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Falkensee Das Havelland: Wo 4G selbst im Speckgürtel eine Utopie bleibt
Lokales Havelland Falkensee Das Havelland: Wo 4G selbst im Speckgürtel eine Utopie bleibt
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15:12 24.05.2019
Ein spezielles Rohrsystem für die Verlegung von Glasfaserkabeln.
Ein spezielles Rohrsystem für die Verlegung von Glasfaserkabeln. Quelle: dpa
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Falkensee

In Teilen von Falkensee ist die mobile Breitbandverbindung 4G schlicht nicht vorhanden. Am Mittwochabend schüttelte der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) beim Anblick einer provisorischen Lösung in der Schlosserei Ziesecke den Kopf. Das Unternehmen befindet sich in einem „weißen Loch“.

Im Anschluss diskutierte er, kurz vor der Kommunalwahl, mit seinen Parteigenossen, dem Kreishandwerkermeister und Bürgern im mäßig gefüllten Musiksaalgebäude Falkensee über die Möglichkeiten zum Breitbandausbau, die Mobilfunkversorgung und Fachkräftegewinnung.

4G soll reichen

„Für das, was wir brauchen, würde ein vernünftig ausgebautes 4G-Netz völlig reichen“, meinte Jörg Steinbach bei der Podiumsdiskussion. Die schnellere Internetverbindung 5G sei nur für industrielle Anwendungen wie das autonome Fahren wirklich nötig.

Dass selbst im Speckgürtel von Berlin nicht einmal 4G ankommt, demonstrierte Kreishandwerkermeister Michael Ziesecke kurz zuvor dem Minister in seiner Schlosserei. Von seinem Dach ist ein Kabel zum Dach seines Nachbarn gespannt. „Er hat kein Internet und kein Telefon“, so Ziesecke, der mit seinem Anschluss aushilft. Aber auch Ziesecke befindet sich in einem „weißen Loch“ der Telekom und hat nur eine sehr langsame Verbindung zur Verfügung.

Wirtschaftsminister Jörg Steinbach im Gespräch mit Bürgermeister Heiko Müller in der Schlosserei Ziesecke. Quelle: Tanja M. Marotzke

Auch Catharina Bockelmann, Kommunalwahlkandidatin für die Falkenseer SPD, berichtete aus ihrem Schulalltag: „In der Schule, in der ich unterrichte, gibt es Smartboards, aber das Internet lässt zu wünschen übrig und somit kann ich es nicht in vollen Zügen ausschöpfen“, sagt die Chefin der Jusos im Havelland.

Positive Bilanz trotz negativer Statistik

Jörg Steinbachs Fazit für Brandenburg: „Die Bilanz ist eigentlich gar nicht so schlecht – vor allem im Vergleich der ostdeutschen Ländern.“ Die private Wahrnehmung sei jedoch anders, weil die Telefonate abbrechen und nur sehr langsames Internet ankäme.

Gemeint sind die bisher im Land umgesetzten und geplanten Maßnahmen. Mit dem Landesprogramm „Brandenburg Glasfaser 2020“ seien laut der SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Ines Jesse rund eine halbe Milliarde Euro für den Breitbandausbau genehmigt worden. „In Brandenburg haben 81 Prozent der Haushalte mindestens 30 Mbit pro Sekunde“, meint Ines Jesse. Das findet sie nicht schlecht.

Laut des Entwicklungskonzepts „Brandenburg Glasfaser 2020“ sind im ganzen Bundesland aber insgesamt 402 000 Haushalte und somit 37 Prozent der Gesamtbevölkerung mit sechs Mbit die Sekunde unter- oder gar nicht versorgt. Im Havelland sind das 32 201 Haushalte, was etwa 48 Prozent entspricht. Der Landkreis steht dem vorletzten Platz in der landesweiten Breitband-Versorgung. Nur der Landkreis Elbe-Elster ist knapp schlechter versorgt.

Land und Kommunen wollen Umsetzung

„Egal, was wir bisher geschafft haben: Wir sind, wie Thomas Wieland gesagt hat, im Bereich Digitalisierung das Albanien Europas“, gab Steinbach zu. Deswegen forderte er, dass die Breitbandversorgung im Grundgesetz verankert werden soll. Rund 110 Millionen Euro hätte er aus europäischen Mitteln für die weißen Flecken zusammengeschnürt.

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„Die Umsetzung liegt nicht mehr am Geld, sondern am Markt“, fügte Steinbach an. Für ihn ist auch die Aufwertung der alten Kupferkabel mit dem Docsis-3.1-Programm eine Alternative. Dabei sollen alte Kabel mit neuer, schnellerer Geschwindigkeit genutzt werden können.

Für den Mobilfunk könnten Funkmasten aufgestellt werden, diese müssten aber für eine 5G-Leistung in Abständen von 1000 Metern aufgestellt werden. Ines Jesse wirft die Frage auf, ob wir das tatsächlich wollen.

Es fehlen passende Unternehmen

Das Problem in beiden Fällen: Das Geld muss bis spätestens 2023 ausgegeben werden. Laut Steinbach gäbe es keine Unternehmen, die die Glasfaserkabel verlegen wollen – oder zeitnah können. Kreishandwerkermeister Michael Ziesecke bestätigte, dass auch seine Auftragsbücher für die nächsten acht Monate voll sind. „Die Wartezeiten bei der Telekom liegen in der Uckermark bei bis zu 58 Monaten“, sagte der Minister.

Diskussion mit (v.l.) Ines Jesse (SPD), Jörg Steinbach (SPD), Catharina Bockelmann (SPD) und Kreishandwerksmeister Michael Ziesecke im Musiksaalgebäude in Falkensee. Quelle: Jan Russezki

Warum man die Aufträge nicht an ausländische Unternehmen vergeben kann? „Wir können mit den Arbeitsbedingungen und Preisen im Ausland nicht mithalten“, so Ziesecke. Das hätte auch mit der EU-Osterweiterung zu tun.

„Nur mit eigenem Nachwuchs können wir in Zukunft den Markt nicht befriedigen“, so Steinbach. Deswegen brauche es Anreize und eine Willkommenskultur für deutsche und ausländische Fachkräfte in den Kommunen. Europaweit würde das schon passieren. „Ich glaube, die Welt wird dadurch auch weiter zusammenwachsen“, sagte der Wirtschaftsminister.

Von Jan Russezki und Philip Rißling