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Havelland Jeder Esel hat eine Geschichte
Lokales Havelland Jeder Esel hat eine Geschichte
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07:46 05.04.2017
Christine Möller inmitten ihrer Schützlinge. Viele Esel ihrer Herde kommen von überforderten Haltern. Quelle: Laura Sander
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Paaren im Glien

Gemütlich zupfen Donkey und Ikarus Heu aus dem großen Ballen, mampfen munter vor sich hin. Die Sonne scheint den beiden Eseln dabei auf den Rücken, Hündin Chorky tänzelt ihnen um die Beine. Zu stören scheint es die beiden nicht – in ihrem Gehege auf dem Gelände des MAFZ-Erlebnisparks fühlen sie sich sichtlich wohl. Beide Tiere kamen, wie die meisten Mitglieder ihrer Herde, die mittlerweile 24 Esel und ein hochbetagtes Pferd umfasst, aus nicht artgerechter Haltung.

Der Aufwand wird häufig unterschätzt

„Viele Menschen unterschätzen den Aufwand, den ein Esel mit sich bringt. Sie können eben nicht wie Pferde gehalten werden“, so Christine Möller von den Esel-Freunden in Paaren im Glien. „Neuerdings werden Esel sogar als Wolfsabwehr eingesetzt und stehen den ganzen Tag mit den Schafen und ohne Artgenossen auf der Weide. Sie haben keinen Fluchttrieb, greifen sogar an, wenn es nötig ist, zudem sind sie vermeintlich günstiger als ein Hund, so der Irrglaube“, sagt die Esel-Freundin. Dass die häufigste Todesursache bei Eseln eine falsche Ernährung ist und dass Krankheiten entstehen, wenn ständige Feuchtigkeit auf das nicht wasserdichte Fell der Tiere trifft, ist vielen nicht bekannt. „Wir sind eine offizielle Pflegestelle des Veterinäramtes und deutschlandweit in der Esel-Nothilfe aktiv. Teilweise haben Besitzer eingesehen, dass sie sich mit der Haltung übernommen haben und brachten die Tiere persönlich vorbei – jeder Esel hat seine Geschichte“, so Möller.

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Mit Sir Henry fing alles an

Ihre Liebe zu Eseln nahm für Christine Möller zu Beginn der 1990er-Jahre ihren Anfang. „Ich komme aus dem Reitsport und habe immer Pferde gehalten. Irgendwann kam mein erster Esel Sir Henry dazu, der sich bis heute einbildet, er sei ein Pferd“, lacht Möller. Bis 2001 musste Sir Henry noch ohne Artgenossen auskommen, dann kam die Grüne Woche. „Ich wurde gefragt, ob ich eine Schauvorführung mit Eseln vorbereiten könne, also lieh ich mir sechs Esel aus, die ich auf Wiesen in der Umgebung entdeckte. Zwei blieben danach gleich bei mir – sie waren in einem sehr schlechten Zustand“, so die 55-Jährige. Jedes Jahr kam so mindestens ein Esel hinzu. Viele Informationen zur artgerechten Haltung der Tiere gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Einiges habe ich im Internet zusammengesucht. Viel Input bekam ich auf einem Treffen der Interessengemeinschaft für Esel- und Mulifreunde, die ich seither besuche.“

Veranstaltungen und Finanzierung

Seit 2012 sind die Esel-Freunde ein eingetragener gemeinnütziger Verein, die Finanzierung ist seit jeher ein heikles Thema. „Die Versorgung der Tiere muss gesichert sein, was übrig bleibt investieren wir in größere Anschaffungen. Reich kann man mit der Esel-Haltung definitiv nicht werden.“ Neben Spenden, die der Verein mit seinen derzeit 17 Mitgliedern durch Esel-Patenschaften bekommt, finanzieren sich die Esel-Freunde weitestgehend selbst. „Wir veranstalten regelmäßig Seminare zur Esel-Haltung und sind auf Veranstaltungen unterwegs. Esel-Reiten für Kinder oder ganze Wanderungen mit den Tieren gehören dazu.“ Kindergeburtstage oder Besuche in Altenheimen macht Möller jedoch nur mit ausgewählten Eseln. „Sie fahren sogar Fahrstuhl – das geht nur über das Höchstmaß an Vertrauen“, so die Esel-Freundin, die auch auf den meisten Veranstaltungen des MAFZ-Erlebnisparks mit ihren Eseln präsent ist und über die Arbeit des Vereins informiert. Das jährliche Highlight ist das große Esel- und Mulitreffen mit der traditionellen Esel-Weihe, das alle drei Jahre auch in Paaren begangen wird.

Irrglaube, der den Tieren schadet

Ein Esel kann nicht wie ein Pferd gehalten werden. Da die Tierart ursprünglich aus den Halbwüsten Asiens und Afrikas stammt, sind die Tiere das fette Futter grüner Wiesen und zu viel Feuchtigkeit nicht gewohnt. Sie werden krank davon.

Auch kann ein Esel, so ein weit verbreiteter Irrglaube,nicht unendliche Lasten tragen. Höchstens mit 20 Prozent des eigenen Körpergewichtes sollte ein Tier belastet werden. Warum die Tiere trotzdem zu schwere Lasten über weite Strecken tragen, liegt an ihrer Geduldigkeit. Sie halten es einfach aus. Ein Pferd würde sich wehren.

Derzeit hat Christine Möller, die mit Hilfe der Vereinsmitglieder und weiterer ehrenamtlicher Helfer die Pflege und Versorgung der Tiere alleine übernimmt, Unterstützung von der 23-jährigen Nicole Vollbrecht. Die gelernte Tierpflegerin ist über das 100-Stellen-Programm des Landkreises Havelland bei den Esel-Freunden beschäftigt. „Ihre Stelle wurde gerade für weitere 12 Monate verlängert. Das freut mich sehr, sie ist mir eine große Hilfe.“ Einzige Auflage des Programms: Möller ist verpflichtet die 23-Jährige nach Ablauf des zweiten Förderjahres sechs Monate zu den gleichen Konditionen beschäftigen. „Das kann sich der Verein nicht leisten. Wir müssen uns etwas überlegen, damit Nicole bleiben kann“, so Möller entschlossen.

Von Laura Sander