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Havelland Gras überwuchert ein Stück Fluggeschichte
Lokales Havelland Gras überwuchert ein Stück Fluggeschichte
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00:16 25.07.2017
Diese Scheibe half einst beim Einrichten der Kompasse in Flugzeugen.
Diese Scheibe half einst beim Einrichten der Kompasse in Flugzeugen. Quelle: Ralf Stork
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Dallgow-Döberitz

Der Zaun markiert die Grenze. Zwischen Berlin und Brandenburg, zwischen Staaken und Dallgow-Döberitz. Früher war das so was von egal. Später bestimmte die Grenze dann, ob man zu West-Berlin oder zur DDR gehörte. Heute ist sie wieder unwichtig geworden. Ein Stück Fluggeschichte wird hier vom Gras überwuchert.

Auf dem weitläufigen Gelände am Berliner Stadtrand wurden während des Ersten Weltkrieges Zeppeline gefertigt. Später wurde ein normaler Flugplatz daraus, unter anderem mit Linienflügen nach London. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz eine Zeit lang als Militärflughafen der Roten Armee genutzt.

Heute stehen auf dem 50 Hektar großen Gelände Sonnenkollektoren, die bis zu 7000 Haushalte mit Strom versorgen können. Ein paar Relikte aus der Flugplatz-Ära haben sich bis heute erhalten. „Die alten Landebahnen sind noch da und ein paar Rampen“, sagt Karsten Klug, der Betriebsleiter des Solarparks. Auf Luftbildern kann man die alten Strukturen noch besonders gut erkennen, obwohl sie inzwischen mit Sonnenkollektoren überbaut wurden.

Karsten Klug Quelle: Ralf Stork

Auf dem Flugplatz findet sich auch ein altes Baudenkmal: eine Kompensationsscheibe. Vom Zugang am Brunsbütteler Damm geht es rechts herum am Rand der Anlagen entlang bis fast zum Ende des Solarparks. Dann muss man sich noch ein paar Meter durch die hüfthohe Blumenwiese schlagen, bis man vor einem Gebilde steht, das auf den ersten Blick aussieht wie ein von Menschenhand geplanter und sehr exakt angelegter Teich: In den Boden eingelassen ist ein kreisrunder Betonring mit einem Durchmesser von vielleicht zehn Metern.

Das Innere des Ringes wird durch Holzbalken in mehrere Fächer unterteilt. Tatsächlich steht Wasser darin, das Schilf wächst Meter hoch, auch ein paar Birken haben sich dort breit gemacht.

Bei dem Feuchtbiotop handelt es sich um eine alte Kompensier- oder Kompensationsscheibe, von der die Holzkonstruktion wichtigster Bestandteil ist: Die Flugzeuge navigierten damals noch mit Magnetkompassen. Weil die Maschinen selbst aus Metall gefertigt waren, zeigt der Kompass nicht mehr die exakte Himmelsrichtung an. Um diese Abweichung zu kompensieren, wurden die Flugzeuge auf der Plattform in die reale magnetische Nordrichtung gedreht.

Danach konnte der Bordkompass so nachjustiert werden, dass er trotz der magnetischen Abweichung wieder die richtige Himmelsrichtungen anzeigen konnte. Die Drehkonstruktion war aus Holz und nicht aus Stahl gefertigt, um zusätzliche Irritationen des Kompasses auszuschließen.

Der Flugplatz Staaken

Die Anfänge: Am 9. Juli 1915 erwarb die Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Staaken ein Gelände, um nach Anordnung des Kriegsministeriums Luftschiffe mit militärischer Ausrichtung herstellen zu können.

Der Rekord: Eine halbe Million Menschen versammelten sich an einem Novembertag des Jahres 1928 in Staaken, um die Landung des 236 Meter langen Luftschiffes Graf Zeppelin zu sehen.

Der Wechsel: 1945 lagen große Teile des Flugplatzes in der sowjetisch besetzten Zone, die Rote Armee nutzte das Gelände. Nach der Wende kam das Flugplatzgelände in den Besitz von Dallgow-Döberitz bzw. Berlin.

Dafür, dass die Scheibe mehr als 70 Jahre auf dem Buckel hat, und mittlerweile nicht nur Gras, sondern auch Bäume über sie gewachsen sind, ist sie in einem erstaunlich guten Zustand: Wenn man weiß, was man da vor sich hat, kann man sich die frühere Funktion ziemlich gut vorstellen. Einerseits ist es also ein Jammer, dass die Kompensationsscheibe im Solarpark nicht frei zugänglich ist. Aus Sicht des Denkmalschutzes ist es eher ein Segen. Hinter dem Zaun des Solarparks ist das Denkmal vor Vandalismus bestens geschützt.

In großen Abständen finden Führungen über das Gelände statt. Die Klimawerkstatt Spandau hat schon zwei Mal einen Rundgang durch den Solarpark organisiert. Auch einer Gruppe junger Hobbyhistoriker hat Karsten Klug im vergangenen Jahr den Weg zur Kompensationsscheibe gewiesen. Wer die Möglichkeit einer Führung über das Gelände hat, sollte sie unbedingt wahrnehmen – selbst wenn er sich nicht besonders für erneuerbare Energien oder die Geschichte der Fliegerei interessiert.

Viele Bereiche des Solarparks werden nicht oder nur selten gemäht. Im Sommer wachsen die Pflanzen deshalb dort zu einer beeindruckenden Blumenwiese heran, an der Insektenkundler ihre helle Freude hätten. Jedenfalls summt und brummt es zwischen den bunten Blüten ganz gewaltig. Das alles auf einer Industrie-Anlage, das hat schon was.

Besonders eindrucksvoll – und nicht ganz ohne Ironie – ist die Blumenpracht auf der breiten Schneise in der Mitte des Solarparks. Die ist immer noch für die Verlängerung des Brunsbütteler Damms frei gehalten. Aber ob das jemals passiert, steht in den Sternen.

Von Ralf Stork