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Nauen Havelland: Inzidenz bei Schülern über 1000 – Sorgen bei Eltern und Schulen steigen
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Havelland: Inzidenz unter Schülern über 1000 – Teststratgie der Schulen - Wut bei den Eltern

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19:52 19.11.2021
Ohne Negativtest kein Zutritt: Am Nauener Campus überprüfen die Lehrer vor dem Schuleingang die Testbescheinigungen.
Ohne Negativtest kein Zutritt: Am Nauener Campus überprüfen die Lehrer vor dem Schuleingang die Testbescheinigungen. Quelle: Laura Sprave
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Havelland

Havelländer Eltern schlagen Alarm. Sie sorgen sich angesichts der Corona-Rekordzahlen um die Gesundheit ihrer Kinder. Im Havelland lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Freitag bei 346,7, in der Altersgruppe der Zehn- bis 14-Jährigen gar bei 1029. „Ich schicke meine Söhne jeden Tag mit einem unguten Gefühl in die Schule. Es war lange genug Zeit, sich auf diese Situation vorzubereiten, es wurde immer wieder vor der vierten Welle gewarnt. Unsere Kinder sitzen immer noch mit dicken Jacken in den Klassenräumen, weil für das Lüften mit offenen Fenstern bis heute keine Alternative gefunden wurde“, schimpft ein Vater aus Nauen, der nicht namentlich genannt werden will. „Das Land hat versagt. Es wurde zum zweiten Mal verschlafen, die Schulen auf die kalte Jahreszeit mit Corona vorzubereiten.“

Testrhythmus seit 15. November von zwei Mal auf drei Mal wöchentlich erhöht

Das derzeit für die Schulen vorgegebene Testprozedere halte er nicht für ausreichend. Zumal „viele der ausgegebenen Tests mangelhaft und unvollständig seien“, wie er selbst schon erlebt habe. Hinzu kommt: „Offenbar verfügen nicht alle Schulen über ausreichend Vorräte an Tests, die sie an die Schüler ausgeben können. Was passiert denn, wenn die Tests nicht mehr reichen?“. Seit Montag dieser Woche müssen sich ungeimpfte Schülerinnen und Schüler sowie Beschäftigte an den Schulen statt wie zuvor zwei- mal in der Woche dreimal wöchentlich testen. Ohne negatives Testergebnis ist das Betreten der Schule laut Bildungsministerium untersagt. Vollständig geimpfte sowie genesene Personen sind den Getesteten dabei gleichgestellt.

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Eine MAZ-Nachfrage an Schulen im Havelland ergab: Die Sorgen der Eltern sind durchaus berechtigt. So könnten die Testvorräte am Nauener Leonardo-da-Vinci-Campus in den nächsten Tagen tatsächlich knapp werden. Getestet werden müssen dort regelmäßig 1200 Schüler an Grund- und Gesamtschule sowie am Gymnasium. „Unsere Vorräte reichen noch bis zum 3. Dezember. Was ab dem 6. Dezember passiert, wissen wir noch nicht“, sagt Campus-Sprecherin Laura Sprave. „Wir haben jetzt beim Staatlichen Schulamt in Neuruppin 4500 Tests nachgeordert“, ergänzt sie. „Ob die kommen, und ob sie rechtzeitig kommen, ist offen.“ Die Erfahrungen mit den Anlieferungen in der Vergangenheit würden vermuten lassen, dass der Termin nicht eingehalten werde. Zu berücksichtigen sei jedoch, „dass wir den Kindern die Tests immer eine Woche im Voraus mit nach Hause geben.“ Erschwerend für den Nauener Campus zudem: Für die Kinder in der Campus-Kita sind keine sogenannten „Lollitests“ mehr vorhanden. Hier müssen nun „normale Tests“ zum Einsatz kommen. „Auch das heißt: Wir brauchen noch mehr Tests“, so Sprave.

