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Ketzin Wie Ortschronistin Ilse Krey ihre Liebe zur Heimatgeschichte entdeckte
Lokales Havelland Ketzin Wie Ortschronistin Ilse Krey ihre Liebe zur Heimatgeschichte entdeckte
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14:36 27.03.2019
Will Geschichte für andere festhalten: Die Tremmener Ortschronistin Ilse Krey mit ihrer Sammlung historischer Texte.
Will Geschichte für andere festhalten: Die Tremmener Ortschronistin Ilse Krey mit ihrer Sammlung historischer Texte. Quelle: Tobias Wagner
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Brandenburg/H

Eine alte Volksweisheit sagt „Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft und wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.“ Getreu diesem Motto beschäftigt sich Ilse Krey seit über 20 Jahren mit der Geschichte der Ortschaft Tremmen, Ortsteil der Stadt Ketzin im Havelland. Bis die heute 76-jährige Hobby-Historikerin jedoch ihre Liebe zur Geschichte entdeckte, mussten viele Jahre ins Land gehen.

„Ich habe über 55 Jahre in Tremmen gelebt und scheinbar nichts vom Ort gewusst“, gesteht Krey. Erst eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) stellte die Weichen für ein Hobby, dessen Faszination die Chronistin trotz familiärer Aufgaben und einem Herzinfarkt nicht mehr losließ.

Trotz persönlicher Rückschläge bleibt die Hobby-Historikerin dem Thema Geschichte treu.

Geboren am 3. Mai 1943 im schlesischen Grändorf, dem heutigen Granowice in der südpolnischen Woiwodschaft Niederschlesien, floh Krey mit ihrer Familie zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach Brandenburg. „Uns wurde damals gesagt, dass wir nach Tremmen gehen sollen, da es früher als reiches Großbauerndorf galt“, erinnert sich die Chronistin. Der Flüchtlingstreck von etwa 50 Personen verteilte sich 1946 nach der Ankunft im Ort, der fortan die Heimat Kreys werden sollte.

Sie lernte den Beruf der Kindergärtnerin, leitete den Kindergarten in Tremmen und besuchte als Fachberaterin für Vorschulerziehung die Einrichtungen der Region, um deren Arbeitsweise zu kontrollieren und gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge zu geben.

Nebenbei studiert

„Nach der Wende wurde aus der Abteilung Volksbildung der DDR dann das Jugendamt“, sagt Krey. „1991 studierte ich zwei Jahre nebenbei und wurde Sozialpädagogin.“ Doch das Schicksal hatte einen anderen Plan.

Durch den schlechten Gesundheitszustand der Mutter ihres Mannes Franz, einem originalen Tremmener, mit dem sie seit fast 60 Jahren verheiratet ist, ließ sich Krey von ihrem Beruf freistellen. „Ich musste mich damals entscheiden – entweder ich kümmere mich um die Familie oder ich arbeite.“

Betreuung der Senioren

Die Entscheidung fiel jedoch nicht schwer, und so ging Krey 1995 in die Arbeitslosigkeit, um sich um die Schwiegermutter kümmern zu können. Zu diesem Zeitpunkt betreute sie zusätzlich Senioren des Ortes, eine ehrenamtliche Tätigkeit, die sich später noch als nützlich herausstellen sollte.

Innerhalb einer ABM-Stelle kam es dann zum ersten Kontakt mit der Historie Tremmens. „Ich sollte damals Material zur Geschichte des Ortes sammeln“, erinnert sie sich. „Das war Neuland für mich und ohne Fahrplan wusste man nicht, wie so etwas überhaupt angegangen werden soll.“

Zuerst besuchte sie die Kreisarchive, das Domstiftsarchiv in Brandenburg an der Havel und das Staatsarchiv in Potsdam. Zudem sprach Krey mit den Senioren des Ortes.

Dorfmuseum Tremmen

Die heimatkundlichen Schriften von Ilse Krey bekommt man im Tremmener Dorfmuseum.

Nach der Winterpause öffnet das Museum am 7. April wieder – bis zum 27. Oktober an den Wochenenden und Feiertagen von 13.30 bis 17 Uhr.

