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Havelland Guido von Martens ist ein ewig Lernender
Lokales Havelland Guido von Martens ist ein ewig Lernender
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15:53 31.01.2018
Guido von Martens sitzt in seinem riesigen Brennofen. Quelle: Hans-Peter Theurich
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Brieselang

An der Tür hängt ein Schild „Keramik-Atelier“ und darunter ein Relief. Es zeigt einen Mann, der versucht, eine Kugel bergauf zu rollen, einen Sisyphos. „Man bewegt ständig etwas, und es fällt einem wieder auf die Füße. So fühle ich mich – manchmal“, sagt der Keramik- und Porzellan-Künstler Guido von Martens augenzwinkernd. Seine Werkstatt liegt auf dem Grundstück des Märkischen Künstlerhofes im havelländischen Brieselang.

Marx in Ton? Lenin knallrot mit Sonnenbrille? Bei Guido von Martens trifft man diese Personen der Zeitgeschichte im Regal. Der Künstler hat auch anderen Bekannten seinen Stempel aufgedrückt.

Vor dem Atelier versammeln sich seltsame Kreaturen, etwa ein Wesen halb Vogel, halb Frau. Eines der zahllosen Geschöpfe des Keramikers. Ein rußgeschwärztes Kapitell, ein Säulenelement, erinnert an die Restaurierung der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte während der 70er und frühen 80er Jahre, an der Guido von Martens beteiligt war.

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Im Atelier empfängt den Besucher eine grafisch wirkende Wand voller runder und dreieckiger Messzangen und -zirkel für die Herstellung von Gefäßen. Ein Schubladenschrank stammt aus einem Labor in Krausnick bei Bad Muskau. „Dort habe ich nach der Wende ein 800 Quadratmeter großes Atelier. Damals habe ich thronartige Gartensessel entworfen“, erzählt Guido von Martens.

Geöffnet am Galerietag

Die Arbeiten von Guido von Martens und Renée Dressler können jeweils donnerstags am Galerietag des Künstlerhofes besichtigt werden – geöffnet zwischen 14 und 20 Uhr.

Das Atelier liegt in Brieselang, Platz des Friedens/Ecke Bahnstraße 13-14. Kontakt unter 033232/23351.

Mehr über die Künstler unter www.maerkischer-kuenstlerhof.de

In einem Regal steht ein Modell der Brieselanger Nymphe, die seit letztem Herbst den Kreisverkehr bewacht. Drum herum liegen andere Tonarbeiten in verschiedenen Entwurfsstadien. Das jüngste Projekt ist für den Reiterhof Polzfuss in Brieselang geplant: eine vier Meter hohe Pferde-Statue, auf Sockel und mit Rädern. Seit Monaten beschäftigt sich der Künstler mit dem Thema Pferd, kleinere und größere dieser Tiere bevölkern sein Studio. Ins Auge fällt ein blaues Ross, mit einem Lasso aus rostigem Draht umwickelt. Die Galerie Teterow in Mecklenburg-Vorpommern ist ein dankbarer Abnehmer.

Karl Marx im Taschenformat

Die kreativen Phasen wechseln bei dem Künstler, einziger Meisterschüler der Keramik-Legende Hedwig Bollhagen. Nach den Stühlen in Krausnick hat Guido von Martens Gefäße getöpfert, anschließend folgte eine Zeit der Figuren, davon zeugen dralle Damen neben einem gemütlichen Karl Marx im Taschenformat.

Von Arbeitsaufenthalten in Chinas Porzellan-Hochburg Shangyu brachte Guido von Martens den Rohstoff mit, das weiße Gold. Derzeit entstehen Porzellan-Gefäße von atemberaubender Feinheit und Eleganz. Die neuesten Werke waren auf der „Art Brandenburg“ zu sehen, etwa das herzerfrischende fliegende Schiffchen, oder Objekte aus Porzellan in Schwarz-weiß.

Reduzierte Gestaltung

Gern experimentiert Guido von Martens mit dem Material oder mit fertigen Gefäßen: Zwei papierdünne Schalen, ineinander gestellt, ergeben durch einfallendes Licht einen delikaten Schattenwurf. Mit einer Wäschemangel aus alter Zeit walzt er das Porzellan millimeterdünn aus. Die reduzierte Gestaltung ist das Resultat ständigen Hinterfragens von Material und Form.

„Ich lerne mein Leben lang. Schön ist, dass man nie fertig wird damit“, sagt der 74-Jährige. Beim Arbeiten hört er gern Orgelkonzerte von Bach oder Flötenmusik: „Das lockert innerlich auf.“

Tage dauert es, bis der Ofen wieder abkühlt

Hinten im Atelier steht das Herz jeder Keramik-Werkstatt, der Brennofen, groß wie eine Dusche. Bis 1320 Grad Celsius heiß wird er. Dann glüht die Keramik im Innern weiß. Tage dauert es, bis der Ofen wieder abkühlt. „Jetzt im Winter ist es dadurch angenehm warm, wir sitzen dann abends gemütlich zusammen mit einem Glas Rotwein“, erzählt Guido von Martens.

Vor dem Atelier ranken Pflanzen am schmiedeeisernen Zaun – eine Idylle. Das war nicht immer so. In der Werkstatt lagerten vor 2006 Teppiche, eine Abteilung des Fliesenmarktes, der seit 1994 das Gebäude nutzte. „Im Garten war gar nichts, nur Einöde“, sagt der Keramiker.

Künstlerhof im alten Konsum

Den Märkischen Künstlerhof betreibt Guido von Martens mit seiner Frau Renée Dressler seit 2006 im alten Kaufhaus-Gebäude aus den Fünfziger Jahren. Bis 1994 versorgten sich die Brieselanger im „Konsum“ mit allem, was sie zum Leben brauchten.

Im Garten türmte sich eine drei Meter hohe Müllhalde. Der zwischengelagerte Kunstrasen aus dem Olympiastadion nach der Fußball-WM 2006 wuchs den Brieselangern buchstäblich über den Kopf. Der neue Einsatz des Rasens in der geplanten Fußball-Akademie Zeestow unter Leitung des DDR-Fußballers Jürgen Sparwasser kam nie zustande. 16 Fuhren von Lastwagen plus Anhänger waren notwendig, um den Abfall zu beseitigen.

Haus auf dem Land für die Familie

In Brieselang wohnt Guido von Martens seit 1975. Davor lebte er in Berlin. Mit seiner damaligen Frau Elena suchte er ein Haus auf dem Land für die Familie mit drei Söhnen. Er arbeitete damals in Marwitz bei Hedwig Bollhagen. Der Weg von Brieselang in die Manufaktur war zu Zeiten der deutschen Teilung deutlich kürzer als von Berlin aus.

Von Judith Meisner