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Havelland Neues Heimatjahrbuch für 2018 ist erschienen
Lokales Havelland Neues Heimatjahrbuch für 2018 ist erschienen
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14:20 26.11.2017
Heimatjahrbuch 2018: Begegnung oder Der Zerrissene – Gemälde von Kurt Magritz (1972).
Heimatjahrbuch 2018: Begegnung oder Der Zerrissene – Gemälde von Kurt Magritz (1972). Quelle: Hans-Peter Theurich
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Falkensee

„Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet“, schrieb der Dichter Friedrich von Schlegel (1772-1829). Eingedenk dieser Worte durfte man gespannt sein, ob das „Heimatjahrbuch 2018 für Falkensee und Umgebung“ nur in der Vergangenheit rumstochert oder uns Zeitgenossen Hinweise liefert für die Zukunft. Volles Haus jedenfalls bei der Präsentation im Museum am Freitagabend, sogar Bürgermeister Heiko Müller zählte zu den Gästen.

Kleines Fazit vorab: Die Autoren haben interessante Texte geliefert. Falkensee ist mehr als ein x-beliebiger Ort im Berliner Speckgürtel. Die Stadt steckt voller Erinnerungen an die deutsche Geschichte, an Frauen, Männer und Kinder, deren Schicksale uns heute noch zu denken geben und uns beeinflussen.

700 000 Flüchtlinge kamen infolge des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches nach Brandenburg. Gudrun Kranert schildert in ihrer bewegenden Dokumentation das Schicksal vieler Kinder und zitiert ein Mädchen aus dem ostpreußischen Königsberg. „Wieder ein neues Lager, Falkensee bei Berlin. Hier erlebe ich den Heiligen Abend 1947. Ein großer Saal mit einer glitzernden Tanne. (…) Aber ich bin allein hier, wo sind meine Geschwister?“ Eine Frau aus Falkensee sah einen Buben im Flüchtlingslager und wollte ihn an Kindes statt annehmen. Doch der Elfjährige hatte schon die Mutter und den großen Bruder verloren. „Um nichts in der Welt wollte er seinen kleinen Bruder im Lager zurück lassen. Also ging die Falkenseerin mit zwei Jungen nach Hause.“ Angesichts der zahllosen Flüchtlinge auf unserem Planeten sagte Gudrun Kranert: „Wir können froh sein, dass immer noch Menschen anderen helfen, wieder auf die Beine zu kommen.“

Bevor Willi Carl aus einem Text von Manfred Schulz las, sagte er: „Die Geschichte über den Maler Simeon Nalbandian wirkt wie ein Krimi, der verfilmt werden müsste!“ Da hat er recht. Der armenische Künstler (1883-1964) wurde auf der Krim geboren und landete nach Irrungen und Wirrungen in Falkensee. Ein paar Stationen seines Lebens: 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei Russlands, später bei den Genossen in Frankreich, während der Nazizeit Aufenthalte in Berlin. 1960 zieht er mit seiner Frau Ursula in die Kastanienallee in Falkensee. Was lernen wir daraus? Die Krim gehört wieder zu Russland, und wir wissen nicht wie es weiter geht.

Noch ein politischer Aktivist und Maler: Kurt Magritz (1909-1992). Seine Tochter Maria Rüger deutet in einem Artikel das Leben des Künstlers als linientreuer Kulturfunktionär in der DDR lediglich. Er findet 1970 in Finkenkrug ein Haus mit Garten und damit „ein kleines Paradies“. Schön für ihn muss das gewesen sein, während andere DDR-Bürger in den Gefängnissen Hohenschönhausen oder Bautzen gelitten haben. Aber solche Gedanken entstehen erst bei reflektierter Lektüre des Essays.

Burkhard Berg ist Vorsitzender des Fördervereins für das Museum und sagte: „Das neue Heimatjahrbuch 2018 bildet ein Highlight im Vereinsleben.“ Man muss es nur richtig zu lesen wissen, dann bringt es was für die Zukunft.

Info: „Heimatjahrbuch 2018 für Falkensee und Umgebung“. 7,50 Euro.

Von Hans-Peter Theurich