle: Ulrich Hansbuer

Zum Beispiel den Geschichten von Sabine Berger, die von der Willkür der Grenztruppen und der Polizei sowie Behörden-Bürokratismus im Alltag in der Sperrzone für die Bewohner Falkensees berichtete. „Heute können mir zum Glück nur meine Eltern etwas vorschreiben“, sagte die 13-jährige Sahara Zepke.

An die Mauertoten wurde erinnert. Quelle: Ulrich Hansbuer

In einem Kirchenlied, das die Gemeindemitglieder mit Gitarrenbegleitung im Nieselregen auf dem Grenzstreifen anstimmten, heißt es: „Frei sind wir da zu wohnen und zu gehen, frei sind wir Ja zu sagen oder Nein.“ Das Lied, „Herr, deine Liebe“ erinnert vor allem die älteren Gemeindeglieder schmerzhaft daran, dass das früher nicht so war: „Wir hatten das Glück, dass wir aus dem Dachfenster zumindest über die 3,80 Meter hohe Mauer schauen konnten“, erzählte Astrid von Bresiski von ihrer Jugend.

Drei Kilometer Pilgerstrecke

Auf den drei Kilometern Pilgerstrecke auf dem Mauerweg zwischen Falkensee und Spandau hat die Natur für die Grenzgänger der Kirchengemeinde Seegefeld die Spuren der Vergangenheit gelöscht. Doch ihre Geschichten bleiben lebendig, jeder kann eine dazu beitragen, jeder weiß, was er am 9. November 1989 gemacht hat. „Mein Mann war gerade im Bad: „Ich rief ihm zu: ’Die haben die Mauer aufgemacht’“, sagte Karin Störmer. Die heute 67-Jährige setzte sich mit ihrem Mann Bernd in den Wartburg. Zum ersten Mal im Leben waren sie in Spandau, und sie kamen wieder zurück.

„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“, sang die Pilgergruppe der Kirchengemeinde Falkensee-Seegefeld auf dem Mauerweg. „Weil Leben heißt: Sich regen, weil Leben wandern heißt“. Klaus Peter Hertsch hat den Text 1989 geschrieben, nach Noten eines Kirchenliedes aus dem 15 Jahrhundert.

Von Ulrich Hansbuer

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