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Havelland Historiker beschreibt Leben von Kurt Magritz
Lokales Havelland Historiker beschreibt Leben von Kurt Magritz
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02:15 23.04.2017
Eckhart J. Gillen bei der Buchpräsentation in Falkensee. Im Museum ist der Bildband über Kurt Magritz erhältlich.
Eckhart J. Gillen bei der Buchpräsentation in Falkensee. Im Museum ist der Bildband über Kurt Magritz erhältlich. Quelle: Tanja M. Marotzke
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Falkensee

„Diese Jahre werden uns ewig anhängen“, gestand Joachim Uhlitzsch seinem Maler- und Parteifreund Kurt Magritz, als dieser 1984 den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekam. Gemeint waren die frühen 50er-Jahre, als eine Formalismuskampagne in der DDR Kunst und Klassenstandpunkt vereinen wollte. Magritz gehörte zu den vehementen Verfechtern der stalinistisch ausgerichteten Ideologie, wenige Jahre nur, aber sie reichten aus, um das Bild des Mannes auf lange Zeit zu verdunkeln.

Es ist ein westdeutscher Kunsthistoriker, der jetzt versucht, dieses Bild gerade zu rücken. Eckhart J. Gillen hat in einem umfangreichen Text-Bild-Band erstmals die politische und künstlerische Bandbreite von Kurt Magritz freigelegt. Das Buch „Ein Doppelleben zwischen Pflicht und Neigung“, jetzt im Dresdner Verlag Kunstblatt erschienen, wurde in Falkensee vorgestellt.

In Texten und Vorträgen hatte sich Kurz Magritz in den Fünfziger Jahren maßgeblich an der von der Sowjetunion angeordneten Kampagne beteiligt. Er galt bis zum Ende der DDR als einer der am meisten verhassten Kulturfunktionäre. „Kaum jemand wusste damals in der DDR und weiß auch heute noch nicht, dass sich hinter der Fassade des linientreuen Parteigängers der Sowjetunion ein höchst sensibler Dichter und vor allem ein Maler und Zeichner verbarg“, sagt Eckhart J. Gillen.

Gillen stammt aus Karlsuhe und hat sich früh mit der Kunst im Kalten Krieg auseinander gesetzt, kam so auch auf Magritz, den er selbst noch 1991 kurz vor dessen Tod persönlich kennengelernt hatte. „Mit dieser Publikation soll der ,Formalist‘ Kurt Magritz neu entdeckt werden“, beschreibt er sein Anliegen. Sachlich und kenntnisreich öffnet Gillen für diese Neuentdeckung die Tür. Magritz‘ Tochter Maria Rüger, die heute noch in Falkensee lebt, und Magritz‘ zweite Ehefrau Irina haben den Autoren dabei tatkräftig unterstützt.

Gemalt hatte Kurt Magritz schon immer. Der studierte Architekt war durch seine Ehefrau Hannelore mit den kommunistischen Ideen in Kontakt gekommen. Er arbeitete als Statiker, überlebte so die Nazizeit. Im Verborgenen schuf er in jeder Zeit große Holzschnitte und Zeichnungen, in denen er früh das wahre Gesicht der faschistischen Machthaber erkannt hatte. „In den düsteren Jahren“ nannte er die Werke. „Klagende Frauen“ entstand 1933, „Henkerskarren“ 1934, „Jüdisches Leid“ 1935 - geradezu visionär sah er das kommende Leid voraus. „Denn wir werden ihre Städte verderben, Grabmal der Mutter, In Memoriam Käthe Kollwitz“ hieß ein Blatt, das kurz vor der Vernichtung Dresdens entstanden war.

Mit voller Kraft hat sich Kurt Magritz in den antifaschistischen Neuaufbau eingebracht. So sehr er auch den sozialistischen Realismus propagierte, so sehr blieb er doch seiner eigenen Formensprache treu. Die war so gar nicht propagandistisch-plakativ, vielmehr expressiv, immer wieder griff er religiöse Themen auf, in den Nachkriegsjahren überraschte er zudem mit farblich federleichten Pastellen zu lebensfrohen, auch erotischen Motiven.

1971, nach dem Tod seiner ersten Frau, hatte Magritz ein Haus am Rand von Finkenkrug gekauft. Ein Rückzugsort für seine künstlerische Arbeit sollte es sein, er nannte es sein „kleines Paradies“. Allerdings ertrank 1981 der dreizehnjährige Sohns seiner Ehefrau Irina im Brieselanger See. Magritz zog wieder nach Berlin, das Haus blieb in Familienbesitz. Hier verwaltet Maria Rüger heute den Nachlass ihres Vaters. 450 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle hat er geschaffen. Vieles ist inzwischen in Museen zwischen Falkensee und St. Petersburg gelangt. Einen Großteil gab die Tochter vor ein paar Jahren nach Leipzig ins Museum der Bildenden Künste.

Jetzt ist dank Gillen erstmals eine umfangreiche Werkschau erstellt. Die künstlerischen Arbeiten berühren bis heute. Einflüsse sind klar ablesbar: Immer wieder der von Magritz so geliebte Expressionismus, dann ist da das Heitere, das an Max Schwimmer erinnert, da ist das Schöne, das von Gustav Klimt durchglüht ist.

Aber es sind die ernsten Themen, die sich eindrucksvoll ins Gedächtnis einbrennen. Wie die „Apokalypse“ von 1935. Die Pferde stürmen voran - aus dem Tod, in den Tod, sie scheinen zu brennen. Kurt Magritz hat selbst innerlich gebrannt, nicht immer mit den richtigen Mitteln, aber überzeugt selbst im Zweifel. Als die Truppen des Warschauer Vertrages in Prag einmarschierten, schrieb er seiner Tochter Maria auf einen Zettel: „Eine Zeit stirbt aus! Es wird nie wieder eine Generation geben, die so an den Kommunismus geglaubt hat wie wir.“

Das Buch „Ein Doppelleben zwischen Pflicht und Neigung“ von Eckhart J. Gillen erschien im Dresdner Kunstblatt-Verlag, hat 183 Seiten, 155 Abbildungen, 29,95 Euro.

Von Marlies Schnaibel

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