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Milower Land Das Zander’sche Erbe auf dem Dachboden
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20:07 19.11.2018
Das Wohnhaus der Familie Zander in der Schulstraße 8 nutzt jetzt die Feuerwehr Nitzahn. Quelle: Uwe Hoffmann
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Zollchow

Vor über einem Jahr beschloss die Gemeindevertretung Milower Land, die vorhandenen Chroniken der zehn Ortsteile digitalisiert online zu stellen und zu ergänzen. Vor wenigen Jahren wurden besondere „Fundstücke“ aus der Geschichte des Ortes Nitzahn bekannt. Christian F. Zander, der seit der Flucht seiner Eltern 1953 in den Westen in Freiburg im Breisgau lebt, veröffentlichte 2015 ein Buch mit Dokumenten, Urkunden und vielen Dutzenden Briefen aus zwei Jahrhunderten, die sein Vater Georg Zander im Juli 1945 im Haus seiner Eltern in einem großen Karton, entdeckte und rettete.

Tragische Momente

Jetzt las Christian Zander, von Beruf Schreiner und studierter Germanist und Politikwissenschaftler, im Rahmen einer Ortsbeiratssitzung im Zollchower Dorfgemeinschaftshaus, einige Passagen aus der tragischen Geschichte seiner Familie und der des Dorfes Nitzahn.

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Thema der 40-minütigen Lesung war die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Bodenreform, die am 3. September 1945 in der damaligen Provinz Sachsen beschlossen wurde. Bis zur Abschaffung der Länder in der DDR und der Kreisreform 1952 gehörten die Orte im Milower Land, wie auch Nitzahn zum Landkreis Jerichower Land II, mit der Kreisstadt Genthin. „In lediglich fünf der zehn Chroniken der Ortsteile des Milower Landes aus dem Jahr 1993 finden sich wenige Sätze, mit geringen Informationen, zur Bodenreform 1945“, so Gemeindevertreter Holger Schiebold, der die Chroniken digitalisiert hat. „Damit sind die auch aus dieser Zeit erhalten Briefe der Familie Zander ein reicher Schatz.“

Holger Schiebold, Autor Christian F. Zander und Gemeindevorsteher Wolfgang Gräfe (von links). Quelle: Uwe Hoffmann

Vier Familien „Zander“ gab es ehemals in Nitzahn. Seit 1646 sind die Vorfahren Christian Zanders als Lehens- und Gemeindeschulzen der zum Rittergut Plaue gehörenden Dörfer und Ländereien urkundlich nachgewiesen. 1798 kaufte die Familie das Gut mit 158 Hektar Land, das sie zuvor in Nitzahn verwaltete.

1865 wurde das Amt des Schulzen abgeschafft. „Als die Rote Armee am 5. Mai 1945 bei Bahnitz über die Havel setzte, und einen Tag später, nach Kämpfen, auch Nitzahn besetzten, wurde das Haus meines Großvaters Ernst Zander in der Schulstraße 8 von den Russen beschlagnahmt“, schildert Enkel Christian Zander.

Familie wurde enteignet

Großvater Zander, seine Frau und seine Tochter töteten sich noch im Mai selbst. Zanders Vater Georg war zu dieser Zeit in Halle/Saale Verwalter des Stadtguts Beesen. Im Juli 1945 erfuhr Georg durch einen Brief von den Ereignissen in Nitzahn. Dort fand er Wohnhaus und Hof geplündert und leer vor. Auf dem Dachboden fand er den großen Karton mit den Dokumenten. Mit der Bodenreform wurde die Familie enteignet.

So erging es im Landkreis Jerichower Land 86 Großgrundbesitzer und Großbauern sowie 34 Naziaktivisten und Kriegsverbrechern. 43 820 Hektar Land wurden an 7123 Menschen, darunter 3391 Neubauern, vergeben.

Holger Schiebold hat sich die Mühe gemacht und die Geschichte der Ortsteile der Gemeinde Milower Land digitalisiert. Nun kann jeder die Chronik auf der Homepage der Gemeinde einsehen. Quelle: Christin Schmidt

„Durch geförderte Stellen wurden 1993 die Chroniken der Orte im Milower Land zusammengetragen“, erinnerte Holger Schiebold.Bisher sind 4000 Seiten digitalisiert. „Wir suchen immer noch Dokumente, wie Urkunden oder Briefe, Fotos sowie weiteres Material, das die Einwohner noch zuhause haben, dass wir einscannen können, um die bereits erstellten Chroniken zu ergänzen.“

Das informative, mehr als regionalgeschichtlich bedeutende Buch, Christian F. Zander „Fundstücke. Dokumente und Briefe einer preußischen Bauernfamilie (1747-1953)“ erschien, als Band 27 der Reihe „Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, 2015 im Verlag Dr. Kovač, Hamburg.

Von Uwe Hoffmann