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Milower Land 60 Jahre alte Brücke wird vor Neubau abgerissen
Lokales Havelland Milower Land 60 Jahre alte Brücke wird vor Neubau abgerissen
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18:00 30.01.2020
Die damals neue Betonbrücke ist ab 1959 von der alten Holzbrücke (links) aus gebaut worden. Quelle: Archiv Winfrid Ganzer
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Milow

Der Zufall hat es so gefügt, dass die Milower Havelbrücke genau 60 Jahre alt ist, wenn sie abgerissen wird. Bekanntlich wird die alte Brücke jetzt durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt. Sobald der Frühling da ist, soll zuerst östlich neben der jetzigen Überführung eine einspurige Behelfsbrücke errichtet werden, über die der Verkehr dann während der Bauarbeiten in wechselnder Richtung per Ampelregelung geleitet wird.

Der Milower Ortsvorsteher Winfrid Ganzer hat schon seit vielen Jahren alte Fotos, Texte und Dokumente über die Geschichte seines Heimatortes gesammelt und von 2016 bis 2019 drei thematisch geordnete Chroniken mit vielen Bildern über Milow in Buchform herausgegeben.

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Ortsvorsteher Winfrid Ganzer hat in den letzten Jahren in drei Büchern das Wissen über die Geschichte von Milow zusammen gefasst. Quelle: Bernd Geske

Dabei hat sich für ihn im vergangenen Jahr der unerwartete Glücksmoment ergeben, dass ein ehemaliger Handball-Kollege aus Bützer ihn überraschend in Kontakt brachte mit Wolfgang Rudolph, der ab 1959 der Bauleiter für die Milower Spannbetonbrücke war. Der übergab Winfrid Ganzer ein ganzes Album mit Original-Fotos von den Bauarbeiten und schenkte ihm außerdem eine Ausgabe der Fachzeitschrift „Bauplanung und Bautechnik“ vom September 1961, in der die Bauarbeiten bei Milow genau beschrieben werden.

Die durchaus interessante Vorgeschichte der jetzigen Brücke muss aus Platzgründen hier leider nur kurz abgehandelt werden. Wie Winfrid Ganzer berichtet, ist an der Stelle 1742 erstmals ein Fährbetrieb erwähnt worden. Landesherren, Gutsbesitzer, Fischer, Fährleute und andere Beteiligte hätten aus Eigennutz kein Interesse an einer Brücke gehabt – doch für viele Milower sei das ein alter Traum gewesen.

Im Dezember 1960 ist die neue Betonbrücke für den Verkehr freigegeben worden. Quelle: Archiv Winfrid Ganzer

1945 versenkten dann Soldaten der zurückweichenden deutschen Wehrmacht die Fähre. Kräfte der nachrückenden Sowjetarmee errichteten bald danach mit zwangsverpflichteten Milowern eine Pontonbrücke. Als die Fähre gehoben war, ging ihr Betrieb an die Gemeinde über. Im Herbst 1948 begann tatsächlich der Bau einer Holzbrücke, die 1950 ihrer Bestimmung übergeben wurde. Damit war der Fährbetrieb an dieser Stelle dann zu Ende.

Da die Holzbrücke nur für eine Nutzungsdauer von zehn Jahren ausgelegt war, zeigte sie sich schon deutlich angenagt, als im April 1959 der Bau der Spannbetonbrücke begann. Das damals noch häufiger vorkommende Eis auf dem Fluss hatte Schäden hinterlassen. Abwässer aus dem Premnitzer Chemiefaserwerk sollen für das Holz auch nicht gut gewesen sein.

So sieht die Milower Brücke heute aus. In Vorbereitung der Bauarbeiten sind im Umfeld vor Kurzem schon jede Menge Bäume gefällt worden. Quelle: Bernd Geske

Wie im Beitrag der Fachzeitschrift steht, sollte die neue Betonbrücke die an der Stelle 85 Meter breite Havel überspannen und für den damals noch regen Schiffsverkehr zwischen den beiden Pfeilern im Fluss einen Freiraum von 40 Metern lassen. Der Baugrund wird als „günstig“ beschrieben. Eine Fachkommission habe entschieden, dass nach den damaligen Richtlinien eine sechs Meter breite Fahrbahn geschaffen werden sollte, der auf beiden Seiten ein Gehweg von jeweils 1,30 Meter angefügt wird. Es sollte die Möglichkeit gelassen werden, später durch Versetzen der Bordsteine die Fahrbahn auf 7,50 Meter zu verbreitern.

Die vorhandene alte Holzbrücke wurde genutzt, um von dort aus auf der östlichen Seite die neue Betonbrücke zu errichten. Dafür wurde zunächst ein Lehrgerüst, so die Fachsprache, gebaut. 575 Kubikmeter Beton wurden für den Unterbau gebraucht, 582 Kubikmeter gingen in den Überbau. 25,3 Tonnen Spannstahl wurden eingesetzt.

Jeweils 68 Arbeitskräfte haben die insgesamt 32 Spannglieder von 85,40 Metern Länge vorsichtig eingesetzt. Quelle: Archiv Winfrid Ganzer

Hierbei kam es zu einer interessanten Besonderheit: Das Einsetzen der insgesamt 32 Spannglieder von je 85,40 Metern Länge musste sehr vorsichtig von Hand erfolgen, damit diese genau ihre Form behalten. Dokumentiert ist, dass 68 Arbeitskräfte gleichzeitig jedes Spannglied aus der Montagehalle an Land auf die Rohbrücke trugen und einsetzten. Die große Knickgefahr habe ein „sehr gleichmäßiges Aufnehmen und Ablegen“ erfordert.

Die Betonierungsarbeiten haben im Drei-Schicht-Betrieb drei Tage gedauert. Während dieser Zeit und noch zehn Tage danach wurde der Schiffsverkehr gesperrt, um Schäden durch einen möglichen Anprall gegen das Lehrgerüst auszuschließen. „Die bei diesem Bauwerk gemachten Erfahrungen“, lautet das Resümee des Fachbeitrags, „werden zweifellos zu einer weiteren Verbesserung der Projektierung und Ausführung von Spannbetonbauwerken beitragen.“ Im Dezember 1960 ist die neue Milower Brücke ohne großes Brimborium für den Verkehr freigegeben worden.

Von Bernd Geske