Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Milower Land Zu Besuch im Atelier des Malers Ulrich Bülhoff
Lokales Havelland Milower Land Zu Besuch im Atelier des Malers Ulrich Bülhoff
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:12 18.06.2018
Der Maler Ulrich Bülhoff vor seinem Bahnitzer Atelier.
Der Maler Ulrich Bülhoff vor seinem Bahnitzer Atelier. Quelle: Markus Kniebeler
Anzeige
Bahnitz

Als Ulrich Bülhoff vor mehr als 25 Jahren zum ersten Mal nach Bahnitz kam, da hatte er das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Aus Berlin war er angereist, hatte in Kützkow die Fähre genommen, und nun stand er da, an einem schönen Sommertag, und staunte: Über den weiten Himmel, das Wasser, die Stille. Von Entschleunigung, einem Modewort der heutigen Zeit, war damals noch nicht die Rede. Aber sie gab es schon, in Bahnitz. „Es war ein Gefühl wie im Urlaub“, erinnert sich Bülhoff. Und dieses Gefühl war einer der Gründe, warum er und seine Frau den Entschluss fassten, das Haus in der Dorfstraße 7 zu erwerben.

Seit 1993 lebt der Architekt und Maler Ulrich Bülhoff in Bahnitz. In einer ehemaligen Scheune entstehen seine ausdrucksstarken Gemälde: Abstrakte Landschaften, Porträts, Industriebilder. In Skizzenbüchern hält er Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen fest.

Als Architekt hat sich der 68-Jährige in Berlin einen Namen gemacht. War in verschiedenen Architekturbüros tätig, hat in der Senatsbauverwaltung gearbeitet, wirkte an der „Bauausstellung Berlin 1984/87“ mit und ist seit 1993 selbstständiger Architekt und Energieberater.

Die Malerei darf in diesem Lebenslauf nicht fehlen, auch wenn Bülhoff sie nie zum Hauptberuf gemacht hat. „Aber ohne ginge es nicht“, sagt er. So wie andere Leute Tagebuch schreiben, hält Bülhoff das, was ihn bewegt, zeichnerisch fest. Mit Mischtechniken (Acryl, Kohle, Pastell) auf Leinwand. Und in Skizzenbüchern, in denen er Erlebnisse, Begegnungen, Gedanken mit leichtem Strich zu Papier bringt.

Der Vater hatte sich als Kunstsammler einen Namen gemacht

Die Affinität zur Kunst war früh da. Kein Wunder bei einem Vater, der sich als Kunstsammler einen Namen gemacht hat. „Ich habe schon als Jugendlicher gerne gemalt“, sagt Bülhoff, der im westfälischen Hamm groß geworden ist. Und heute, wo er die Freiheit hat, die beruflichen Anforderungen zurückzufahren, steht er öfter an der Leinwand als zuvor.

Wer die Gemälde Bülhoffs betrachtet, der kann den Architekten erkennen. „Formen und Strukturen interessieren mich mehr als eine realistische Genauigkeit“, sagt er. Als „abstrakte Landschaften“ bezeichnet Bülhoff viele seiner Bilder, die durchaus inspiriert sind von der Landschaft, in der der Maler lebt.

Der Havelbogen bei Bahnitz – gemalt von Ulrich Bülhoff. Quelle: Markus Kniebeler

Ein Bild vom Havelbogen bei Bahnitz zeigt gezackte Weiden vor einem dramatischen Himmel. Davor die gefluteten Havelwiesen in einem intensiven Rot. Bedrohlich wirkt das – vor allem weil Bülhoff einen Geier am linken Bildrand postiert hat. Oder verletzlich. Rot wie Blut – ein Symbol für die Verwundbarkeit der Natur. Möglich. Vielleicht assoziieren andere Betrachter anderes.

