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Nauen In Lager finden die Leute die Lage super
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MAZ vor Ort in Bergerdamm-Lager: Die Leute im Dorf finden die Lage super

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09:19 20.11.2021
Harry Bunzel ist ein waschechter Lagerist. Er ist im Dorf geboren und aufgewachsen. Die zerfahrene Bankette an der Straße ärgert ihn.
Harry Bunzel ist ein waschechter Lagerist. Er ist im Dorf geboren und aufgewachsen. Die zerfahrene Bankette an der Straße ärgert ihn.
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Bergerdamm-Lager

Friedlich liegt der See am Rande des Örtchens Lager. In der Ortsmitte stehen neben sanierten, alten Häusern auch neue Einfamilienhäuser. Nur der Ortsname „Lager“ erinnert an die dunkle, vergangene Zeit vor über 100 Jahren. Der erste Weltkrieg (1914 – 1918) war in vollem Gange und um 1915 karrte man 5000 russische Gefangene nach Lager. Nachts zusammengepfercht in Baracken schufteten sie tagsüber im Sumpf, um ihn trockenzulegen (Melioration). Und als 1918 im Nachbarort die Hanffabrik entstand, schufteten Russen und Franzosen dort, um aus Hanfpflanzen Fäden und Co. herzustellen. Auch Wanderarbeiten waren in Lager in Schnitterbaracken untergebracht.

Die Landschaftsgärtner Peter und Monika Firley haben Haus und Garten in Schuss. Autoraser und laute Flieger trüben manchmal ihre Idylle. Quelle: Jeannette Hix

Um die Melioration voranzutreiben, war um 1914 ein Feldbahn-Gleis zwischen dem damaligen Bahnhof Berger Damm an der Berlin-Hamburger Bahn und dem Ort Bergerdamm gelegt worden. Auch hier packten Kriegsgefangene mit an. Teile des Feldbahnnetzes blieben später für die landschaftliche Nutzung erhalten. Auf der Strecke Bergerdamm – Hertefeld – Ribbeckshorst und Paulinenaue – Eichberge und zurück nach Bergerdamm fuhr die kleine Feldbahn.

„Auf den Waggons hab’ ich als Kind gesessen“, erinnert sich Harry Bunzel (68), der die MAZ beim Rundgang durch Lager per Pedes begleitete. Auch Ortsvorsteher Torsten Strebel war wieder dabei.

Brigitte und Peter Wallwitz zogen vor neun Jahren ins idyllische Lager – wenn da am Wochenende nicht die lauten Flieger von Bienenfarm wären. Quelle: Jeannette Hix

Harry Bunzel hat die Entwicklung seines Dorfes hautnah miterlebt. Denn er wurde im Ort geboren und wuchs hier auf. „Im Gutshaus im Ort war früher meine Schule drin“, sagt Harry Bunzel und zeigt auf das Gebäude, das heute in Privatbesitz ist. Der sanierte Bau aus den 20er Jahren soll nach dem Zweiten Weltkrieg sieben vertriebenen Familien Unterschlupf geboten haben.

Cataleya wird von ihrer Mama Adeline Friedrich zur Schule gefahren. Der Rückweg mit dem Bus ist schwierig – die Fahrzeit müsste enger getaktet sein. Quelle: Jeannette Hix

Später hatte der Konsum und der Bürgermeister seinen Sitz. „Zu DDR-Zeiten hatten wir in Lager zwei Gaststätten, einen Saal und sogar ’ne Imbissbude und ’ne eigene Wasserversorgung“, sagt Harry Bunzel. In seinem Haus fand er einen Hinweis, dass es 1889 umgebaut wurde. Das Datum legt nahe, dass Lager schon vor 1915 bestanden hat, und vielleicht, wie Hertefeld, Vorwerk war.

