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Falkensee Falkenseer Punks von Volkspolizei verhaftet
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07:32 23.10.2019
Falkensee

Den Mauerfall hat Heiko Richter aus Falkensee verpennt. Überwältigt von der Ereignissen der vergangenen Wochen, ging er früh ins Bett, erfuhr erst beim morgendlichen Stullenschmieren aus dem Radio davon. „Trabis auf dem Kudamm – erst konnte ich es nicht glauben“, sagt Richter, der nur vier Wochen zuvor wegen „republikfeindlicher Parolen“ verhaftet worden war.

Fackelzug mit Folgen

Knapp einen Monat vor dem Fall der Mauer, am 6. Oktober, nahmen Heiko Richter und 20 weitere junge Leute mit selbst gemalten Transparenten am Fackelzug durch Falkensee teil, damals eine Pflichtveranstaltung am Vorabend des 40. Republikgeburtstages. Sie sangen die Internationale und hielten ihre Banner vom Neuen Forum hoch.

„Wir dachten uns, wenn wir sowieso hinmüssen, können wir uns auch Gehör verschaffen. Uns störte vor allem, dass damals viele gute Leute in den Westen abgehauen sind“, so Richter. Die Wiedervereinigung habe keiner von ihnen im Sinn gehabt. Sie sei zum damaligen Zeitpunkt, und obwohl der Ruf nach Reformen immer lauter wurde, unvorstellbar gewesen. „Wir wollten in der DDR einiges anders machen“, sagt der Falkenseer.

Heiko Richter brachte seine Haare mit Rasierschaum in Form. Quelle: Laura Sander

Wie seine Freunde stand Heiko Richter auf Punkrock, hatte bunt gefärbte Haare und trug selbst bemalte T-Shirts mit den Namen seiner Lieblingsbands. „Wir waren ziemlich kreativ. Musik haben wir aus dem Radio aufgenommen oder überspielt, die Haaren färbten wir mit Fußpilzmittel und brachten sie mit Rasierschaum in Form“, erinnert sich der 47-Jährige.

Knüppelschläge und Verhör

Am 6. Oktober wurden die jungen Falkenseer auf dem Weg zum Friedenfeuer, das in der Hansastraße zum Abschluss des Fackelzuges brannte, von Volkspolizisten eingekreist. Die Plakate wurden ihnen entrissen, mit Gewalt und Knüppelschlägen wurden sie inhaftiert. „Es war der Wahnsinn, wie sich die Umstehenden für uns einsetzten. Mütter mit ihren Kindern haben die Polizisten angeschrien – da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut“, sagt Richter, der zunächst auf die Polizeiwache in der Kochstraße und anschließend zum Verhör nach Nauen gebracht wurde. Einer seiner Freund landete sogar im Krankenhaus.

Eine Nacht lang wurden die jungen Leute befragt. „Wir saßen zusammen in einem Raum bei offenem Fenster. Schlief jemand ein, mussten alle eine halbe Stunde stehen“, sagt er. Am nächsten Tag durften alle wieder nach Hause.

Auswertung der Ereignisse im Capitol

Öffentlich bestritt die Polizei den Einsatz von Gummiknüppeln bei der Festnahme, wie die „Märkische Volksstimme“ berichtete. „Da hat sich meine Mutter so drüber geärgert und eine Richtigstellung verlangt. Nach langem Hin und Her fand dann die Versammlung im ,Capi’ statt“, sagt Heiko Richter.

Am Abend des 8. November saß er zusammen mit rund 500 Leuten im überfüllten Capitol in Finkenkrug, um die Ereignisse rund um den 6. Oktober auszuwerten. Mit dabei die Polizei und die Presse. Die Volkspolizei entschuldigte sich bei den jungen Leuten mit den bunten Haaren – für die Falkenseer Punks eine Genugtuung. „Ich wusste von drei Kumpels, dass sie in den Westen rübermachen wollten. Nach der Veranstaltung stiegen sie tatsächlich in die Bahn – die Stimmung war gedrückt“, sagt er.

Am Abend des 9. November traf sich die Gruppe auf einer Tanzveranstaltung im Becher-Kulturhaus, zum Feiern war ihnen nicht zumute. „Ich bin dann früh ins Bett, musste am nächsten Tag ja schließlich arbeiten. Den Mauerfall habe ich einfach verschlafen“, so Richter.

„Es roch wie im Intershop“

Erst am Abend des 10. November überquerte er den Grenzübergang in Staaken. Er erinnert sich an lebensechte Schaufensterpuppen, seine Fahrt im Doppeldeckerbus und den typischen „Westgeruch“. „Es hat gerochen wie im Intershop. Pommesbuden, Döner und der Verkehr – alles war anders“, sagt Richter, der in den folgenden Monaten viele Konzerte in Berlin besucht und Kneipentouren unternommen hat.

„Ich hatte aber nie den Plan, aus Falkensee wegzuziehen. Heute ist alles etwas unpersönlicher in der Stadt, früher kannte jeder jeden. Dafür haben wir eine bunte Mischung und ich habe viele gute Freunde dazugewonnen“, sagt Heiko Richter, der jahrelang das „Schrääg ’rüber“ in der Falkenseer Bahnhofstraße betrieben hat.

Von Laura Sander

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