Das Museum befindet sich in der Heerstraße 6, 14669 Ketzin/Havel, Ortsteil Tremmen.

Mehr über das Museum unter www.museumtremmen.de

„Ich kannte sie ja alle schon durch meine ehrenamtliche Betreuung“, sagt sie. „Da merkt man erst, welches Erinnerungsvermögen diese Menschen haben, die sich unter anderem noch teilweise genau an Begebenheiten aus den 1920er Jahren erinnern konnten.“

So vergrub Napoleon gemäß einer Tremmener Legende seine Kriegskasse auf einem Hügel in der Nähe des Ortes. „Viele Zeitzeugen berichteten, wie sie als Kinder zu diesem Hügel zogen und nach den Schatz suchten“, erzählt Krey schmunzelnd. Gefunden habe den Schatz bis heute niemand.

Mithilfe des Zeitzeugen-Materials entstand in den Jahren eine beachtliche Datensammlung zur Tremmener Historie, die die Chronistin in Sachbereiche wie Straßen- und Postwesen, Handwerk und Kirche unterteilte.

Fundstück in der alte Schulchronik

„Irgendwann erkannte ich, welch wechselhafte und interessante Geschichte die Ortschaft besitzt“, sagt sie. „Das reizte mich einfach, da weiter zu machen.“ Und so stieß sie während ihrer Recherchen auch auf die Tremmener Schulchronik, in der unter anderem die Ankunft ihres Flüchtlingstrecks 1946 vermerkt wurde. Für Krey schloss sich dort der Kreis zwischen eigener Vergangenheit und Hobby.

Wenig später veröffentlichte sie ihr erstes von bisher insgesamt sechs Heften zur Geschichte Tremmens, die alle unterschiedliche Seiten der Ortshistorie beleuchten. Die Schriften behandeln die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr Tremmen, das Handwerk und Gewerbe, die Kirchenhistorie, führen auf einen Streifzug durch die Jahrhunderte und verdeutlichen mithilfe eines Bilderbogens alter und aktueller Fotografien die Entwicklung der Ortschaft.

Der erste Teil der Tremmener Schulchronik behandelt die Zeit zwischen 1865 bis 1959, Material für den zweiten Teil liegt schon bereit. Quelle: Tobias Wagner

Das letzte veröffentlichte Heft ist der erste Teil einer Schulchronik, die die Zeit zwischen 1899 bis 1999 thematisiert. „Das Material für den zweiten Teil liegt bereits vor“, erläutert sie. „Allerdings werde ich wegen meines Herzinfarktes etwas kürzer treten.“

Nach den Infarkt im vergangenen Jahr musste die Chronistin zusammen mit ihrem Mann im Februar das gemeinsame Haus in Tremmen verlassen. Das Paar wohnt nun in einer altersgerechten Mietwohnung in Ketzin. Tremmener bleiben sie jedoch weiterhin: „Mein Mann und ich waren zu lange mit dem Ort verbunden – Wir treffen uns dort nach wie vor mit Freunden und veranstalten regelmäßig Führungen durch das Dorfmuseum.“

Schließlich sorgte die Chronistin maßgeblich für dessen Aufbau, ihre Hefte waren oft gleichzeitig thematisch mit den Sonderausstellungen des Museums verbunden. „Bei einer weiteren ABM-Tätigkeit zwischen 1998 und 2000 half ich das Museum einzurichten“, erinnert sich Krey.

Mitbegründerin des Fördervereins

„Aufgrund dessen ist man auf mich zugekommen und 1998 gründeten wir daraufhin den Verein „Förderkreis Dorfmuseum Tremmen.“ Diesem diente sie jahrelang als stellvertretende Vorsitzende.

Ihr Hobby sieht sie dabei stets als Anreiz für ihre Leser: „Vielleicht befassen diese sich dadurch auch weiterhin mit Geschichte“, so die Chronistin. „Man selbst kann dabei nur einen kleinen Wegweiser in die Historie bieten, was der Leser daraus macht liegt an ihm.“

Die positive Resonanz auf ihre Hefte spreche jedoch für sich: „Man merkt, dass die Arbeit nicht umsonst war“, schließt Krey ab. „Das ist ein weiterer Ansporn immer weiter zu machen.“

Von Tobias Wagner