„Würde der Bus gegen Abend häufiger fahren, würde ich das Auto stehen lassen“, sagt Sabrina Wohlgemuth. Erst seit drei Monaten wohnt sie in Lager. Quelle: Jeannette Hix

Die Feldbahn ist lange verschrottet und heute düsen neben Pkw und Bus auch Landmaschinen durch die Lindenstraße im Herzen des Ortes. Diesbezüglich hat Harry Bunzel einen Wunsch auf dem Herzen: „Die Autos rasen hier oft so lang, als wäre es eine Rennstrecke. Weil die Straße so schmal ist, müssen zwei entgegenkommende Fahrzeuge dann auf den Rand ausweichen. Den Rand, den ich mit Rasen bepflanzt habe und laut Auflage der Stadt pflegen soll. Die Bankette ist inzwischen wieder so zerfahren, dass ich befürchte, der Rasenmäher könnte kaputtgehen.“

Hier waren russische Kriegsgefangene untergebracht – sie legten mit das moorige Areal trocken, schufteten später in der Hanffabrik. Quelle: Foto: Archiv/Johl

Wie Harry Bunzel wünschen sich Anwohner wie Peter Schulz (32), Peter (78) und Brigitte Wallwitz (73) sowie die Landschaftsgärtner Peter (71) und Monika Firley (66), dass Autofahrer nicht mit „Bleifuss“ durch den Ort rauschen. „Jetzt hat die Stadt Nauen am Dorfeingang ein Riesen-30er-Symbol aufgemalt und kaum jemand hält sich an die Geschwindigkeit“, sagt Anwohnerin Monika Blümel (66). Schade finden es Anwohner wie sie, dass die geplante Bodenschwelle noch nicht gebaut wurde, um Raser auszubremsen.

Christian Siebel ist Pendler und wünscht sich, dass die extrem marode L173 zwischen Bergerdamm und Dreibrück endlich saniert wird. Quelle: Jeannette Hix

„Das böse Erwachen kommt Ortsunkundigen spätestens auf der Landesstraße 173 zwischen Bergerdamm und Nauen-Dreibrück“, sagt Christian Siebert (40), der seit 2014 in Lager wohnt. Das Haus seines Opas hat er sich ausgebaut. „Die Straße ist zwischen den Ortsteilen so uneben, dass das Auto Schaden nehmen könnte, selbst wenn man sich an die bereits heruntergesetzte Geschwindigkeit von 50 Km/h hält“, sagt Ortsvorsteher Torsten Strebel. Zweimal habe man den für die Landesstraße zuständigen Landesbetrieb für Straßenwesen mit der Bitte um Abhilfe angeschrieben. „Da haben wir nicht mal eine Antwort bekommen“, sagt Strebel.

Monika Blümel fährt viel Rad. „Der geplante Radweg von Nauen, wenigstens bis Hertefeld, müsste endlich gebaut werden“, findet sie. Quelle: Jeannette Hix

Christian Siebel wünscht sich, genau wie Monika Blümel, dass der geplante Radweg von Nauen wenigstens bis Hertefeld gebaut wird. „Viele Leute würden ihn nutzen“, sagt Frau Blümel. Denn der Bus mache sich rar im Dorf. Ein Umstand, den auch Cataleya (7) und ihre Mama Adeline Friedrich (41) bemängeln. „Auf dem Hinweg nehme ich Cataleya mit dem Auto mit“, sagt Adeline Friedrich, die in Nauen arbeitet. Aber der Rückweg gestalte sich schwierig. Die Busverbindung müsste enger getaktet sein.

Peter Schulz hat neu gebaut – auch die Natur zog den Angler nach Lage. Quelle: Jeannette Hix

Das findet auch Sabrina Wohlgemuth (41): „Mein Mann und ich arbeiten in Berlin und würden gerne mit dem Bus bis zum Bahnhof Nauen fahren und dann weiter mit dem Zug. Aber die Busverbindung zum Feierabend ist so ungünstig, dass wir auf das Auto angewiesen sind.“

Torsten Strebel steht am Pavillon auf dem Volleyballplatz am See. Angedacht ist, eine weitere Sitzgruppe aufzustellen - droht dann wieder Vandalismus? Quelle: Jeannette Hix

Bei unserem Dorfrundgang kommen wir auch am Spielplatz vorbei, auf dem eine neue Sitzbank aufgebaut wurde. Der Sportplatz soll demnächst ein Stück vorwärts an die Bushaltestelle rücken – Baumbewuchs macht den Umzug nötig. „Wir hoffen, dass dann auch das Bushäuschen vom Graffiti bereinigt ist und wieder neue Fenster hat – der Antrag bei der Stadt ist gestellt.“

Bleibt zu hoffen, dass das Wartehaus dann so ansehnlich bleibt und nicht wieder beschmiert und geschändet wird.

Von Jeannette Hix