Schulen klügeln Logistik zum Anlegen von Coronatest-Vorräten aus

In der Ketziner Grundschule verhält es sich ähnlich. „Noch reichen die Tests aus, weil wir welche auf Vorrat angesammelt haben“, berichtet die kommissarische Schulleiterin Claudia Killa. Auch die Europaschule habe mit Bekanntwerden der Maßgabe, zukünftig dreimal pro Woche testen zu müssen, nachgeordert.

Der Zutritt zu den Schulen, so wie hier zur Oberschule in Elstal, ist nicht mehr ohne Hygienemaßnahmen möglich. Quelle: Jens Wegener

Teil der älteren Schüler bereits geimpft – das entlastet die Testabläufe an Schulen

„Bis Weihnachten kommen wir hin, dann ist Nachschub nötig“, sagt unterdessen die amtierende Leiterin der Elstaler Heinz-Sielmann-Oberschule, Karsta Höft, mit Blick auf die vorhandenen Testkapazitäten. Sie sei froh, in den letzten Wochen ein gewisses Lager für die Tests angelegt zu haben. „Erfreulich ist bei uns auch die recht hohe Impfquote bei den älteren Schülern, so dass sich nicht alle 330 Schüler testen lassen müssen. Wir brauchen pro Woche etwa 700 Tests, inklusive der für die Lehrkräfte.“

Kontrolle der Testergebnisse ist für die Schulen eine logistische Herausforderung

Die Testergebnisse der Schülerinnen und Schüler zu kontrollieren, ist unterdessen eine hohe logistische Herausforderung. „Jeden zweiten Morgen stehen um 7.30 Uhr zwei Lehrer an den beiden Schul-Eingängen und lassen sich von den Schülern die von den Eltern ausgefüllten Testzettel zeigen“, beschreibt Karsta Höft das Prozedere. „Zwei Klassenstufen rücken parallel ins Schulgebäude ein. Die anderen warten auf dem Schulhof.“ Hat ein Kind oder Jugendlicher den Zettel vergessen, werden die Eltern angerufen. „Manche Elstaler schicken wir nach Absprache mit den Eltern dann zurück nach Hause, um den Zettel zu holen“, so Höft. Wer keinen Test vorweisen kann, kann sich in der Schule unter Aufsicht selbst testen. „Solange, bis das negative Ergebnis vorliegt, darf der Schüler oder die Schülerin nicht in die Klasse.“ Vom Bildungsministerium gibt es für das Nichtvorliegen eines negativen Testergebnisses eine klare Vorgabe: Die betroffenen Schülerinnen und Schüler müssen die Lernzeit dann zu Hause verbringen und von der Schule mit Lernaufgaben versorgt werden.

Friesacker Schulleiterin bedauert: Mehr mehr Verwaltung als mit pädagogischen Anliegen beschäftigt

„Für die nächste Woche sind noch genügend Tests da“, berichtet Heike Hoffmann, Leiterin der Kooperationsschule Friesack. 430 Mädchen und Jungen besuchen die Einrichtung, die meisten werden dreimal die Woche getestet, in einigen Klassen, wo es Quarantänefälle gibt, müsse gar täglich geprüft werden. „Wenn die tägliche Testpflicht für alle kommt, wird es eng“, sagt die Schulleiterin. Angeblich sollen in der 49. Kalenderwoche neue Tests kommen. In der Schule selbst werden nur die Schüler „nachgetestet“, die ihren Elternzettel vergessen haben und deren Eltern nicht telefonisch erreichbar sind. „Aber eigentlich klappt es ganz gut“, schätzt die Schulleiterin die aktuelle Situation ein. Trotzdem beklagt sie die Gesamtsituation: Sie habe mehr mit der Verwaltung als mit pädagogischen Anliegen zu tun.

