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Havelland Prozessauftakt gegen illegale Zigarettenhändler
Lokales Havelland Prozessauftakt gegen illegale Zigarettenhändler
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00:20 12.01.2018
Operation Glimmstängel Kriminalitätsbekämpfung - Die havelländische Polizei erhöhte 2009 den Druck auf illegale Zigarettenhändler und deren Kunden
Operation Glimmstängel Kriminalitätsbekämpfung - Die havelländische Polizei erhöhte 2009 den Druck auf illegale Zigarettenhändler und deren Kunden Quelle: Markus Kniebeler
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Rathenow

Es war der Traum vom guten Leben in Deutschland, den die junge Vietnamesin N. in ihrem Heimatland träumte. Sie hatte nach der Mittleren Reife keinen Beruf gelernt, war in Vietnam als Lohn- und Leiharbeiterin beschäftigt. In Deutschland, da werde sie eine gute Arbeit finden – so der Traum. Und genug verdienen, um die Familie zu ernähren.

Also reiste N. im Mai 2015 nach Deutschland ein – und musste erleben, dass Deutschland nicht das Schlaraffenland ist. Sie wohnte mal hier und mal da, bekam ein Kind und lernte dann ihren Landmann C. kennen. Schnell zog sie mit ihm zusammen, es kam ein zweites Kind.

C. wusste, wie man in Deutschland zu Geld kommt. Schmuggelzigaretten sind in Rathenow und Umgebung eine beliebte Ware – und C. wohnte in Milow. Und so sie zogen zusammen einen Schmuggelzigarettenverkauf auf – professionell, mit Buchführung und allem was dazugehört. Die Glimmstängel kamen aus Polen und wurden von Familienmitgliedern und Bekannten verkauft. Das ging eine ganze Zeit lang gut, immerhin von Oktober 2016 bis Juli 2017 – da flog der illegale Zigarettenhandel auf.

C. war im Jahr 2011 nach Deutschland gekommen. In Vietnam hatte er in einer Familie mit sechs Geschwistern gelebt. Er schlug sich als Gelegenheitsarbeiter durch. In Deutschland hatte er einen Asylantrag gestellt, war zunächst in Fulda (Hessen), später in Milow.

Seit Montag wird gegen das Paar verhandelt. Zuständig ist das Schöffengericht am Amtsgericht Potsdam. Rathenow und die Region sind das Hinterland für Zigarettenschmuggler. Die Polizei fährt hier ständig Kontrolltouren. Doch meist gelingt es nicht, die Händler – zumeist Vietnamesen – zu erwischen. Die Ware ist gut versteckt und wird nur hervorgeholt, wenn ein Käufer erscheint. Und wenn die Polizei unterwegs ist, dann spricht sich das schnell rum.

Erwischen die Ordnungshüter doch einmal einen Verkäufer, ist der bald wieder auf freiem Fuß. Im vergangenen Jahr gelang ein Schlag gegen die Organisatoren hinter den Händlern.

C. und N. hatten sich die Arbeit geteilt. Er kümmerte sich um den Ankauf, vereinbarte mit den polnischen Lieferanten Übergabetermine und wartete am Anlieferort, um die Schmuggelware zu übernehmen. Das waren in Rathenow der Dunckerplatz, der Garagenkomplex am Bruno-Baum-Ring und eine Garagenzeile in der Neufriedrichsdorferstraße. Zweimal, später dreimal im Monat wurden die Zigaretten geliefert. Immer zwischen 200 und 350 Stangen. Sie führte Buch, kümmerte sich um die Finanzen und half, wo immer Hilfe nötig war.

Und plötzlich hatte N. das Geld, von dem sie träumte – zumindest etwas. Der Traum zerplatzte wie eine Seifenblase, als die Polizei im Herbst des Jahres 2017 zuschlug und den Schmugglerring sprengte. C. sitzt in Untersuchungshaft, N. wohnt derzeit in Berlin.

Es wird eine komplizierte Verhandlung. Schon die Anklageverlesung war für die Staatsanwältin eine Konzentrationsübung. Sie musste 43 Einzelfälle schildern. Die Angeklagten äußerten sich vorerst nur zur Person, schilderten, wie sie aufgewachsen waren und ihre persönlichen Verhältnisse. Zu den Vorwürfen selbst schweigt C. und auch N. hält sich zunächst bedeckt. Ihr Rechtsanwalt sagte allerdings, seine Mandatin werde sich „später äußern“. Der Zeitpunkt blieb am Montag offen.

Zunächst sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

Von Joachim Wilisch

12.01.2018
09.01.2018