In der Villa Kunterbunt Falkensee werden Pflegekinder betreut seit 1998
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Falkensee Villa Kunterbunt in Falkensee: So lebt es sich als Pflegefamilie
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In der Villa Kunterbunt Falkensee werden Pflegekinder betreut seit 1998

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21:14 07.04.2021
Petra Ziebarth und Rainer Machalet haben die Villa Kunterbunt zu einem besonderen Zuhause gemacht.
Petra Ziebarth und Rainer Machalet haben die Villa Kunterbunt zu einem besonderen Zuhause gemacht. Quelle: Leonie Mikulla
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Falkensee

Die Villa Kunterbunt macht ihrem Namen alle Ehre. Eine Vielzahl verspielter Gegenstände geben dem Haus ein Gefühl von Gemütlichkeit und deuten an, dass hier schon seit längerer Zeit Menschen zuhause sind. „Das hat sich alles über die Jahre so angesammelt“, meint Petra Ziebarth. Sie hat es sich gemeinsam mit ihrem Partner Rainer Machalet zur Lebensaufgabe gemacht, Kindern an diesem Ort genau das zu bieten – ein Zuhause.

„Angefangen hat das 1998, seitdem sind wir hier in der Erziehungs-Wohngruppe tätig“, erinnert sich Ziebarth. Die Diplom-Psychologin arbeitete zuvor bereits viel in der Einzelfallhilfe und Familienhilfe. Mit wachsender Berufserfahrung kam die Entscheidung, ihre Arbeit im innewohnenden Bereich fortzusetzen. Sprich Kinder, die längerfristig nicht in ihrer Herkunftsfamilie wohnen können, rund um die Uhr im familiären Setting zu betreuen. Auch Machalet, der von Beruf Erzieher ist, konnte nach langjähriger Leitung eines Kinderladens auf viel pädagogische Praxis zurückblicken. „Ich habe die ersten Jahre nach der Ausbildung in einem heilpädagogischen Kinderheim mit 100 Kindern gearbeitet. Da ist die Beziehung von den Erziehern zu den Kindern einfach nicht so gut wie in kleiner und privater Atmosphäre“, so Machalet. Diese Atmosphäre wollte er in der Erziehungswohngruppe schaffen.

In dem Träger Jakus fand das Paar einen Arbeitgeber, der sie fest anstellte und sie auf dem Weg stets begleitet und unterstützt. Dazu zählen regelmäßige Supervision genauso wie ein enger kollegialer Austausch mit anderen Wohngruppen des Trägers. „Das Konzept ist, dass auf eine feste Stelle zwei Kinder kommen. Das heißt vier Kinder sind immer da“, erzählt Ziebarth.

Die gemeinsame Tochter hat unterstützt

16 Pflegekinder haben sie über die Jahre bei sich betreut. Von Anfang an mit dabei: die gemeinsame Tochter Laura. „Sie war damals sechs, als die ersten Kinder zu uns kamen. Sie wollte immer ältere Geschwister haben. Das war eine Grundvoraussetzung, dass sie einverstanden war“, sagt Machalet rückblickend und ergänzt, dass Laura ein wichtiger Baustein in der Arbeit gewesen sei. Das Konzept machte nachhaltigen Eindruck bei ihr – inzwischen ist sie in die Fußstapfen der Eltern getreten und arbeitet nach einem Studium der Sozialen Arbeit ebenfalls in einer Wohngruppe.

Ein gutes Umfeld sei generell eine wichtige Bedingung für ihre Arbeit, so Machalet. Dazu zähle nicht nur eine gute Zusammenarbeit mit der Schule und anderen Einrichtungen, sondern auch die Akzeptanz der verschiedenen Familien im Hintergrund. „Wenn wir zusammen am Tisch sitzen, sitzen hier sechs Familien miteinander“, verdeutlicht Machalet. Das Paar versuche, Kontakte mit den Eltern der Kinder soweit wie möglich aufrecht zu erhalten. Wie oft Kontakte stattfinden, sei oft gerichtlich und über das Jugendamt festgelegt. „Es geht auch darum, den Eltern Wertschätzung zu vermitteln. Und die Kinder können sich am ehesten wohlfühlen und gut ankommen, wenn die Eltern mit im Boot sind und sagen: Es ist gut, dass ihr hier seid“, überlegt Ziebarth.

Über den Hund Vertrauen aufbauen

Bevor die Kinder zu Ziebarth und Machalet kommen, gibt es immer zunächst ein Kennenlernen. Erst, wenn das Kind und die Eltern ihr Einverständnis geben, ziehen sie in ihr neues Zuhause. „Unser Hund ist eine ganz wichtige Sache bei der ersten Begegnung“, erzählt Machalet. Auch später würden gemeinsame Spaziergänge mit dem Hund und Gespräche dabei helfen, Vertrauen herzustellen und eine Beziehung aufzubauen. „Die Kinder sehen die ganzen Bilder von anderen Kindern im Flur und möchten gerne wissen, wer schon alles hier war. Und uns ist es wichtig, unabhängig von Akten aus ihrer Sicht zu hören, was so gewesen ist“, beschreibt Machalet.

Das Zusammenleben sei sehr orientiert an einer normalen Familie und beinhalte neben regelmäßigen Ritualen, die eine Struktur geben, auch genug Freiraum. „Wir hatten mal einen Jungen bei uns, der, als er mit 18 Jahren auszog, zu uns sagte: Das Wichtigste war, das Gefühl zu haben, es ist immer jemand da“, erzählt Ziebarth. Genau darum gehe es dem Paar: Angebote zu machen und Raum zu halten, um ein Gefühl von Sicherheit zu geben.

Für die beiden bedeutet das, dass Arbeit und Privatleben immer eng miteinander verwoben sind. Sich daran zu gewöhnen, habe eine Weile gedauert. „Man muss sich davon verabschieden, spontan sein zu können“, so Machalet. Gezweifelt hätten die beiden an dem eingeschlagenen Weg jedoch nie.

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Mittlerweile stehen sie kurz vor der Rente – wenn die Kinder in die Selbstständigkeit entlassen werden, kommen keine neuen Kinder mehr nach. Für die Falkenseer Villa Kunterbunt bedeutet das, dass eine Ära zu Ende gehen wird. „Uns war klar, dass wir für danach etwas finden müssen, wo wir uns mindestens genauso wohl fühlen“, erzählt Ziebarth. Ein neues Projekt ist bereits in Aussicht: ein gemeinsamer großer Hof mit anderen Leuten in der Altmark. „Doch aus der Welt sind wir damit nicht. Für die Kinder ist das wichtig zu merken, dass auch da ganz viel Platz ist und es uns immer noch gibt“, blickt Petra Ziebarth voraus.

Von Leonie Mikulla