Dallgower Schulleiter berichtet von unvollständigen und fehlerhaften Testkits

Auch an der Grundschule „Am Wasserturm“ in Dallgow-Döberitz gilt: Ohne negative Testbescheinigung darf niemand das Schulgebäude betreten. „Im Moment geht es wieder, was den Vorrat an Schnelltests betrifft“, erklärt Schulleiter Hendrik Frost. Er merkt aber ebenfalls an, dass vor allem in den jüngsten Chargen von Schnelltests unvollständige oder fehlerhafte Testkits geliefert wurden. In solchen Fällen stelle die Schule aus ihrem vorhandenen Pool sofort neue Tests zur Verfügung, ergänzt er. Unter der aktuellen Verordnung von drei Tests pro Woche führt man für die Dallgower Grundschule mehr als 2000 Tests wöchentlich durch. Einen kleinen Vorteil habe man, weil die Grundschule über zwei Standorte verfügt und nicht alle Klassen im gleichen Gebäude unterrichtet werden. Sollten Eltern ihr Kind aus Angst vorerst zu Hause lassen wollen, zeige man sich verständnisvoll und wolle sich nicht in den Weg stellen, so Frost.

Falkenseer Lise-Meitner-Gymnasium würde gern noch mehr testen, muss sich die Testkits jedoch einteilen

Aktuell noch gut versorgt mit Corona-Tests ist man am Lise-Meitner-Gymnasium in Falkensee. Die Umstellung von zwei auf drei Testtage pro Woche habe daher gut umgesetzt werden können, sagt die stellvertretende Schulleiterin Katja Siekmann. Trete eine Coronainfektion auf, müsse die gesamte Klasse oder gar Jahrgangsstufe mit einem täglichen Testkontingent ausgestattet werden. Die Versorgung sei bislang, auch langfristig, stets gelungen. Die Umstellung von zwei auf drei Testtage je Woche begrüßt Siekmann, auch wenn dies die Test-Vorräte deutlich reduziert habe. Dennoch achte man sehr darauf, im Falle von gemeldeten Coronainfektionen immer noch alle betroffenen Lerngruppen oder Jahrgänge mit einem täglichen Testvorrat ausstatten zu können. „So kann der Vorrat innerhalb einer Woche auch schon mal um 2000 Tests schrumpfen“, berichtet Siekmann. Derzeit gebe es auch Nachfragen, bereits geimpfte und genesene Personen fortlaufend mit Tests auszustatten. Dies ist laut Verordnung nicht vorgeschrieben, da diese Personen den Getesteten gleich gestellt sind. „Wir würden diesen Vorschlag wirklich gerne unterstützen, jedoch geben das die aktuellen Vorräte nicht her und wir würden nicht mehr auf aktuelle Fälle, die ein tägliches Testen erfordern, schnell reagieren können“, beschreibt die stellvertretende Schulleiterin die Situation.

Das „Lise-Meitner-Gymnasium“ in Falkensee. Quelle: Nadine Bieneck

Laut aktuellem Testkonzept sei, so Siekmann, der Schule für die 49. Kalenderwoche (zweite Dezemberwoche, ab 6. Dezember) eine neue Lieferung von Testkits angekündigt worden. „In der Vergangenheit waren manche Schulen jedoch von Lieferschwierigkeiten betroffen, sodass wir hier auch eventuelle Verzögerungen bei der Testausgabe einkalkulieren müssen“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Die Testergebnisse sowie der Geimpft- und/oder Genesenenstatus werden am „LMG“ inzwischen – „jahreszeitbedingt“, so Siekmann – vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde vor dem Betreten des Unterrichtsraumes überprüft. „Dies klappt überwiegend problemlos und wir danken hier ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten“, sagt die stellvertretende Schulleiterin erleichtert. Sie weiß zudem, dass Lehrkräfte ebenso wie die Schülerinnen und Schüler froh sind, dass der Unterricht gemeinsam vor Ort weiterhin stattfindet. Aktuell seien nur wenige Schüler in Quarantäne. „Das führen wir auch auf einen sehr verantwortungsvollen Umgang mit der Gesamtsituation in den Familien zurück“, so Siekmann. „Die Rückkehr zu einem Mehr an Normalität wünschen sich aber sicherlich viele. Seit März 2020 stellen wir uns immer wieder auf neue Bedingungen vor Ort ein und haben dabei immer den Bildungserfolg unserer Schülerinnen und Schüler im Fokus. Gerade sind wir in der Oberstufe in der Klausurphase und die reguläre Arbeit würde uns völlig reichen“, sagt sie nachdenklich. Aufgrund der steigenden Fallzahlen sei jedoch täglich eine zunehmende Anspannung und auch Verunsicherung zu bemerken. „Die aktuellen Strategien im Umgang mit der Pandemie sind für viele nicht immer nachvollziehbar“, so die Pädagogin.