Ulrich Bülhoff ist nicht der Typ, der vorschreibt, was jemand zu sehen hat. Was er benennen kann, sind die Motive, die ihn an die Leinwand treiben. „Meine Bilder sind ein Reflex auf die widersprüchliche Welt, aber keine Reflexion im Sinne einer politischen Haltung“, sagt er. „Sie weisen auf den dialektischen Charakter der Natur hin, in dem Gut und Böse gleichberechtigt neben-einander stehen.“

Schönheit und Gewalt

Wer die mit expressivem Strich gemalten Bilder betrachtet, der sieht das Schöne. Und erkennt gleichzeitig die Gewalt. Imposant und intensiv wirkt die Stadtsilhouette im rötlichen Abendlicht – von einem nach oben blickenden Betrachter gesehen. Und dann schiebt sich ein schwarzer Flugzeugschatten ins Bild. Um zu fühlen, wie weit weg dieses Gemälde von einer heilen Welt ist, muss man den Title des Gemäldes gar nicht kennen: Apokalypse – Golfkrieg I. „Schönheit ist nicht mehr widerspruchsfrei als nur schön zu empfinden“, sagt Bülhoff. Diese Widersprüchlichkeit macht er in seinen Bildern oft zum Thema.

Zur Person: Ulrich Bülhoff

Ulrich Bülhoff wurde 1949 in Hamm/Westfalen geboren.

Nach dem Architekturstudium in Aachen und Berlin in den 70er Jahren Mitarbeit in diversen Architekturbüros und in der Senatsbauverwaltung Berlin. Unter anderem Mitwirkung an der „Internationalen Bauausstellung Berlin 1984/87“.

Seit 1993 freiberuflich als Architekt und Energieberater tätig.

Kontakt zur Kunst schon in frühen Jahren über die Kunstsammlung des Vaters. Autodidaktische Aneignung von Malerei- und Collagetechniken, angeregt durch Kurse bei den Berliner Künstlern Hans Stein und André Woron.

Er lebt seit Mitte der 90er Jahre in Bahnitz. Kleinere Ausstellungen in Berlin. 2016 Beteiligung an der Ausstellung „Schatten des Krieges“ in der Kunsthalle Bahnitz.

Am 11. April 2019 wird im Rathenower Kulturzentrum eine Ausstellung mit Werken Ulrich Bülhoffs eröffnet.

Wer nun denkt, dass in Bülhoffs Atelier, das früher übrigens eine Scheune mit angrenzendem Bullenstall war, nur schwere Themen gewälzt werden, der irrt. Dass hier jemand am Werk ist, der eine ganz ursprüngliche Freude daran hat, seine Kreativität auszuleben, erkennt man auf den ersten Blick. Das Malen als Spiel mit Farbe und Form, als lustvoller, energiegeladener Akt, der auch ohne bedeutungsschwere Symbolik funktioniert.

Die tropischen Streifenfische etwa, die Bülhoff nach einem Neuseeland-Urlaub gemalt hat, sind, was sie sind: Tropische Streifenfische in schillernden Farben. Und die Rockergang, die im selben Urlaub den Weg Bülhoffs zwei Mal kreuzte, findet sich im Skizzenbuch wieder: eine stiernackige Männerhorde auf staubiger Straße. Ein flüchtiger Augenblick, den Bülhoff mit dem Pinsel vor dem Vergessen bewahrt hat.

In Skizzenbüchern hält Bülhoff Gedanken, Erlebnisse, Erinnerungen fest. Quelle: Markus Kniebeler

Dass er Bahnitz zum Malen braucht, dass er nur hier die Ruhe findet, kreative Energie zu entwickeln, bestreitet Bülhoff. Ist im ein bisschen zu viel des Pathos. Und widerspricht seiner Interpretation vom künstlerischen Schaffensprozess. „Die Auseinandersetzung mit einem Thema findet im Kopf statt. Egal, an welchem Ort sich dieser befindet.“ So einfach ist das – und so wahr. Irgendwann sagt er dann doch, dass das, was im Kopf ist, sich in einer entschleunigten Situation – Stichwort Bahnitz – gut ausdrücken lässt. Vielleicht will er einfach nur seine Ruhe haben vor dem insistierenden Reporter, der den Ort und die Kunst unbedingt zusammenbringen will.

Aber eines bestreitet Bülhoff nicht: Dass das Gefühl, das er hatte, als er vor mehr als 25 Jahren zum ersten Mal nach Bahnitz kam, immer noch nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat. Das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Eine Welt, in der – obwohl alle Widersprüche des Lebens in ihr präsent sind, alle Freude und alle Grausamkeit – das Schwere von einem abfällt.

Von Markus Kniebeler