Personalrat der Lehrkräfte fordert unterdessen tägliche Tests – Bildungsministerium Britta Ernst bläst ins gleiche Horn

Unterdessen forderte der Hauptpersonalrat für Lehrkräfte in Brandenburg am Freitag angesichts steigender Infektionszahlen noch mehr Corona-Tests an den Schulen im Land. Für alle Personen, die die Gebäude betreten wollen, sei ein täglicher negativer Test unverzichtbar, hieß es. Bildungsministerin Britta Ernst hatte am Donnerstag im Landtag diese Marschroute ebenfalls in Aussicht gestellt. „Wir müssen alles tun, um die Schulen offen zu halten“, mahnte sie. Tägliche Tests der Schülerinnen und Schüler seien daher das Ziel, sobald genügend Test-Materialien verfügbar sind. Wann dies der Fall sein wird, ist ob der aktuellen Corona-Entwicklung jedoch offen. Zuletzt waren alle Schulen im Land nach den Herbstferien mit Testkits beliefert worden, teilte Ant- je Grabley vom Bildungsministerium auf MAZ-Nachfrage mit. Für die Havelländer Eltern bedeutet dies, auch weiterhin um die Gesundheit ihrer Kinder bangen zu müssen.

Lesen sie dazu auch:

MAZ-Kommentar von Ulrich Wangemann: „Corona an Schulen: Berechtigte Sicherheitsbedenken

Corona-Zahlen an Brandenburger Schulen am 19. November 2021

Das Bildungsministerium erfasst regelmäßig die Zahlen zum Infektionsgeschehen an Brandenburger Schulen. Sie werden im Rahmen statistischer Erfassungen von den Schulen ans Ministerium gemeldet. Am Freitag, 19. November, veröffentlichte das Ministerium folgende aktuelle Corona-Zahlen an den Schulen im Land (Stichtag: 18. November 2021):

Schulen und Lerngruppen

– 3 Schulen geschlossen (Vorwoche: 4)

– 108 Schulen mit einzelnen Lerngruppen in Quarantäne (Vorwoche: 99)

– 258 Lerngruppen in Quarantäne an den betroffenen Schulen (Vorwoche: 249)

Lehrkräfte

– 376 positiv getestete Lehrkräfte (1,50 Prozent), darunter 51 Neuinfektionen am Stichtag (Vorwoche: 241 (0,96 Prozent), darunter 44 Neuinfektionen am Stichtag)

– 594 Lehrkräfte in Quarantäne (2,38 Prozent) (Vorwoche: 373 – 1,49 Prozent)

Schülerinnen und Schüler

– 4.813 positiv getestete Schülerinnen und Schüler (1,62 Prozent), darunter 766 Neuinfektionen am Stichtag (Vorwoche: 2.901 (0,97 Prozent), darunter 555 Neuinfektionen am Stichtag)

– 14.903 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne (5,01 Prozent) (Vorwoche: 11.259 / 3,78 Prozent)

Bezugsgrößen: Im Schuljahr 2021/22 gibt es im Land Brandenburg 923 Schulen, rund 25.000 Lehrkräfte sowie rund 297.700 Schülerinnen und Schüler an Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft.

Von Nadine Bieneck, Jens Wegener, Max Braun und Marlies Schnaibel